Darum gehts
- Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 in Tschernobyl, verursachte Super-GAU
- 20'000 Jahre Sperrzone, Schweiz reagierte mit Verbot von Pilzeln und Weide
- Schweiz diskutiert 2026 neue Kernkraftwerke trotz Fukushima-bedingtem Atomausstieg 2011
Die Nacht auf den 26. April 1986 in Tschernobyl war lau, als um 1.23 Uhr ein heftiger Knall die Stille durchschnitt. Tschernobyl machte das Unmögliche möglich.
Während eines Sicherheitstests kam es im Kernkraftwerk zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der eine massive Dampfexplosion im Reaktorblock 4 auslöste. Diese sprengte die Reaktorhülle und schleuderte enorme Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre, die als «Fallout» über weite Teile Europas niedergingen.
Konstruktionsmängel des Reaktors und menschliches Fehlverhalten lösten eine Kettenreaktion aus, die nicht mehr zu stoppen war und zur schlimmsten nuklearen Katastrophe der Geschichte führte. Das betroffene Gebiet wurde grossräumig evakuiert und ist bis heute Sperrzone.
In der Fachwelt sprach man vom GAU, dem «Grössten anzunehmenden Unfall». Doch Block 4 in Tschernobyl hielt sich nicht an die Definitionen der Ingenieure. Er wurde zum Supergau. Das Präfix «super» (lateinisch: darüber hinaus) steht hier nicht für Grösse, sondern für das Überschreiten einer Grenze. Der Unfall ging über alles bisher Angenommene hinaus.
Schweizer Zeitzeugen erinnern sich, dass bei uns zunächst eine Mischung aus Verunsicherung und pragmatischem Krisenmanagement herrschte. In den am stärksten betroffenen Gebieten (etwa im Tessin) durften Kühe nicht mehr auf die Weide. Und der Bevölkerung wurde empfohlen, nicht im Wald pilzeln zu gehen, Salat und Gemüse vor dem Verzehr gründlich zu waschen.
Lehren aus Tschernobyl
Mehrere TV-Dokumentationen widmen sich diesem tragischen «Jubiläum» und beleuchten die Katastrophe aus Perspektiven, die heute (im Kontext des Ukraine- und des Irankrieges) eine beklemmend aktuelle Relevanz besitzen.
Den Auftakt macht das ZDF am 7. April mit «Tschernobyl – die Katastrophe». Der Film spannt den Bogen vom Bau des Kraftwerks und der Modellstadt Prypjat über die verhängnisvolle Unfallnacht bis zur anschliessenden Vertuschung durch die sowjetische Regierung.
Die ARD hat am 13. April «Tschernobyl 86: Der Super-GAU» auf dem Programm. Zu 100 Prozent aus Archivmaterial bestehend, macht die Doku die Ohnmacht jener Tage spürbar: das Ticken der Geigerzähler, die unbedarften Beschwichtigungen der Politiker und die unheimliche Stille der unsichtbaren Wolke, die über Europa zog.
Einen geradezu klaustrophobischen Einblick gewährt Arte am 14. April im Dreiteiler «Tschernobyl – Der Insiderbericht». Hier stehen die ersten drei Tage im Fokus. Wir erleben Feuerwehrmänner, die ohne Schutz und Ahnung von tödlicher Strahlung in den Feuerschlund rannten; die Bewohner von Prypjat, die das rauchende Trümmerfeld bestaunten, während die Behörden noch die Fassade des Kontrollverlusts zu kitten versuchten.
Es ist die Chronik einer staatlichen Lüge und Vertuschung, die letztlich das Fundament der Sowjetunion ins Wanken brachte.
Während das Gebiet um den havarierten Reaktor für die nächsten 20'000 Jahre unbewohnbar bleibt, ist die politische Halbwertszeit des Themas kurz. In der Schweiz, die nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 den Atomausstieg beschloss, weht heute ein anderer Wind: Bundesrat Albert Rösti treibt die Diskussion voran, den Bau neuer Kernkraftwerke wieder zuzulassen.
Die Argumente wandelten sich: Heute geht es um Klimaneutralität und Versorgungssicherheit statt um Fortschrittsglauben. Doch die Bilder aus der Sperrzone gemahnen: Zivile Nutzung der Kernkraft bleibt eine Technologie, deren Restrisiko nie verjährt.