Milena Moser über soziale Ungerechtigkeit
Reistüten fürs Gemüt

In der Hauptstadt der Superreichen hat ein Fünftel der Bevölkerung nicht genug zu essen. Wie ist so etwas möglich, und was kann ich da tun?
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Viele der armen Menschen in Milena Mosers Wahlheimat San Francisco (USA) sind dankbar für eine Handvoll Reis.
Foto: ddp images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Food-Bank-Aktion: Freiwillige helfen, Lebensmittel für Bedürftige zu verpacken
  • Schockierend: Studenten und Alleinstehende dominieren als Empfänger von Nahrungsmittelhilfe
  • Ergebnis: 120 Schachteln Reis abgefüllt, jede enthält 15 Tüten
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Milena MoserSchriftstellerin

Wir sind eine zusammengewürfelte Truppe, die sich in dieser kühlen Lagerhalle versammelt. Zwei Firmen nutzen den Nachmittag zur Teambildung, Teenager arbeiten ihre Jugendstrafen ab, ein Parksünder seine angesammelten Bussen. Und dann stehen noch ein paar einzelne Frauen wie ich da, die einfach irgendetwas tun müssen, um nicht an der Realität zu verzweifeln.

Einen Nachmittag lang in der Food Bank auszuhelfen, ist die einfachste und unkomplizierteste Form der gemeinnützigen Arbeit. In der Lagerhalle füllen wir die Lebensmittel ab und verpacken sie in Schachteln, die am nächsten Tag dann ausgeteilt werden.

Die Reichen könnten Notstände beheben

Das alles erklärt uns Patrick, der uns heute betreut: Die Nahrungsmittel gehen nicht, wie ich zuerst annahm, in erster Linie an die Menschen ohne festen Wohnsitz. Nein, diese machen nur einen winzigen Teil der Hungrigen aus. Die grosse Mehrheit besteht aus Familien, älteren Alleinstehenden und Studenten. Erschreckend vielen Studenten. Jetzt, wo die staatliche Unterstützung wie Essensmarken oder Gratisessen für Schulkinder weggefallen ist, ist die Not noch grösser geworden. Diese Kürzungen wurden bekanntermassen vom allerallerreichsten Mann der Welt veranlasst. Aber auch die Nächstreichsten, die hier ihre Geschäfte tätigen, könnten diesen und andere Notstände leicht beheben. Zum Beispiel, indem sie ihren Angestellten Löhne bezahlten, von denen sie auch leben könnten. Aber deren Einstellung ist eher: «Dann sollen sie doch Kuchen essen!» 

Ach, und schon reg ich mich wieder auf. Diese Ungerechtigkeit, nein, dieses Unrecht raubt mir Schlaf und Nerven. Da hilft nur eins: Ich muss etwas tun. Auch wenn es etwas ganz Unbedeutendes ist, wie das Aufkleben von Kochanweisungen auf frisch verpackte Halbkilobeutel mit Reis.

(Un-)Eigennützige Arbeit

Zu sechst stehen wir an einem Tisch, zwei füllen den Reis ab, zwei wiegen die Tüten, die genau ein Pfund schwer sein müssen, noch mal nach. Und die letzten beiden versiegeln sie und kleben die Etiketten auf. Schnell haben wir unseren Rhythmus gefunden, das anfängliche Geplauder verstummt. Es ist eine einfache Arbeit, und doch müssen wir uns konzentrieren. Patrick geht von Tisch zu Tisch: «Passt auf beim Abwägen, streut die Reiskörner nicht überall rum, die Beutel bitte flach streichen, nicht so viel Luft mitversiegeln!» Die beiden Firmenteams verfallen jetzt plötzlich in einen Wettstreit, welcher Tisch schneller arbeitet, mehr Schachteln abfüllt. Sie stellen sie aufeinander, sodass sie sehen können, welcher Stapel schneller wächst. Dann stolpert jemand, die beiden Schachteltürme stürzen ein und schlittern über den Boden. Wir müssen alle lachen.

Und schon ist die Schicht zu Ende. Patrick bedankt sich für unseren Einsatz und fotografiert die Gruppe mit einem Schild, auf dem steht, wie viel Reis wir heute abgefüllt haben: 120 Schachteln zu je 15 Tüten. 

«Waren wir die Besten?», ruft jemand und Patrick gibt die einzig mögliche Antwort: «Mit Abstand!»

Erst als ich wieder zu Hause bin, merke ich, wie müde ich bin. Müde, aber auch irgendwie zufrieden. Als hätte ich wirklich etwas getan. Victor (der im Gegensatz zu mir genau weiss, was es bedeutet, nicht zu wissen, wann er das nächste Mal etwas essen wird – und was) hat gekocht. Selten hab ich eine Mahlzeit so genossen. Selten hab ich sie so gewürdigt.

Gemeinnützige Arbeit ist nicht der richtige Begriff für das, was ich heute erlebt habe, denke ich. Im Gegenteil: Es war absolut eigennützig.

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