Darum gehts
Eine einzige Drohne reichte – und die Welt steht wieder am nuklearen Abgrund. Am 14. Februar des vergangenen Jahres krachte eine russische Drohne kurz vor zwei Uhr nachts in die Schutzhülle über der Atomruine von Tschernobyl. Das Geschoss riss ein 15 Quadratmeter grosses Loch in die gigantische, 108 Meter hohe Konstruktion aus 410'000 Kubikmeter Beton und 7000 Tonnen Stahl.
Seit 2019 überspannt sie den Kernreaktor, der am 26. April 1986 explodiert war. Seit genau 40 Jahren ist Reaktorblock 4 der am stärksten verstrahlte Punkt der Welt. Ein Unort, auf Jahrtausende hinaus extrem gefährlich. Die Schutzhülle sollte ihn für mindestens 100 Jahre absichern, den Horror vergessen machen. Einem Erdbeben der Stärke 6, extremen Temperaturen von minus 30 bis 50 Grad, sogar einem Tornado hätte die Hülle standgehalten. Nur keiner russischen Shahed-Drohne mit 30-Kilo-Sprengsatz. Dass jemand auf diese Wahnsinnsidee kommen würde – damit hatten die Nuklearexperten nicht gerechnet.
Doch Russlands Militär scheint nach mehr als vier Jahren Krieg zu allem fähig. Tschernobyl beschiessen: Für Wladimir Putin (73) ist das offenbar kein No-Go. Die Regierung der Ukraine bezeichnete den Angriff als «atomaren Terror». Die Hülle brannte noch zwei Wochen nach dem Angriff. Ihre Schutzfunktion hat sie verloren. Die Reparatur würde bis 2030 dauern und wohl gegen 500 Millionen Euro kosten. Geld, das die Ukraine nicht hat – und das trotz Zusagen aus dem Ausland nicht so leicht zu beschaffen ist.
Sergei Tarakanow (45), Generaldirektor der grössten Atomruine der Welt, sagte vergangene Woche vor der internationalen Presse: «Die Russen könnten jederzeit eine weitere Rakete oder Drohne abfeuern. Dann kann ich nicht mehr dafür garantieren, dass das Bauwerk stehen bleibt.» Bricht es zusammen, droht erneut eine nukleare Staubwolke in den Himmel zu steigen – wie vor 40 Jahren.
Wie ein Überfall riesiger Ameisen
Schweden war damals das erste Land, das nach der Katastrophe massiv erhöhte Strahlenwerte mass. Die Sowjetunion versuchte noch tagelang, den atomaren GAU unter Verschluss zu halten. Doch das Wetter trieb die lebensgefährliche Wolke über halb Europa, auch bis in die Schweiz. Vier Tage nach der Explosion fiel über der Ostschweiz mit Atomasche geschwängerter Regen. Der Bund empfahl, Gemüse zu schälen. Die Pilze im Rheintal überschritten die Radioaktivitätsgrenzwerte bald um das Zehnfache.
Wie rücksichtslos die russischen Kriegsherren mit der atomaren Gefahr im Norden des angegriffenen Landes umgehen – Tschernobyl liegt praktisch an der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus, weiss Ludmilla Kozak (47) aus eigener Erfahrung. Blick traf die Sicherheitschefin der Tschernobyl-Atomruine vor zwei Jahren in Slawutytsch: jenem Städtchen, das nach der Katastrophe zur Heimat der Tausenden Nukleararbeiter wurde, die heute noch tagtäglich für die Sicherheit am gefährlichsten Ort der Welt sorgen.
Als Putins Soldaten am 24. Februar 2022 in die Ukraine einfielen, erreichten sie Tschernobyl binnen weniger Stunden. «Auf meinen Überwachungsbildschirmen sah das aus wie ein Angriff riesiger Ameisen», erinnerte sich Ludmilla Kozak in unserem Gespräch Ende 2023. Heute noch waltet sie als Sicherheitschefin von Tschernobyl. 45 Tage lang hielten die Besatzer sie und ihre Kollegen in der Atomruine als Geiseln gefangen. Sie plünderten die Anlagen und hoben im extrem kontaminierten «roten Wald» neben dem Reaktor ihre Schützengräben aus.
Hat Tschernobyl Kiew gerettet?
«Die Russen hatten offenkundig keine Ahnung, wo sie gelandet waren», erzählt Kozak. Nach wenigen Tagen litten sie unter aufgequollenen Gesichtern und geröteter Haut, fast alle hätten gekotzt: «Ich wette mit dir, viele von denen sind heute tot.»
Und dann schob sie die Anekdote nach, wie Tschernobyl die Ukraine vielleicht gerettet hatte – damals, zu Beginn des Kriegs: Am 10. März, drei Wochen, bevor die russischen Besatzer wieder aus Tschernobyl abzogen, fiel die Stromversorgung aus. Die Brennstäbe drohten zu überhitzen. Also baten Ludmilla Kozak und ihr Team die Russen inständig, die Notstromaggregate aufzutanken und einzuschalten.
«Sie kippten ihre ganzen Lastwagen-Tanks in die Aggregate. Statt mit dem Sprit später nach Kiew fahren zu können, verbrannten sie ihn, um unsere Brennstäbe zu kühlen. Vielleicht hat das damals unsere Hauptstadt gerettet.»
Heute droht nicht nur Kiew, sondern ganz Europa eine neue Katastrophe. Mit dem klaffenden Loch im Schutzschild braucht es nicht mehr viel, um die todbringende Staubfracht im Inneren erneut aufzuwirbeln und in die halbe Welt hinauszutragen. Tschernobyl ist so etwas wie eine stationäre Atombombe. Eine einzige gezielte Rakete, eine einzige Drohne reicht, um sie in die Luft zu jagen.
Die Gefahr kommt nicht nur vom Himmel. Auch die unsichere Stromversorgung bringt die ukrainischen Atomanlagen immer wieder in Not. Im südukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja, das die Russen besetzt halten, geschah das alleine in diesem Krieg 14 Mal. Und auch Tschernobyl ist nicht gefeit. Fällt der Strom aus, können die Brennstäbe nicht gekühlt werden. Es droht eine erneute Kernschmelze.
Grüner Strom aus der atomaren Sperrzone
Tschernobyl-Chef Sergei Tarakanow will dem mit einem speziellen Projekt entgegenwirken: Seit Monaten lässt er in der Sperrzone rund um das Kraftwerk (dreimal so gross wie der Kanton Aargau) Solarpanels aufstellen. Im Mai sollen sie in Betrieb genommen werden, um Stromkosten zu sparen und Energieknappheit zu verhindern. Theoretisch könnte es sogar bald Überkapazität geben.
Grüner Strom aus der radioaktiv verseuchten Sperrzone: nicht undenkbar. Dazu aber müssten die Russen von weiteren Angriffen auf die Atomruine absehen. In seinem Frust über die ausbleibenden Erfolge an der Front aber scheint Putin bereit, die Ukraine mit radikalen Schritten zu schwächen. Eine atomare Katastrophe würde ihm helfen, dieses Ziel zu erreichen. Anders als die allermeisten anderen Kriegsgräuel aber würde sich das aber auch jenseits der Landesgrenzen auswirken.