So funktioniert ein Kernkraftwerk
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Beznau, Gösgen und Co.So funktioniert ein Kernkraftwerk

GLP-Bäumle erinnert sich an Atom-Katastrophe von Tschernobyl
«So schnell war ich wohl noch nie unter der Dusche»

Vor 40 Jahren explodierte der Tschernobyl-Reaktor. GLP-Nationalrat Martin Bäumle unterstützt bis heute Betroffene. «Auch 40 Jahre nach Tschernobyl sind die Folgen der Katastrophe für viele noch bittere Realität», sagt er. Der Ukrainekrieg erschwert die Hilfe.
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Die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 hat bis heute Auswirkungen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Vor 40 Jahren explodierte der Reaktor von Tschernobyl in der Ukraine
  • GLP-Nationalrat Martin Bäumle war selbst mehrmals am Unglücksort
  • Er kritisiert die erneute Debatte über neue AKW in der Schweiz
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Ruedi StuderBundeshaus-Redaktor

Am 26. April 1986 explodierte der Tschernobyl-Reaktor in vollem Betrieb – der erste Super-GAU in der Geschichte der Atomenergie. Die Nuklearkatastrophe sorgte damals auch in der Schweizer Bevölkerung für Angst und Schrecken.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle (61) erinnert sich sehr gut an die Tage, als erste Informationen nach Westeuropa durchsickerten. «Als nach dem Bekanntwerden des Unfalls der erste Regen fiel, war ich auf dem Velo in Dübendorf ZH unterwegs», erzählt der studierte Chemiker von einer Episode, die besonders haften blieb. «Ich war wohl noch nie so schnell zu Hause und unter der Dusche, um die mögliche Kontamination zu reduzieren.»

Blick begleitet Arbeiter ins verstrahlte Tschernobyl
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Sie sichern die AKW-Ruine:Blick begleitet Arbeiter ins verstrahlte Tschernobyl

Auch gewisse Produkte hat er bis einige Zeit nach dem Unfall vermieden, «obwohl offiziell niemand warnte – damit konnte man damals aber geschätzt rund 80 Prozent der Aufnahme von Radioaktivität vermeiden, insbesondere bei Kleinkindern». Später war gerade im Tessin lange Zeit der Verzehr von Fischen und teilweise auch Pilzen verboten. «Heute noch gibt es Gebiete, in denen Wildschweine erhöhte Werte an Radioaktivität aufweisen – zum Beispiel im Schwarzwald.»

Atomfrage hat ihn politisiert

Die Atomfrage hat Bäumle politisiert – allerdings schon als Kantischüler weit vor Tschernobyl. «Die bis heute ungelöste Frage des Zehntausende von Jahren strahlenden Atommülls und der Beinahe-Super-GAU in Three Mile Island 1979 haben schon damals klar bestätigt, dass diese Technologie letztlich nicht verantwortbar ist», sagt der Zürcher. «Tschernobyl war dann das Mahnmal, das den Beweis lieferte und auch in breiten Kreisen eine Trendwende einleitete – und mich 1987 indirekt auch als damals Jüngster in den Zürcher Kantonsrat brachte.»

Bäumle arbeitete mit Gorbatschow zusammen

Als Green-Cross-Präsident traf Martin Bäumle auch auf den früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow (1931–2022), unter dessen Ägide als Generalsekretär der damals herrschenden Kommunistischen Partei das Reaktorunglück fiel. Gorbatschow gehörte 1993 zu den Gründungsmitgliedern des internationalen Grünen Kreuzes. «Ich war zuerst einmal einfach stolz, dass ich mein Jugendidol treffen und mit ihm arbeiten konnte», so der GLP-Nationalrat.

«Er war immer klar für eine Abrüstung der Atomwaffen und für Frieden und hat dazu wohl mehr geleistet als je ein Mensch vor oder nach ihm», sagt er voller Bewunderung für Gorbatschow. «Die Begegnungen mit ihm waren immer sehr bereichernd, und Tschernobyl war natürlich ein Thema.»

Gorbatschow habe sich in der Frage der Nutzung der Kernenergie immer etwas zurückhaltend kritisch geäussert, so Bäumle. «Später haben wir aber auch über die Situation in der Ukraine, seine Wurzeln in der Ukraine und die Situation der Krim 2014 und 2015 und viele andere Dinge gesprochen.» Im August 2022 starb Gorbatschow.

