Wasser trägt alles fort
Der Fluss lebt

Ein wunderschön gelegener Fluss hat die Last meiner Sorgen von mir genommen.
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Milena Moser erinnert sich an dieses urschweizerische Glücksgefühl: Sich einfach rückwärts in die Aare fallen und treiben zu lassen.
Foto: Mattia Coda

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Die Kolumnistin findet Ruhe unter Pinien an einem idyllischen Flussufer
  • Erinnerungen und Reflexionen über Krisen und das Leben begleiten den Moment
  • Ein eiskaltes Bad im Fluss bringt überraschende Leichtigkeit und Erleichterung
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Milena MoserSchriftstellerin

«Schau mal!» Meine Cousine zeigt auf eine Lichtung, die sich zwischen den niederen Pinien öffnet und den Blick auf ein kleines, windgeschütztes sonniges Fleckchen Erde direkt am Flussufer freigibt. «Ist das nicht der perfekteste Ort auf der Welt, um ein Buch zu lesen?»

Ich nicke, überwältigt von der Schönheit dieses klaren, stillen Gewässers. Vom Duft der Pinien, die am Ufer stehen, von den vereinzelten Wildblumen am Wegrand, den altmodischen Blockhäusern, die sich weiter unten um die Brücke drängen. Aber vor allem ist da eine grosse Weite. Eine Stille. Und in der Mitte dieser glasklare Fluss. Ruhig und gelassen fliesst das Wasser an uns vorbei und ist doch nicht aufzuhalten. Kleine Inseln ragen hier und da hervor, eine Entenmutter schwimmt mit einer erstaunlich grossen Anzahl Küken vorbei.

Der Fluss des Lebens

Unvermittelt fällt mir ein Filmtitel aus den Achtzigerjahren ein: «Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss». Der Titel war natürlich nicht ernst gemeint: Das Leben ist alles andere. Es besteht aus Schnellen und Untiefen, Wasserfällen, Wirbeln und Staudämmen.

Aber manchmal fliesst es auch einfach.

«Sind Flüsse lebendig?», fragt ein Buch, das mir eine Freundin ausgeliehen hat und das noch ungelesen auf einem Stapel liegt. Jetzt, auf diesem Spaziergang, ist mir die Antwort klar. Ja. Der Fluss lebt, das Leben fliesst.

Der ewige Krisenmodus

Auf dem Rückweg sehen wir die verborgene Lichtung vom anderen Ufer aus, und tatsächlich sitzt da jetzt jemand und liest ein Buch, genau so, wie meine Cousine es sich ausgemalt hat. Ein Hund liegt zu seinen Füssen, mit einer Hand hält er das Buch, mit der anderen streichelt er seinen Hund. Perfekt.

Ich schaue zu ihm hinüber, über das tanzende, glitzernde Wasser, und fühle, wie die Unruhe aus meinem Körper weicht, die Anspannung der letzten Wochen, die mir nicht einmal bewusst war. Victors letzte Krise war ja nicht lebensbedrohend. Und ich kenne doch diesen Kreislauf von der akuten Krise über eine längere Genesungsphase und endlich zu einem Aufatmen, einer Art von Normalität. Bis zur nächsten Krise. Oft benachrichtige ich gar niemanden mehr, wie ich es in den ersten Jahren getan habe: «Bin mit Victor im Notfall. Drückt die Daumen!» Es kommt zu oft vor, um immer das ganze Umfeld in diesen Strudel mit hineinzuziehen.

Ich habe sehr viel gelernt in diesen Jahren. Unterdessen habe ich einen fast automatischen Umgang damit, eine Art Krisenmodus, der sich wie auf Knopfdruck einstellt. Aber jetzt merke ich, dass dieser ewige Reigen doch seine Spuren hinterlässt.

Den Menschen, den ich liebe, zu sehen, wie er leidet, ist nun einmal unerträglich. Auch wenn sein Leben diesmal nicht in Gefahr war. Im Gegenteil, die Verzweiflung über den blöden Unfall mischt sich mit Wut: Das hätte doch nun wirklich nicht auch noch sein müssen! Ich hadere mit dem Schicksal und mit mir: Hätte ich das nicht verhindern können?

Ein Moment der Leichtigkeit

Ich spüre das Gewicht in meinen Schultern, die vielen kleinen Knoten in meinem Magen.

Doch all das löst sich auf, als ich den Lichtflecken zuschaue, die über die Wasseroberfläche tanzen. Der Fluss spült meine Sorgen weg, er nimmt alles mit und trägt es weiter.

Und dann erinnere ich mich, wie sehr ich es früher genossen habe, mich die Aare hinuntertreiben zu lassen, auf dem Rücken zu liegen und in den Himmel zu schauen, in die Blätter der Bäume, die am Ufer standen. Dafür ist dieser Fluss nicht tief genug, aber ich ziehe wenigstens die Schuhe aus und wate hinein.

Das Wasser ist eiskalt. Überrascht schreie ich auf, der Mann am anderen Ufer lässt sein Buch fallen, der Hund beginnt zu bellen, der Zauber des Augenblicks ist gebrochen.

Aber ich, ich fühle mich leichter.

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