Darum gehts
60'000 Migranten haben am Ende vergangener Woche die kleine spanische Exklave Ceuta gestürmt. Darunter: viele Jugendliche aus Marokko. Während die meisten Ankömmlinge wieder zurückgekehrt sind, harren immer noch Hunderte Kinder und Jugendliche in Industrieruinen aus, wie Blick am Montag enthüllte. Niemand gibt ihnen Essen, niemand kümmert sich um sie. Sie sind schutzlos dubiosen Typen ausgeliefert, die herumlungern und sich mit sexuellen Absichten an sie heranmachen.
Viele dieser jungen Migranten stammen aus Marokko – einem Land, das wir als Ferienparadies kennen. Da treffen Touristen auf Gastfreundschaft, Luxushotels, 320-km/h-Hochgeschwindigkeitszüge und moderne Häfen. Doch Marokko ist ein Land der Gegensätze. Während die Elite um König Mohammed VI. (62) kassiert, bleibt dem Nachwuchs oft nur ein gefährlicher Ausweg.
Marokko mit rund 37,5 Millionen Einwohnern gilt als eines der modernsten Länder in Afrika. Immer mehr europäische Unternehmen holen ihre Produktion aus Asien zurück in die Nähe Europas und wählen gerne das Land in Nordafrika. Das Land hat Südafrika als grösster Automobilhersteller Afrikas abgelöst. Auch Konzerne wie Boeing und Airbus lassen für ihre Flugzeuge Hightech-Teile hier produzieren. Dank der enormen Sonnen- und Windressourcen baut das Land gigantische Kraftwerke, die bald auch für Europa grünen Wasserstoff herstellen sollen.
Doch das ist nur eines der Gesichter Marokkos. Jenes, das wir kennen. Und jenes, das das Land als Tourismusdestination oder WM-Gastgeber in vier Jahren (mit Portugal und Spanien) vermitteln will.
Viele ohne Arbeit
Das andere Gesicht ist hässlich. Trotz des Wirtschaftswachstums liegt die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen in Städten zum Teil über 40 Prozent. Schätzungsweise 1,4 Millionen Jugendliche haben weder Arbeit noch Zugang zu Fortbildungen.
Öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Spitäler sind oft in einem maroden Zustand. Fachpersonal wandert in andere Länder ab – wegen der Sprache oft nach Frankreich. Wer Geld hat, leistet sich private Schulen und Kliniken. Wer arm ist, bleibt ohne soziale Aufstiegschancen.
Kommt dazu, dass mehrere historische Dürrejahre die Landwirtschaft hart getroffen haben. Die Folge sind Lebensmittelpreise, die teilweise rasant steigen und sowohl die Unter- als auch die Mittelschicht treffen.
König fördert Zweiklassengesellschaft
Das Hauptproblem: Das Geld, das ins Land kommt, wird nicht verteilt, sondern bleibt bei der Elite. Am Schalthebel der Macht sitzt der marokkanische König Mohammed VI., der schon seit 1999 herrscht und keine Kritik zulässt. Der Palast investiert gerne in Prestigeobjekte wie die Fussball-WM oder Rennstrecken, die das internationale Ansehen stärken. Wenn Projekte scheitern oder die Arbeitslosigkeit steigt, werden Minister ausgewechselt, um die Bevölkerung zu beruhigen.
Mit einem Vermögen von geschätzt 5,7 Milliarden Dollar gilt Mohammed VI. als der reichste Monarch Afrikas. Seine Familie hat über die königliche Holdinggesellschaft Al Mada praktisch in allen Wirtschaftszweigen massgebend die Finger im Spiel. Das reicht von Banken über Bergbau und erneuerbare Energien bis hin zu Telekommunikation, Bauwesen und Lebensmitteln.
Mit dieser Monopolstellung wird im Land der freie Wettbewerb behindert. Innovative Geschäftsleute, die selber etwas aufbauen wollen, stehen oft vor unüberwindbaren Hürden oder werden von der mächtigen Konkurrenz zerschlagen.
Wer in Marokko Geld und Beziehungen zum Palast hat, lebt wie im Paradies. Wer nicht zu diesem Kreis gehört, steht vor verschlossenen Türen. Es ist der eigene König, der die Jugendlichen seines Landes an die Zäune von Ceuta treibt – wo sie manchmal dann im Horror von Halle 3 landen.