Darum gehts
- Milad A. (29) wurde 2024 aus der Schweiz nach Kabul abgeschoben
- In Afghanistan lebt er isoliert, bedroht und ohne Perspektiven
- Mit 1700 Afghani (20 Franken) monatlich kämpft er ums Überleben
Milad A.* (29) steigt die Treppe zum Central Hotel hinauf. «Guten Tag Frau Helena», grüsst er mit sanfter Stimme, im Berner Dialekt. Die Sonne steht tief über der Koh-e Baba, einer Gebirgskette westlich von Kabul. Toyota Corollas rattern vorbei, hupen. Abendverkehr in der afghanischen Hauptstadt.
Ein Sicherheitsmann öffnet die Tür. Wir setzen uns auf blaue Samtsofas. «Sind Sie gut angekommen?» Ich nicke. Er lächelt, murmelt: «Willkommen in der Hölle.»
Milad A. hat zehn Jahre seines Lebens in der Schweiz verbracht. Flucht als Teenager. Hoffnung auf eine Zukunft. Dann: Asylantrag abgelehnt. Eine Prügelei mit einem anderen Asylbewerber bringt den ihn dann in den Fokus der Schweizer Justiz.
Leere Wohnung als Versteck
Im Oktober 2024 schicken ihn die Behörden zurück. Es ist die erste Ausschaffung nach Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban.
Als er in Kabul landet, wartet niemand auf ihn. Bärtige Männer mit Turban und Eyeliner prüfen seine Papiere. Eine fremde Welt. Milad A. ruft einen Kollegen an. «Sonst kannte ich niemanden», erzählt er. Der Freund organisiert ihm eine leerstehende Wohnung. Keine Heizung, keine Möbel. «Dort versteckte ich mich», sagt er.
Wir bestellen Grüntee. Er spricht leise, stockt, entschuldigt sich für sein Deutsch: «Ich habe viel verlernt.» Momentan lerne er Türkisch. Mit einer App. «Ich spreche schon einigermassen fliessend», sagt Milad A. Er hofft, in der Türkei Arbeit zu finden. «Denn hier kann ich nicht leben.»
In jenen ersten Wochen in Kabul wird ihm bewusst, wie lange er weg war. Und wie viel sich verändert hat. «Ich passe nicht rein. Die Leute auf der Strasse merken das», erklärt er. «Mein Dialekt, meine Gangart, meine Mimik sind anders.»
Für die Taliban und deren Anhänger gilt er als Verräter. Als Feigling, der in den Westen geflüchtet ist. «Ich werde beleidigt», sagt er. «Manchmal geschlagen.»
Milad A. hat schwarzes Haar und braune Augen, asiatische Gesichtszüge. Typisch für Angehörige der Hazara, der drittgrössten Minderheit im Land. Seit der Machtübernahme werden sie systematisch diskriminiert. Viele finden keine Arbeit, verlieren ihre Geschäfte, weil sie extra Steuern zahlen müssen. Die Taliban verüben blutige Angriffe auf ihre Moscheen. «Ich habe ständig Angst», murmelt er. «Das ist kein Leben.»
Er kommt während des Bürgerkriegs zur Welt, wächst auf dem Land auf. Sein Vater arbeitet für die afghanische Armee. Acht Jahre lang ist er ein Einzelkind. Dann wird seine Mutter wieder schwanger. Doch sie und der Vater werden ermordet, das ungeborene Geschwister stirbt. «Sie fuhren mit dem Auto in eine andere Provinz», erzählt Milad A. «Ich weiss nicht, wie und warum sie getötet wurden.»
Plötzlich ist er allein. Ein Freund seiner Eltern nimmt ihn auf. Dieser hat eine eigene Familie. «Sie waren bitterarm», sagt er. «Ich fühlte mich wie eine Last.»
Tritt gegen den Kopf
Mit 15 flieht er in den Iran, reist weiter in die Türkei und schliesslich in die Schweiz. Er kommt in ein Zentrum im Kanton Bern. Dort begegnet er dem Betriebswirtschafter Jürg Schneider (81), der sich gemeinsam mit anderen Freiwilligen rund um die Notunterkunft engagiert.
