«Musste mich verhüllen»
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«Musste mich verhüllen»:Blick-Reporterin berichtet von ihrer Zeit in Afghanistan

Reporterin Helena Graf sitzt 9 Tage im Auto mit einem Islamisten
«Mein Taliban-Fahrer hört Sex-Rap – und will Bilder von mir»

Im von den Taliban kontrollierten Afghanistan reist Blick-Reporterin Helena Graf (28) mit einem widersprüchlichen Fahrer: Esan – Taliban-Kämpfer, der Waffen kauft und ihre Freundschaft sucht.
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Immer zur Stelle: Fahrer Esan in seinem Toyota.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Journalistin reist mit Taliban-Fahrer Esan durch Afghanistan
  • Esan kauft Munition, zeigt Narben aus Krieg und erzählt von Familie
  • Afghanistan leidet: Armut, Abwanderung, Unsicherheit – Talibankämpfer betonen Sicherheit und Ordnung
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Im staubigen Toyota Corolla läuft 50 Cent.

«I’ll take you to the candy shop ...»  

Candy Shop. Rap über Sex.

«I’ll let you lick the lollipop – Ich lass dich am Lolli lecken.»  

Esan sitzt am Steuer. Er wippt mit dem Kopf. Blick in den Rückspiegel. Ein kurzes Lachen.

«Go ahead, girl, don’t you stop – Los, Mädchen, hör nicht auf.»  

Draussen patrouillieren bewaffnete Männer. Taliban-Fahnen wehen im Wind, ein schwarzer Schriftzug auf weissem Hintergrund: «Es gibt keinen Gott ausser Allah.»

Wir sind unterwegs nach Bamiyan, einer Kleinstadt westlich von Kabul. Ich reise mit meinem Team: Eric der Fotograf, Abdul der Übersetzer, Rahman sein Backup. Und Esan: Fahrer, Beschützer, Vermittler – und ein Taliban.

Wir halten zum Mittagsgebet an. Von links nach rechts: Rahman, Abdul, Esan.
Foto: Helena Graf

Ich kenne die Taliban als Terrorgruppe. Radikal-Islamisten mit Bärten und Turbanen, die Frauenrechte mit Füssen treten. Am Flughafen von Kabul kontrolliert ein junger Taliban meine Papiere. Die Augen schwarz umrandet. Er erinnert mich an Jack Sparrow aus «Fluch der Karibik».

Ich blicke zu Boden. Er fragt: «In welchem Hotel schlaft ihr?» Mein Fotograf antwortet. Der Taliban winkt mich näher an den Tresen, hält mir sein Handy hin. Ein verwackeltes Video zeigt einen künstlichen Wasserfall. «Dein Hotel», sagt er und grinst. «Ich war da schon mal.»

Esan wartet am Ausgang. Kein Eyeliner, kein Turban. Ich erzähle von meiner Begegnung am Flughafen. «Pass auf, was du über die Taliban sagst», warnt Abdul. «Dein Fahrer ist auch einer.» Ein Scherz, denke ich, und steige mit ein: «Also müssen wir ihn bei Laune halten. Sonst knallt er uns ab.» Esan lacht.

Zwei Tage später rattert der Toyota über eine Landstrasse. Esan bremst, kurbelt das Fenster runter. Von draussen reicht ihm ein Mann einen Schal. Esan streckt ihm die hohle Hand entgegen. Es klirrt. Ich denke an Münzen, bis ich erkenne: Es sind Patronen. Munition für die Pistole im Schal. Abdul hat keinen Witz gemacht.

«Ich war im Krieg und wurde angeschossen»

«Wofür brauchst du die Knarre?», frage ich Esan. «Zur Absicherung», antwortet er. «Kannst du schiessen?» Er krempelt sein Hemd hoch, deutet auf eine Narbe am Unterarm. «Ich war im Krieg und wurde angeschossen.» Mein Fotograf: «Von einer amerikanischen Waffe?» Esan nickt. Dann dreht er die Musik lauter.

Am Abend betreten wir ein Restaurant. Der Kellner führt uns an den anderen Gästen vorbei hinter einen Vorhang. Andere Männer dürfen nicht sehen, wie ich esse.

Draussen kommt uns ein Polizist entgegen. Er fragt nach unseren Papieren. Die Läden sind noch offen. Ein zehnjähriger Bub verkauft Parfüm. Männer sitzen auf Plastikstühlen, trinken Tee. Weit und breit keine Frau.

