«Musste mich verhüllen»
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«Musste mich verhüllen»:Blick-Reporterin berichtet von ihrer Zeit in Afghanistan

Taliban-Chef bringt Reporterin Helena Graf in Bedrängnis
«Dafür könnte ich dich gleich im Gefängnis behalten!»

Blick trifft Nazar Mohammad Nasiri, einen ranghohen Taliban, in Kabul. Er behauptet, Afghanistan sei sicher – trotz strenger Scharia-Gesetze und Einschränkungen für Frauen.
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Nazar Mohammad Nasiri (45) liess sich nach seinem Uni-Abschluss zum Taliban-Kämpfer ausbilden.
Foto: Eric Feijten

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Taliban-Gefängnis in Kabul: Direktor kritisiert Journalistin wegen Kleidung
  • Er verteidigt Scharia und behauptet: Frauen dürfen innerhalb Regeln arbeiten
  • «Afghanistan wird Paradies, in 20 Jahren wollt ihr hierher», prophezeit er
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Die Einfahrt endet vor Beton und Stacheldraht. Die ehemalige US-Militärbasis in Kabul dient nun als Gefängnis der Taliban. Am Checkpoint warten bewaffnete Männer. Sie durchsuchen die Kollegen. Mich schicken sie zu einem flachen Betonbau. 

Ich bin nach Afghanistan gereist. Aus keinem anderen Land flüchten jedes Jahr so viele Menschen in die Schweiz. Die Zahl der Asylgesuche ist nach der Machtübernahme der Taliban 2021 explodiert. 

Im Gefängnis will ich Nazar Mohammad Nasiri (45) treffen, nationaler Direktor für Bildung und Rehabilitierung – und ein ranghoher Taliban. 

Ich schiebe den Vorhang zum Betonbau zur Seite. Drei Frauen knien auf dem Boden, schrubben Teppiche. Sie schauen mich verdutzt an. Ich strecke die Arme zur Seite. Eine der Frauen steht auf, tastet mich ab, durchsucht meine Tasche. 

Beim Tabak hält sie inne. Ich führe zwei Finger an den Mund und ziehe daran. Alle drei lachen. Sie legt den Tabak zurück. Kontrolle abgeschlossen. 

Nazar Nasiri sitzt in seinem Büro. Schwarzer Turban, langer Bart. Er weist mich zurecht, noch bevor die Kamera läuft. «Du bist nicht nach den Regeln gekleidet.» 

Ich trage schwarze Hosen, ein weites Gewand bis über die Knie, ein Kopftuch. 

Blick: Was stimmt nicht?
Er deutet auf meine Schienbeine, sagt: Zu kurz. Dafür könnte ich dich gleich im Gefängnis behalten.

Mein Kollege will vermitteln: Man könne es vielleicht verzeihen – ich sei ja aus der Schweiz. Der Taliban nickt. 

In der Ecke steht ein Strauss aus Plastikblumen. Das Walkie-Talkie spuckt Sätze auf Paschtu aus. Ein Angestellter serviert Energy-Drinks. 

Wie behandeln Sie Gefangene hier?
Nazar Nasiri: Wir bilden sie aus, machen sie zu besseren Menschen.

Also keine Strafen?
Früher wurde gefoltert. Unter den Taliban passiert das nicht mehr. Unser System ist das beste und menschenfreundlichste auf der ganzen Welt.

Wie wurden Sie Taliban?
Ich habe mich schon in der Schule entschieden, dem Islam zu dienen. Nach meinem Abschluss ging ich in ein Trainingslager für Dschihad-Kämpfer. Später arbeitete ich in einem Kinderheim. Meine Vorgesetzten haben mich dann für diese Position ausgewählt.

Die Taliban führten Scharia-Gesetze ein. Kriminelle werden hingerichtet.
In der Scharia gibt es keine Brutalität. Es ist Allahs Gesetz – und es dient den Menschen. Wir töten niemanden. In der Demokratie wird getötet.

Sie meinen Europa und Amerika?
Sie bauen Atomwaffen. Das ist Demokratie.

