Für viele Mütter und Väter ist es der schlimmste Gedanke überhaupt. Sie vergessen ihr eigenes Kind im Auto. Die Folgen sind oft tödlich. In Frankreich kamen in den vergangenen Tagen vier Kinder ums Leben. Mitte Juni starb ein Kind in Deutschland, nachdem es im Auto vergessen wurde. Keine tragischen Einzelfälle.
Wie häufig solche Tragödien vorkommen, zeigt die US-Datenbank NoHeatStroke.org. Allein im Jahr 2025 kamen 33 Kinder ums Leben. Im Durchschnitt sterben jedes Jahr rund 37 Kinder auf diese Weise. In rund 55 Prozent der Fälle vergisst der Vater das Kind, in etwa 27 Prozent die Mutter. Die restlichen Fälle betreffen Grosseltern oder andere Betreuungspersonen.
Doch wie kann es überhaupt dazu kommen? Der Psychiater Cosmin Chita kennt die Antwort. «Es handelt sich nicht um Nachlässigkeit im moralischen Sinn, sondern um ein nachvollziehbares Versagen des Gedächtnissystems», sagt der Zürcher zu Blick.
Das Gehirn schaltet auf Autopilot
Im Gehirn arbeiten zwei Systeme zusammen. Das eine steuert gewohnte Abläufe wie den Arbeitsweg. Das andere erinnert uns an geplante Vorhaben, etwa das Kind vor der Arbeit in der Kita abzugeben.
«Bei Stress, Schlafmangel, Ablenkung oder einer Abweichung von der Routine kann das automatisierte System die Oberhand gewinnen», erklärt Chita. «Man fällt quasi in den ‹Autopilot› und die geplante Abweichung wird komplett ausgeblendet.»
Genau darin liegt die Tragik. Die Eltern sind fest davon überzeugt, alles wie immer gemacht zu haben. Dass das Kind noch auf dem Rücksitz sitzt, dringt gar nicht mehr ins Bewusstsein vor.
Warum niemand davor gefeit ist
Dieses Gedächtnisversagen trifft Menschen unabhängig von Bildung oder sozialem Status. «Es betrifft ebenso aufmerksame und fürsorgliche Eltern», sagt Chita. «Entscheidend ist die Funktionsweise des Gehirns, nicht der Charakter.»
Besonders gefährlich sind Schlafmangel, Stress, Zeitdruck oder ungewohnte Abläufe. Zum Beispiel, wenn ein Elternteil ausnahmsweise den Bringdienst übernimmt. Auch Telefonate oder emotionale Belastungen lenken ab. Schläft das Kind auf dem Rücksitz oder ist es besonders ruhig, fehlen ausserdem wichtige Hinweise auf seine Anwesenheit. Bei Menschen mit ADHS ist die Fähigkeit, Pläne gegen automatisierte Routinen durchzusetzen, nachweislich reduziert.
Auch andere psychische Leiden erhöhen das Risiko: Laut Chita führen Depressionen häufig zu Schlafproblemen und mangelnder Konzentration. Bei Angststörungen sind Betroffene oft extrem angespannt und schnell abgelenkt.
So können sich Eltern schützen
«Sinnvoll sind feste Gewohnheiten, die das Vergessen technisch verhindern», empfiehlt der Experte. Eltern können ihr Handy, die Handtasche oder sogar einen Schuh auf den Rücksitz legen. So greifen sie beim Aussteigen automatisch nach hinten.
Hilfreich sind auch Abmachungen mit der Kita: Sie soll anrufen, wenn ein Kind unerwartet fehlt. Auch Erinnerungs-Apps oder Alarme leisten gute Dienste. Chitas wichtigster Rat lautet aber: «Nie davon ausgehen: ‹Mir passiert das nicht.›»