Der Polizist heisst Sefat. Er trägt eine Kalaschnikow und ermahnt mich: «Lösch die Fotos, auf denen ich zu sehen bin.» Warum? «Es ist illegal, Bilder von Taliban aufzunehmen.»

Ich nicke. Sefat will wissen, woher ich komme. Dann sagt er: «Ich beschütze dich. Komm zu mir, wenn dich jemand blöd anmacht.» Ich erzähle ihm, dass die Leute sehr freundlich sind. Dass viele auf Englisch grüssen, Fotos machen wollen.

Polizist Sefat patrouilliert in Bamiyan.
Foto: Eric Feijten

Er spricht von Drogenhandel, Kidnapping und Mord. Das seien die grossen Verbrechen in dieser Region. «Was macht ihr mit Mördern?», frage ich. «Hinrichten», antwortet er.

Wir fahren tags darauf in ein abgelegenes Dorf. Der Wind bläst mir den Hijab vom Kopf. Ich zupfe ihn zurecht. Esan schaut zu. Dann greift er nach dem Stoff, streicht ihn glatt. Kurz, beiläufig. Männer berühren Frauen hier nicht.

Später erzählt er mir von seiner Familie. Zwei Söhne, beide bei den Taliban. Er zeigt mir ein Foto auf seinem Handy. Zwei junge Männer, ernst, in traditionellen Kleidern. Auf dem Bildschirmhintergrund lächelt ein Kleinkind. «Meine Enkelin», sagt Esan.

Von nun an gibt er mir die Hand. Und ich schneide Grimassen, wenn er mich im Rückspiegel beobachtet.

Teekranz mit Taliban-Kommandant

Am letzten Tag in Bamiyan kommen wir an einer Militärbasis vorbei. Hohe Mauern, Stacheldraht, Taliban-Flaggen. Ich steuere mit Abdul auf den Eingang zu. Ein Bewacher stoppt uns. Wir stellen uns vor. 

Er führt uns in ein Schlafzimmer mit zwei Stockbetten, greift nach einer Matratze, reisst sie zu Boden. «Setz dich», sagt er. Im Türrahmen erscheint ein Kollege mit Tee und Süssigkeiten.

Die Basis gehört dem Verteidigungsministerium. Murtaza legt die Waffe weg. Er ist Kommandant hier, seit vielen Jahren. Als die Taliban die Macht ergriffen, schloss er sich ihnen an. Also behielt er den Posten, während andere ihren verloren.

Blick-Reporterin Helena Graf im Gespräch mit Kommandant Murtaza.
Foto: Eric Feijten

«Gab es damals Widerstand?», frage ich. Murtaza schüttelt den Kopf. «Es hat sich nichts geändert. Die Regierung ist islamisch.» 

«Aber für die Frauen?», bohre ich weiter. Er zögert. «Damit habe ich nichts zu tun», antwortet er. «Das entscheiden die Oberen.»

Sein Kollege Mohammed mischt sich ein. «Jetzt gibt es Sicherheit», sagt er. «Das ist wichtig.» Dann streckt er mir einen gigantischen Keks entgegen. «Hausgemacht.»

Mohammed ist neu hier. Er hat Wirtschaft studiert, trat den Taliban bei. «Ich will meinem Land dienen», sagt er.

Afghanistan steckt in einer humanitären Krise. Familien können ihre Kinder nicht ernähren. Sie flüchten in die Stadt, finden keinen Job. Mohammed sagt, das Problem sei die Abwanderung: «Unternehmer gehen ins Ausland, statt hierzulande in Infrastruktur zu investieren.»

«Ich werde euch vermissen»

«Wird es besser?», frage ich. Er nickt: «Wenn die Sicherheit bleibt.» Wir verlassen die Basis. Murtaza eilt uns hinterher. In der Hand den Keks, den ich liegen gelassen habe. Weil er mir nicht geschmeckt hat. Ich stecke ihn in die Tasche, bedanke mich. «Komm wieder», sagt Murtaza.

Auf dem Rückweg läuft wieder Musik. Esan ist still. Er fixiert die Strasse, schaut selten in den Rückspiegel. «Ich werde euch vermissen», sagt er.

Am Flughafen lädt er das Gepäck aus. Wir umarmen uns kurz. Er bleibt neben seinem Auto stehen.

Später schreibt er mir. Er habe geweint, sagt er. Er habe mich lieb gewonnen. Ich schicke ihm Fotos von unserem Trip. Dann schreibt er: «Hast du auch welche von dir?»

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