Michail Gorbatschow war Mitbegründer des internationalen Grünen Kreuzes.
imago images/Rainer Unkel

Als Green-Cross-Präsident traf Martin Bäumle auch auf den früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow (1931–2022), unter dessen Ägide als Generalsekretär der damals herrschenden Kommunistischen Partei das Reaktorunglück fiel. Gorbatschow gehörte 1993 zu den Gründungsmitgliedern des internationalen Grünen Kreuzes. «Ich war zuerst einmal einfach stolz, dass ich mein Jugendidol treffen und mit ihm arbeiten konnte», so der GLP-Nationalrat.

«Er war immer klar für eine Abrüstung der Atomwaffen und für Frieden und hat dazu wohl mehr geleistet als je ein Mensch vor oder nach ihm», sagt er voller Bewunderung für Gorbatschow. «Die Begegnungen mit ihm waren immer sehr bereichernd, und Tschernobyl war natürlich ein Thema.»

Gorbatschow habe sich in der Frage der Nutzung der Kernenergie immer etwas zurückhaltend kritisch geäussert, so Bäumle. «Später haben wir aber auch über die Situation in der Ukraine, seine Wurzeln in der Ukraine und die Situation der Krim 2014 und 2015 und viele andere Dinge gesprochen.» Im August 2022 starb Gorbatschow.

Tschernobyl ist für Bäumle aber mehr als ein Mahnmal. Es spielt auch in seinem umweltpolitischen Engagement eine wichtige Rolle. Er ist heute CEO von Green Cross Schweiz, das von der Atomkatastrophe Betroffene in der Region von Tschernobyl in der Ukraine und Belarus unterstützt. «Auch 40 Jahre nach Tschernobyl sind die Folgen der Katastrophe für viele Menschen noch bittere Realität. Der Krieg in der Ukraine verschärft die ohnehin schwierige Lage zusätzlich», sagt Bäumle.

Aktuell liege der Fokus daher stärker auf Unterstützung in der Ukraine, um die zusätzliche Belastung durch den Krieg zu mildern. So zum Beispiel durch die Installation von Solaranlagen mit Batteriespeicher, damit etwa Schulen trotz Stromausfällen einigermassen funktionieren können. 

Beim ersten Mal noch ohne Messgerät

Bäumle besuchte den Unglücksort mehrmals selbst. «Beim ersten Mal ohne Messgerät – und war danach sehr verunsichert, wie die Belastung war», erinnert er sich. Später dann war das Messgerät jeweils mit dabei. «Da bleiben die Eindrücke vom zerstörten und notdürftig reparierten Reaktor, der, je näher man ging, desto stärker strahlte», blickt er zurück.

«Oder die verlassene Stadt Prypjat, in der ich an Hotspots massive Strahlungswerte gemessen habe und ich teilweise nur mit Maske unterwegs war, um die Aufnahme von gefährlichem Staub zu minimieren.» Seine Organisation hat auch Parlamentarier mitgenommen, um zu zeigen, was ein solcher Unfall bedeuten kann.

AKW-Debatte ärgert Bäumle

Umso mehr ärgert er sich über die neu angestossene Debatte über die Aufhebung des AKW-Neubauverbots. Der Ständerat will das Verbot kippen, in der Sommersession entscheidet der Nationalrat darüber. «Ich finde es schockierend, dass wir 40 Jahre nach Tschernobyl – und 15 Jahre nach Fukushima – ernsthaft wieder über neue Kernkraftwerke in der Schweiz reden, als ob alles vergessen wäre, und dabei dieselbe veraltete Technologie wieder neu lancieren wollen, die schon mehrfach belegt hat, dass das Restrisiko doch real ist», sagt Bäumle. 

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Beznau, Gösgen und Co.So funktioniert ein Kernkraftwerk

Zudem sei Atomstrom angesichts der Umweltbelastung beim Uranabbau und der Entsorgungsproblematik alles andere als sauber. «Und günstig schon gar nicht.»

Auch unter extrem optimistischen Annahmen für ein neues Kernkraftwerk sei der Weg über Erneuerbare am Ende auch ökonomisch günstiger. «Kernenergie der heutigen Generation ist weder ökologisch noch ökonomisch nachhaltig», sagt er.

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