Darum gehts
- In Afghanistan lernen junge Frauen heimlich Sprachen als Akt des Widerstands
- Taliban verwehren Mädchen Bildung, Frauen sind vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen
- Schweizer Afghanistan-Hilfe verteilte Schafe an Bedürftige, darunter auch an Witwen wie Rukia
Ein schmaler Pfad führt von der Schotterstrasse zum Haus. Ein Flachbau aus Lehm, kleine Fenster, die Vorhänge zugezogen. Auf einem Teppich im Wohnzimmer sitzen drei junge Frauen und büffeln Sprachen. Shekiba (18) lernt Türkisch, Sadia (19) Japanisch, ihre Schwester Krishna (20) Französisch.
Was wie ganz normaler Studentenalltag wirkt, ist in Afghanistan zu einem Akt des Widerstands geworden. Seit der Machtübernahme der Taliban dürfen Mädchen ab der 6. Klasse nicht mehr zur Schule gehen. Manche lernen im Verborgenen weiter – leise, vorsichtig, oft online. «Wir haben keine Rechte», sagt Sadia. «Alles, was sie wollen, setzen sie durch.»
Die Angst ist allgegenwärtig. Taliban-Kämpfer kontrollieren Frauen auf der Strasse, durchsuchen ihre Handys. Lehrer werden verhaftet, weil sie unterrichten. Die drei Frauen besuchen Onlinekurse der Schweizer Organisation Wild Flower.
Sie erinnern sich an ihre Kindheit und frühe Jugend wie an ein anderes Leben. «Damals hatten wir alles», erzählt Krishna. Sie wuchs in Herat auf, der zweitgrössten Stadt Afghanistans. Ihr Vater arbeitete für die Regierung. Nach der Schule besuchte sie freiwillig Kurse: Englisch, Computer, Religion. Krishnas Schwester Sadia machte Kampfsport, trainierte für internationale Turniere.
Als die Taliban 2021 wieder an die Macht kamen, verlor ihr Vater den Job. Die Schwestern waren 14 und 15, plötzlich zu alt für die Schule. «Am Anfang war ich froh», sagt Sadia. «Ich dachte, wenn ich nicht zum Unterricht muss, kann ich den ganzen Tag trainieren.» Doch ihr Coach schickte sie weg. Frauen dürfen offiziell keinen Sport treiben. «Ich wollte mir das Leben nehmen.» Sadias Stimme zittert.
Doch sie kämpfte weiter. Auch als die Familie nach Bamiyan umziehen musste, weil es für den Vater in Herat gefährlich wurde. Plötzlich lebten sie auf dem Land, mit deutlich schlechterer Infrastruktur. «Wir mussten vieles von Grund auf neu lernen», erzählt Krishna. Kochen auf dem Holzherd, waschen im Fluss.
Als Frauen sind sie vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Abends dürfen sie nicht auf die Strasse, nicht ins Restaurant. Hobbys ausüben, im Verein mitmachen – unmöglich. «Wir leben», sagt Sadia. «Aber innerlich sind wir tot.»
Für viele junge Frauen bleibt kaum eine Perspektive. Im Waisenhaus von Bamiyan ist eine junge Frau gerade volljährig geworden. Ihre Mutter starb, als sie noch ein Baby war. Sie wuchs bei der Grossmutter auf, bis sich diese nicht mehr kümmern konnte. Ihr sind keine Verwandten geblieben. «Eigentlich sollte sie mit 18 das Waisenhaus verlassen», erklärt Hadi Arefi, Mitarbeiter der NGO, die das Heim führt. Doch ohne einen Mann kann sie nirgendwohin. Arefi sagt: «Frauen wie sie dürfen bleiben, bis sie einen Ehemann gefunden haben.»
Die junge Frau sagt, sie fühle sich nicht bereit zum Heiraten. «Ich will weiter lernen und studieren», sagt sie. Ein Traum, der hier nicht in Erfüllung gehen kann.
Im Bamiyan-Tal leben überwiegend Hazara, die drittgrösste ethnische Gruppe Afghanistans. Sie sind Schiiten und leben traditionell einen eher offenen Islam. In den vergangenen Jahren wurden ihre Dörfer und Moscheen immer wieder Ziel von Anschlägen. Die Taliban hingegen sind Sunniten und lehnen andere religiöse Praktiken ab.
Weiter hinten im Tal passen Frauen und Kinder auf eine Schafherde auf. Rukia (20) stützt sich auf einen Stock. Die Tiere fressen Gras. Sie ist Witwe. «Als mein Mann starb, hatte ich nichts mehr», sagt sie. «Ich wäre verhungert, hätte mir nicht ein Verwandter geholfen.»
In der Taliban-Regierung gibt es kein System, das alleinstehende Frauen unterstützt. Die Schweizer Afghanistan-Hilfe fördert ein Projekt, das Schafe an Bedürftige verteilt – als Nothilfe. Rukia hat 2024 vier Schafe und Lämmer erhalten. Nun kann sie Milch und Wolle verkaufen, im Notfall ein Tier schlachten.
Die beiden Mütter Rahima (30) und Zainap (31) steigen den Hang zum Dorf hoch. Auch sie leben von den Schafen. Zainaps Mann war Schawarma-Bäcker in Kabul. Er hatte ein eigenes Geschäft. Bis die Taliban eine Zusatzsteuer für Angehörige der Hazara einführten. Das Geschäft rentierte nicht mehr. Heute ist er arbeitslos.
Zainap sagt, manchmal wisse sie nicht, was sie ihren Kindern zu essen geben soll. «Wir essen Kartoffeln. Manchmal haben wir nicht mal das.»
Kopftücher für ihre Mädchen näht sie selbst. Die Gesundheitsversorgung wäre inexistent, gäbe es nicht Kliniken von NGOs. Dort bekommen Kinder die wichtigsten Impfungen, Schwangere bringen ihre Kinder zur Welt.
Im Behandlungszimmer einer Hebamme hat eine Patientin gerade ein Kind geboren. Sie liegt mit dem Säugling auf einem Bett, während die Hebamme andere Frauen untersucht. Die Sterblichkeit von Schwangeren in der Region war früher hoch – dank der Klinik ist sie stark gesunken.
Schwangere laufen kilometerweit zu Fuss, um sich behandeln zu lassen. Kinder reiten auf Eseln. «Seit dem Machtwechsel müssen Frauen in Begleitung ihres Mannes kommen», erklärt der Klinikleiter. «Das war ein Problem.» Die Kontrollen seien hier lascher. Die Polizei nimmt den weiten Weg oft nicht in Kauf.
Shekibas Familie hat Mittagessen gekocht. Es gibt Reis mit Kräutern, Joghurt und Brot. Shekiba schlägt ihr Notizheft auf. Sie hat einige Gedanken vor dem Interview auf Englisch formuliert. Sie will im Gespräch keinen Fehler machen. «Mein grösster Wunsch für alle Afghaninnen ist Freiheit», liest sie vor. «Ein Leben frei von Taliban-Gesetzen, mit der Möglichkeit, Träume zu verfolgen und das Land besser zu machen.»