Schneider empfängt mich zu Hause in Bern, kurz bevor ich nach Kabul fliege. «Milad ist ein ruhiger, fast schüchterner Mann», erzählt Schneider. «Aber sehr intelligent und gut gebildet.»
Milad A. lernt schnell Deutsch, übersetzt bald für andere Asylsuchende, etwa bei Terminen auf dem Migrationsamt. Und er spielt Fussball. Im Dorf – und in einem Viertliga-Klub, der ihn mittrainieren lässt.
Mehr als zwei Jahre lang wartet Milad A. auf seinen Asylentscheid. Sein Gesuch wird 2018 abgelehnt. Er ist damals 19. Emotional aufgeladen streitet er sich mit einem anderen Asylbewerber im Sportunterricht. Sie prügeln sich, gehen zu Boden. Er tritt nach, gegen den Kopf. Der andere erleidet Schürfungen und blaue Flecken im Gesicht.
Die Polizei leitet ein Verfahren ein. Der verletzte Asylbewerber will die Anzeige noch zurückziehen. Doch es ist zu spät. Die Ermittlungen laufen schon – wegen versuchter schwerer Körperverletzung.
7 Jahre Landesverweis
In der Einvernahme gibt Milad A. alles zu. «Ich hatte mich nicht im Griff und das tut mir unheimlich leid», sagt er. Das Gericht verurteilt ihn 2019 im abgekürzten Verfahren zu 16 Monaten Gefängnisstrafe bedingt. Zwei Jahre Probezeit, wegen günstiger Prognose. Obendrauf: 7 Jahre Landesverweis.
Doch Milad bleibt. Die Schweiz schafft nach 2019 keine Afghanen mehr aus. Perspektiven hat er dennoch keine. 2021 kämpfen sich die Taliban in Afghanistan an die Macht. Sie führen die Scharia ein: Todesstrafe für Mörder, Bildungsverbot für junge Frauen, Abschaffung der Religionsfreiheit.
2024 entscheidet der Bundesrat: Schwer kriminelle Afghanen dürfen wieder ausgeschafft werden. Polizisten holen Milad A. im Rückkehrzentrum ab. Noch am gleichen Tag fliegen sie mit ihm nach Istanbul. Er wird ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.
Verwandter schickte ihn weg
Milad A. sagt: «Ich verstehe, warum die Schweiz mich abgeschoben hat.» So funktioniere ein Rechtsstaat. «Das respektiere ich.»
Im Rahmen des neuen Asylpakts will die Schweiz ab Sommer 2026 abgelehnte Asylbewerber «konsequenter» ausschaffen. Bei Afghanen setzten die Behörden ein «tragfähiges Beziehungsnetz in der Heimat» voraus.
Milad A. hat kein solches Netz. Die Familie, die ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgenommen hat, lebt nun im Iran. «Ich habe einen Verwandten auf dem Land besucht», erzählt er. «Er fragte, wann ich wieder gehen würde. Er habe weder Platz noch Geld.»
Jobs sind rar. Familien flüchten in die Stadt. Viele schlagen sich als Tagelöhner durch. Auch Milad A. Er kann schweissen, Möbel restaurieren. «In einem guten Monat verdiene ich 1700 Afghani», sagt er. Das sind etwa 20 Franken.
Sein einziger Ausweg bleibt die Flucht. Einmal bekam er ein Visum für den Iran. Die dortigen Behörden schickten ihn wieder zurück.
Der Tee ist kalt geworden. Draussen dämmert es. Er hat einen weiten Heimweg, quer durch Kabul. Ich will ihm das Taxi bezahlen. Er schüttelt den Kopf. «Ihr Schweizer habt schon genug für mich getan.» Dann steht er auf, verabschiedet sich. Die Geldnoten lässt er neben dem Teekrug liegen.
* Name geändert