Trotzdem flüchten Ihre Landsleute in den Westen.
Nicht freiwillig. Sondern weil westliche Staaten und die Sowjetunion Krieg gegen uns führten. Nun haben wir Frieden und können uns entwickeln. Glaub mir, in 20 Jahren willst du nach Afghanistan auswandern.

Nazar Mohammad Nasiri (45) in seinem Büro in einer ehemaligen US-Militärbasis.
Foto: Eric Feijten

Er lehnt sich im Sessel zurück. Die Beine gespreizt. Ich mache es ihm instinktiv nach. Mein Kollege wirft mir einen ermahnenden Blick zu. Ich schlage die Beine übereinander.  

Dann stellt er mir eine Frage: «Hast du hier irgendwo einen Panzer gesehen?» 

Einen verrosteten sowjetischen nahe Bamiyan.
Aber keiner, der noch fährt, oder?

Nein.
Siehst du. Wir Taliban führen keinen Krieg. Wir sorgen für Sicherheit.

Sicherheit für wen?
Für alle.

Und Menschen, die anderer Meinung sind?
Es gelten Allahs Gesetze. Wer sich daran hält, ist sicher.

Warum dürfen Frauen in Afghanistan keiner bezahlten Arbeit nachgehen?
Das ist reine Propaganda. Frauen dürfen arbeiten und verdienen, aber innerhalb der islamischen Regeln.

Die Regeln verhindern Zugang zu den meisten Jobs.
Weil Frauen im Islam das Wichtigste sind. Sie stehen über dem Mann, weil sie Kinder auf die Welt bringen. Sie sollen nicht noch arbeiten müssen. Sondern dürfen sich ganz der Familie widmen.

Er grinst mich an: «Kannst du kochen?» Gelächter im Raum. Ich bejahe. «Aber auch gut?» Ich schlucke leer. Stille. Mein Kollege schaut von der Kamera auf: «Sie kocht ausgezeichnet.» Nasiri nickt herablassend. 

Ich habe mit einem Mädchen gesprochen. Sie war Sportlerin. Sie wollte ihr Land vertreten. Seit der Machtübernahme darf sie nicht mehr trainieren. Nicht mehr zur Schule gehen.
Es gibt kein Problem mit Bildung. Bildung ist Pflicht – für Männer und Frauen.

Warum dürfen Mädchen ab der 6. Klasse nicht mehr zur Schule?
Das wird kommen.

Als sie vom Training ausgeschlossen wurde, dachte sie daran, sich das Leben zu nehmen.
Frauen dürfen in den eigenen vier Wänden Sport machen. Aber leichte Sachen, um gesund zu bleiben. Krafttraining ist nichts für Frauen. Sie gehören nicht ins Gym.

Warum?
Mit einer starken, muskulösen Frau kann ein Mann nichts anfangen. Der einzige Sport, den sie braucht, ist zu Hause mit ihrem Mann.

Sie sagen, Ihr System sei das beste der Welt. Warum erkennen so viele Länder Ihre Regierung nicht an?
Weil ihr uns nicht versteht. Jedes Land hat sein eigenes System. Ihr habt Demokratie. Wir haben die Scharia. Das müsst ihr akzeptieren.

Was würden Sie Menschen in Europa sagen, die Angst vor den Taliban haben?
Kommt her und schaut selbst. Wir bauen das Land auf. Wir sorgen für Sicherheit und Frieden. Afghanistan wird das Paradies auf Erden sein.

Nasiri nimmt das Walkie-Talkie, spricht hinein. Drei Wächter kommen herein, rollen einen Teppich aus. Mittagessen. Reis und afghanisches Brot mit Fleisch-Eintopf. Und noch mehr Energy-Drinks.  

Mein Übersetzer setzt sich zu den Männern auf den Teppich. Ich will dazukommen, werde aber angehalten. Der Wächter stellt meine Portion auf einen Couchtisch weiter vorne im Raum. Mein Kollege gesellt sich zu mir. Wir essen. 

Als wir gehen, greife ich nach meiner Kameratasche. Nasiri zischt meinen Kollegen an: «Trag das gefälligst.» Doch ich behalte sie. 

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