Darum gehts
- Das US-Justizministerium veröffentlichte am 30. Januar weitere Epstein-Akten
- Opfernamen blieben ungeschwärzt, Nacktfotos landeten unzensiert im Internet
- Das DOJ löschte hastig die Downloads. Zu spät: die Daten waren längst gesichert
3,5 Millionen Seiten, 180'000 Bilder, 2000 Videos. Am 30. Januar stellte das US-Justizministerium (DOJ) die bisher grösste Tranche der Epstein-Akten online. Der Epstein Files Transparency Act hatte die Veröffentlichung erzwungen – mit sechs Wochen Verspätung. Das Gesetz wurde im November 2025 vom US-Kongress mit 427 zu 1 Stimmen verabschiedet. Es sollte Licht ins Dunkel um den verurteilten Sexualstraftäter und Financier Jeffrey Epstein (1953–2019) bringen. Stattdessen wird es zum grossen Daten-Desaster.
Das Ministerium bot zwei Zugänge zu den Dokumenten. Erstens: eine Suchfunktion auf seiner Website. Sie erfordert exakte Stichworte, liefert Treffer einzeln, Dokument für Dokument, bietet keinerlei Filterfunktionen. Wer damit systematisch arbeiten will, muss grossen Aufwand betreiben, mühsam jede Datei öffnen, prüfen, speichern. Bei dem gigantischen Datenberg ein schier aussichtsloses Unterfangen. Zweitens: ZIP-Archive zum Download. Das sind komprimierte Datenpakete, die alle Dokumente gebündelt enthalten. Zwölf Datensätze, nummeriert von 1 bis 12, wobei die Archive 1 bis 8 bereits letzten Dezember veröffentlicht wurden. Es ist die praktischere Lösung für Journalisten, Anwälte und die vielen Recherche-Teams, die sich auf die Daten stürzten.
Doch das DOJ machte die Arbeit der Archivisten schwer. Server drosselten das Tempo, Downloads brachen ab. Dataset 9, mit rund 170 Gigabyte das grösste Archiv, war nie vollständig zugänglich. Der Download stoppte immer wieder. Von den geschätzten 600'000 Dateien dieses Archivs konnten Nutzer nur die Hälfte sichern.
Löschung von Files
Am Mittwoch dann verschwanden plötzlich alle ZIP-Dateien von der Website. Das DOJ begründete den Schritt mit «notwendigen weiteren Schwärzungen». Doch auch diese Umsetzung war stümperhaft. Das Ministerium entfernte nur Download-Links von der Website. Mehrere Dateien blieben auf dem Server liegen. Wer die direkte URL kannte: www.justice.gov/epstein/files/DataSet01.zip, konnte weiterhin zugreifen. Ein Reddit-Nutzer fasste es treffend zusammen: «Sie löschen den Wegweiser und glauben, das Ziel existiere nicht mehr.» Die Datasets 9, 10 und 11, also jene, die neu veröffentlicht wurden und am meisten interessierten, fehlen aktuell.
Folgende Dateien sind aktuell als ZIP-Files beim DOJ verfügbar. Stand 5. Februar 2026, 9.30 Uhr.
- ✅ Epstein Files Data Set 1: 1,2 GB
- ✅ Epstein Files Data Set 2: 631 MB
- ✅ Epstein Files Data Set 3: 595 MB
- ✅ Epstein Files Data Set 4: 352 MB
- ✅ Epstein Files Data Set 5: 61,5 MB
- ✅ Epstein Files Data Set 6: 51,3 MB
- ✅ Epstein Files Data Set 7: 97 MB
- ❌ Epstein Files Data Set 8: 10 GB (nur mit Direkt-Link verfügbar)
- ❌ Epstein Files Data Set 9: unvollständig, 96,25 GB von 180 GB (Community-Angabe)
- ❌ Epstein Files Data Set 10: 78,6 GB, nur über Torrent-Netzwerke
- ❌ Epstein Files Data Set 11: 25,55 GB, nur über Torrent-Netzwerke
- ✅ Epstein Files Data Set 12: 114 MB
Das Ausmass der Fehler
Erst nach der Löschung wurde klar, warum das Ministerium so hastig reagiert hatte. Per Gesetz hätte das DOJ alle Opfernamen schwärzen müssen. Die Anwälte der Betroffenen hatten vorab eine Liste mit 350 Namen eingereicht. Das «Wall Street Journal» überprüfte 47 davon und fand 43 ungeschwärzt. Einige tauchten über hundert Mal in den Files auf. Die Fehler folgten keinem Muster. In einer Opferliste von 2016 war von dreissig Namen einer geschwärzt. In E-Mails war einmal die Adresse des Täters zensiert, mal die des Opfers, oft gar keine. Bei Videos versagte die Zensur, sobald sich Personen schnell bewegten. Das Tech-Medium «404 Media» fand ausserdem mehrere unzensierte Nacktfotos in den Files. In den Akten selbst warnten Ermittler bei einigen sichergestellten CDs vor «POSSIBLE CSAM», also möglichem Kindesmissbrauchsmaterial. Die Bilder blieben tagelang öffentlich zugänglich.
Vize-Justizminister Todd Blanche spielte das Problem herunter. Die Fehler beträfen «0,001 Prozent» aller Epstein-Dokumente, sagte er gegenüber «ABC News». Die Anwälte der Opfer sprachen von Tausenden Fehlern. «Wir haben sie innerhalb einer Stunde nach Veröffentlichung gemeldet. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass sie nicht sofort behoben wurden», sagte Brad Edwards zum Sender.
Ungereimtheiten gab es zudem bei der Nummerierung. Jedes Dokument trägt eine EFTA-Kennung, gefolgt von einer fortlaufenden Nummer. Doch die Abfolge ist lückenhaft. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass Dateien absichtlich gelöscht wurden. Das DOJ erklärte zuvor, man habe insgesamt sechs Millionen Seiten gesichtet. Veröffentlicht wurden bisher rund 3,5 Millionen. Fast drei Millionen Seiten hält das Ministerium zurück: wegen möglichen Kindesmissbrauchsmaterials, zum Schutz von Opferrechten oder aufgrund von Anwaltsprivilegien.
Das Internet vergisst nicht
Während das Ministerium Files löschte und danach wieder online stellte, sicherten Datenarchivisten die ursprünglichen Dateien. Innerhalb von Stunden kursierten Torrents in Fachforen, also über dezentrale Filesharing-Netzwerke, bei denen Nutzer Dateien direkt untereinander teilen. Das Internetarchiv archive.org legte Kopien an. Private Sammler speicherten die Files sogar auf Magnetbändern. «Ich nutze LTO6-Tapes», schrieb ein Nutzer im Forum r/DataHoarder auf reddit.com. «Die halten 40 Jahre. Falls die Originale manipuliert werden, habe ich den Ursprungszustand.»
Hier beginnt die Arbeit: Die Verifizierung wird enorm viel Zeit beanspruchen. Die ZIP-Archive vom DOJ-Server stimmen nicht mit den zuvor gesicherten Versionen überein. Dateien tragen unterschiedliche Namen, haben abweichende Grössen. Welche Änderungen das Ministerium nachträglich vornahm, absichtlich oder durch das erneute Komprimieren, lässt sich nur durch aufwendigen Abgleich der einzelnen Dokumente klären.