Darum gehts
- Die USA wählen am Dienstag einen neuen Kongress
- Nur noch 32 Prozent der Amerikaner sind gemäss einer Umfrage mit Trumps Amtsführung zufrieden
- Im Repräsentantenhaus droht den Republikanern ein Blutbad
Donald Trump (80) liebt grosse Zahlen. Milliardeninvestitionen. Rekordgewinne. Wirtschaftswachstum. Wenn der US-Präsident über seine Arbeit spricht, klingt es, als führe er das erfolgreichste Unternehmen der Welt.
Am Dienstag wird in Washington abgerechnet. Die US-Amerikaner wählen einen neuen Kongress. Einzelne Staaten neue Senatoren. Blick zieht Bilanz.
Die Habenseite
Auf dem Papier sieht Trumps Wirtschaftsbilanz gut aus. Die amerikanische Wirtschaft wuchs im dritten Quartal um 3,4 Prozent, auf das Jahr hochgerechnet. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 4,2 Prozent. An der Börse ging es ebenfalls aufwärts. Der Aktienindex S&P 500 hat seit Jahresbeginn rund 12 Prozent zugelegt.
Zahlen, die Trump gern vorzeigt.
Nur: Eine florierende Börse bedeutet noch lange nicht, dass es auch den Amerikanern besser geht. Während die Aktienkurse steigen, bleibt das Leben teuer. Die Inflation lag im September bei 3,7 Prozent. Wer ein Haus kaufen oder ein Auto finanzieren will, muss mit hohen Zinsen rechnen.
Eine Fabrikarbeiterin in Detroit wird für zwei Monate in unbezahlten Urlaub geschickt. Es gibt nicht genügend Arbeit. Die Zölle hätten das Geschäft ihrer Firma gebremst. «Nur ein Lohncheck trennt mich von der Obdachlosigkeit», sagt sie zu Blick.
Im Mississippi-Delta fürchtet Trump-Wähler Sledge Taylor (74) um seine Farm. Hohe Dieselpreise, Gegenzölle und internationale Konkurrenz setzen ihm zu. Er muss immer mehr Schulden machen. Die wirtschaftlichen Belastungen der vergangenen zwei Jahre hätten ihn rund eine halbe Million Dollar gekostet, schätzt er.
Die Wirtschaft wächst zwar. Doch die Unzufriedenheit auch.
Die Sollseite
Nur noch 32 Prozent der Amerikaner sind laut einer aktuellen Umfrage von Reuters mit Trumps Amtsführung zufrieden. Seine Wirtschaftspolitik überzeugt sogar noch weniger: Gerade einmal 25 Prozent geben ihm dafür gute Noten. Bei den Lebenshaltungskosten sind es nur 20 Prozent.
Besonders bitter für Trump: Die Wirtschaft war einst seine grösste Stärke. Als er im Januar 2025 ins Weisse Haus zurückkehrte, trauten die Amerikaner den Republikanern in Wirtschaftsfragen deutlich mehr zu als den Demokraten. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt.
Die Unzufriedenheit schlägt sich in den Wahlprognosen nieder. Laut Reuters wollen 53 Prozent der Wähler den Demokraten ihre Stimme geben, 44 Prozent den Republikanern. Neun Prozentpunkte Unterschied. Für eine Partei, die im Kongress nur über knappe Mehrheiten verfügt, ist das eine gefährliche Ausgangslage.
Die Republikaner drohen die Rechnung für Trumps Politik zu bezahlen. Und sie könnte höher ausfallen, als viele noch vor wenigen Wochen erwartet hatten.
Die Gegenrechnung
Doch die schlechten Noten für Trump bedeuten nicht automatisch gute Noten für die Demokraten. Auch die Opposition hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Viele Amerikaner trauen ihr ebenso wenig zu, ihre wirtschaftlichen Sorgen zu lösen.
Das zeigt sich auch in den Gesprächen abseits der politischen Bühne. Im muslimisch geprägten Dearborn, Michigan, studiert eine junge Muslimin mit indischen Wurzeln Politikwissenschaften. Sie und der konservative Farmer Sledge Taylor im Mississippi-Delta könnten politisch kaum weiter auseinanderliegen. Doch in einem Punkt sind sie sich einig: Die Politiker in Washington denken vor allem an sich selbst. Egal, welcher Partei sie angehören.
Doch für die Demokraten könnte schon reichen, dass enttäuschte Trump-Wähler am Dienstag zu Hause bleiben. Nicht unbedingt, weil sie die Opposition überzeugender finden. Sondern weil sie vom Präsidenten mehr erwartet hatten.
Die Schlussrechnung
Im Repräsentantenhaus droht den Republikanern ein Blutbad. Die Frage ist kaum noch, ob sie ihre Mehrheit verlieren. Sondern, wie viele Sitze sie einbüssen. Der unabhängige «Cook Political Report» rechnet mit 12 bis 25 Verlusten. Die Demokraten könnten damit auf bis zu 240 der 435 Sitze kommen – ihre stärkste Mehrheit seit 2009.
Und selbst der Senat ist nicht mehr sicher. Dort brauchen die Demokraten vier zusätzliche Sitze. In North Carolina stehen ihre Chancen besonders gut, in Maine und Ohio liefern sie sich enge Rennen mit den Republikanern. Sogar in den konservativen Hochburgen Texas, Iowa und Kansas wackeln republikanische Sitze. Allerdings müssen die Demokraten auch ihren Sitz in Michigan verteidigen.
Verliert Trump das Repräsentantenhaus, wird das Regieren für ihn zum Spiessrutenlauf. Die Demokraten könnten seine Gesetze blockieren, Minister vor Untersuchungsausschüsse zitieren und seine Regierung durchleuchten. Verlieren die Republikaner auch den Senat, könnten die Demokraten zudem wichtige Personalentscheidungen verhindern.
Zwei Jahre bleiben ihm noch im Weissen Haus. Trump hat den Amerikanern das Blaue vom Himmel versprochen. Doch diese Woche könnte seine Macht empfindlich schrumpfen.