Darum gehts
- Janina Scarlet überlebte Tschernobyl und litt jahrelang unter gesundheitlichen Folgen
- Mobbing und Missbrauch prägten ihre Jugendzeit nach der Emigration in die USA
- Schlüsselerlebnis: «X-Men»-Film half ihr, Schmerz zu akzeptieren und zu verarbeiten
Janina Scarlet wurde in der Ukraine geboren. Als Kleinkind erlebte sie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Die heutige US-Psychologin litt jahrelang unter den Folgen der Strahlenbelastung, etwa einem geschwächten Immunsystem und schweren Migräneanfällen.
In ihrem Buch «Learning to Accept What You Can't Change» (zu Deutsch: «Lernen, das Unveränderliche zu akzeptieren») erzählt sie ihre Leidensgeschichte und wie sie gelernt hat, mit dem Trauma umzugehen. Anders als in Filmen von Marvel und Co. entwickelte sie nach der Nuklearkatastrophe keine Superkräfte – stattdessen verbrachte sie einen Grossteil ihrer Kindheit im Spital. Das schreibt die Psychologin, die sich sehr für Superhelden interessiert, in einem Gastbeitrag für die polnische Plattform Medonet.
Kinder fragten, ob sie «radioaktiv» sei
Mit zwölf Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie in die USA. Nachdem die Jüdin in der Ukraine viel Antisemitismus erleben musste, sollte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten alles besser werden. Wurde es aber zunächst nicht. Scarlet wurde in der Schule übel gemobbt.
«Kinder fragten mich, ob ich ‹radioaktiv› oder ‹ansteckend› sei oder ob ich im Dunklen leuchten würde. Die ständigen Hänseleien, die öffentliche Demütigung und die soziale Ausgrenzung waren unerträglich.»
Spott oder Strafe
Zu Hause erlebte Scarlet zusätzlich körperlichen und seelischen Missbrauch. «Ein ganzes Jahr lang wollte ich einfach nur sterben.» Sie ergänzt: «Das lag nicht nur am Mobbing, am Missbrauch oder an meinen gesundheitlichen Problemen. Es lag daran, dass ich in diesem Alter jedes Mal, wenn ich jemandem von meinen Depressionen oder Ängsten erzählte, entweder in der Schule verspottet oder zu Hause bestraft wurde.» Der Rat anderer Leute, sich auf etwas Positives zu konzentrieren, verstärkte ihre Scham nur noch.
Scarlet ging Konflikten grundsätzlich aus dem Weg, verbrachte Zeit mit Leuten, die unhöflich zu ihr waren und sie schlecht behandelten. Ausserdem entwickelte sie ein Helfersyndrom.
Eigene Bedürfnisse ignoriert
«Oft kam ich mindestens eine Stunde früher zur Schule, um dem Geografielehrer bei der Unterrichtsvorbereitung zu helfen. Ich blieb nach dem Unterricht oder verbrachte meine Mittagspause damit, anderen Schülern Nachhilfe zu geben oder Lehrern beim Korrigieren von Tests und Hausaufgaben zu helfen», schildert sie.
«Ich sagte zu jedem Ja, der mich brauchte, ignorierte meine eigenen Bedürfnisse und vergass dabei, dass auch ich nur ein Mensch war.»
Der Schlüsselmoment war für sie schliesslich der erste Film der «X-Men»-Reihe. «Es war, als sähe ich mein eigenes Leben auf einer Leinwand.»
«Ich weinte fast den ganzen Film lang»
Ihr wurde klar, dass ihre Vorgeschichte sie nicht zum Opfer gemacht, sondern gerettet hatte. Sie erkannte, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein war. «Vor allem aber wurde mir bewusst, dass meine eigenen inneren Erfahrungen nicht nur zulässig, sondern sogar unerlässlich waren, um das Erlebte zu verstehen und zu verarbeiten. Die Einsamkeit, den Missbrauch und die Unterdrückung fiktiver Charaktere zu erleben, ermöglichte mir auf seine Weise, meine eigenen Erfahrungen besser zu verstehen.»
Weiter schreibt sie: «Ich weinte fast den ganzen Film lang, und es waren Tränen der Trauer und des Schmerzes, die ich über ein Jahrzehnt lang unterdrückt hatte.»
Heute argumentiert Scarlet gegen den weit verbreiteten Irrglauben, dass das Ausdrücken und Fühlen schmerzhafter Gefühle wie Traurigkeit oder Angst eine Form von Schwäche sei. Sie ist überzeugt: Nicht das Verdrängen von Schmerz macht stark, sondern der Mut, ihn zuzulassen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf medonet.pl. Das polnische Portal für Gesundheitsaufklärung gehört wie Blick zu Ringier.