Milena Moser über Tabuthemen
Gespräche am offenen Herzen

Small Talk liegt mir nicht, je länger je weniger. Aber vielleicht übertreibe ich es manchmal ein bisschen in die andere Richtung …
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Die unausgesprochene Regel an einer Dinnerparty ist einfach: Niemanden in die Enge treiben.
Foto: Getty Images/Maskot

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Theresas Dinnerpartys behandeln ungewöhnliche und tiefgründige Themen wie den Tod
  • Jim sprach offen über den Verlust seiner Frau, trotz anfänglicher Scheu
  • Theresas Nachbarin ist zum ersten Mal bei einem Dinner dabei
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Milena MoserSchriftstellerin

Neulich sassen wir wieder einmal bei meiner Freundin Theresa um den Tisch. In über fünfundzwanzig Jahren habe ich unzählige Abende in ihrem Esszimmer verbracht. In den unterschiedlichsten Lebensphasen und Stimmungen. In den unterschiedlichsten Runden. Sie probiert nicht nur ständig neue Rezepte aus, sie lernt auch immer neue Menschen kennen. Und lädt sie dann auch gleich zum Essen ein.

Neulich hat ihr eine Nachbarin geklagt, dass ihre eigenen Dinnerpartys immer gleich verlaufen: «Erst geben alle der Reihe nach mit ihren wahnsinnig erfolgreichen Kindern an, und dann werden die Arzttermine der letzten Wochen im Detail nacherzählt.»

Klar hat Theresa sie daraufhin gleich zu sich eingeladen. «Bei mir reden wir über alles, über die Azteken, das Wetter, Fussball oder über den Tod.»

Über den Tod – und andere Kleinigkeiten

Die Nachbarin sitzt also zum ersten Mal in dieser Runde und weiss nicht genau, was sie erwartet. Jim, der vielleicht vor einem Jahr zu uns gestossen ist, sagt: «Genau so war es, als ich das erste Mal mit hier eingeladen war. Erinnerst du dich, Milena? Du hast mich geradezu traumatisiert!»

Traumatisiert? Das höre ich nun nicht jeden Tag. Ich bilde mir ja gerne ein, ich sei ein freundlicher und offener Mensch. Die Nachbarin schaut mich schon ganz verängstigt an, doch Jim winkt zum Glück gleich ab: «Ich meine das absolut positiv», sagte er. «So im Sinne eines chirurgischen Eingriffs.»

Jetzt verstehe ich noch weniger. Ich kenne zwar nur zwei Chirurginnen persönlich, aber die sind eindeutig beide um Lichtjahre klüger, radikaler und mutiger als ich.

Die Frage, die alle meiden

«Du hast mich nach dem Tod meiner Frau gefragt. Der lag damals vielleicht ein Jahr zurück, ich war gerade so dabei, mich neu zu sortieren.»

Jetzt erinnere ich mich auch, vor allem daran, wie sehr mich dieses Gespräch berührte, die Art, wie er über seine verstorbene Frau sprach.

«Du hast nachgehakt. Nicht aufdringlich, aber so, dass ich ehrlich antworten wollte. Meist verstummen die Leute ja sofort, wenn man einen Verlust erwähnt. Erst recht, wenn man sich erst seit fünf Minuten kennt. Ich bin erst schon etwas erschrocken. Will sie das wirklich wissen? Dachte ich.»

Ein Tabu, das keines sein sollte

Ich wollte.

Seine Frau war jahrzehntelang schwer psychisch krank gewesen. «Das ist einfach immer noch ein Riesen-Tabu», sagt Jim. «Ich hätte mir oft gewünscht, sie wäre an Krebs gestorben, darüber hätte ich einfacher reden können.»

Die Nachbarin schaut hilfesuchend zu Theresa hinüber, die Einzige, die sie schon länger kennt. Theresa lächelt: «Habe ich dir nicht gesagt, wir reden hier über alles.»

Das Gespräch nimmt dann auch wieder leichtere Wendungen, ein anderer Freund beschreibt die Kartoffelernte in seinem Garten und erklärt, warum in San Francisco keine wirklich schmackhaften Tomaten wachsen. Weil es einfach zu kalt ist.

Ja, wir reden auch übers Wetter. Wir reden über alles, weil wir uns an Theresas Tisch aufgehoben fühlen. Weil sie uns alle in all unseren Eigenarten so nimmt, wie wir sind. Auch mich, die ich immer zu schnell zu persönliche Fragen stelle.

Jim scheint es mir jedenfalls nicht übel zu nehmen. «Es war das erste Mal, dass ich so offen darüber reden konnte. Es hat mich erschüttert, aber es hat mir auch gutgetan. Wie ein chirurgischer Eingriff eben. Schmerzhaft, aber nötig.»

Ob sie wiederkommt?

«Du bist jedenfalls wiedergekommen», sagt Theresa. Als wir uns zum Abschied umarmen, flüstert sie mir ins Ohr: «Aber ob meine Nachbarin wiederkommt, weiss ich nicht.»

Wer weiss? Und wenn nicht, dann geniesst sie jetzt bestimmt ihre eigenen Tischrunden wieder …


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