Darum gehts
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Es sind bürgerkriegsähnliche Bilder, die diese Tage aus Paris kommen. In der französischen Hauptstadt wird randaliert und geplündert. Sachen werden in Brand gesteckt. Angefangen als Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und ein marodes Schulwesen, schwappten am Samstag Wellen der Gewalt über die Stadt hinweg.
Die ganz grossen Ausschreitungen blieben am Sonntag, anders als einen Tag zuvor, zwar aus. Dennoch wurden über 100 Personen festgenommen. Die Situation in der Stadt der Lichter ist dementsprechend auch für die gut 12'000 Schweizerinnen und Schweizer, die in Paris leben, angespannt. Was sie im Gespräch sagen, überrascht.
Mitten in den Krawallen
Der Schweizer Student Anjo Stehrenberger (27) ist am Samstag mittendrin. Gegen die Mittagszeit sieht er sich die grosse Demonstration beim Gare de l'Est an. «Ich schätze, es waren deutlich mehr als 800'000 Menschen auf der Strasse – es war beeindruckend», sagt der Student, der derzeit in Paris ein Austauschsemester macht. Trotz ihrer Grösse sei die Demo friedlich gewesen. «Auch die Sicherheitskräfte waren zu diesem Zeitpunkt noch recht entspannt.»
Später am Nachmittag aber beginnen die Krawalle. Stehrenberger und eine Bekannte sind plötzlich im Zentrum des Geschehens. «Krawallmacher haben direkt neben uns Autos angezündet, Geschäfte geplündert und die Strassen verwüstet», sagt er zu Blick. Und doch: Der junge Mann und seine Begleitung fühlen sich nicht unsicher. «Irgendwie hatten wir in der grossen Menge nicht das Gefühl, dass sich die Wut gegen uns richtet», sagt Stehrenberger, und fügt an: «Auch nicht gegen die Feuerwehr, die konnte ungehindert die Brände löschen.»
Von den Sicherheitskräften sei kaum etwas zu sehen gewesen. «Die Polizei hatte die Kontrolle komplett verloren, es war Wahnsinn», so der Student.
Angst ums Geschäft
Auch die Schweizer Galeristin Esther Woerdehoff (69) erlebt die Demonstration und die Krawalle am Samstag hautnah mit. Sie lebt seit 30 Jahren in Paris, führt dort eine Kunstgalerie. «Es tut weh, die schönste Stadt der Welt so zu sehen», sagt sie im Gespräch mit Blick.
Am Samstag braucht Woerdehoff für ihren Arbeitsweg statt 25 Minuten ganze zweieinhalb Stunden. «Das Aufgebot der Sicherheitskräfte war enorm», sagt sie. Kurz danach seien auch die Demonstranten aufgetaucht. «Schnell roch es nach Rauch und Tränengas», sagt sie. «In solchen Momenten ist man sehr auf der Hut.»
Dann kommt der Schreckmoment für Woerdehoff. In der Sackgasse, in der ihre Galerie liegt, tauchen plötzlich mehrere vermummte Gestalten auf. «Zunächst dachte ich, dass nun auch hier randaliert wird, doch dann zogen sie zum Glück wieder ab», erzählt sie. Die Galeristin leidet mit den 1500 Geschäftsinhabern in Paris, deren Läden verwüstet wurden, mit. «Es ist so traurig, was hier passiert», sagt sie.
Woerdehoff macht sich Sorgen um die Zukunft: «Paris ist nicht mehr einladend für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt – das werden wir spüren.»
«Habe Angst vor der Polizei»
Auch für die Schweizerin Manuela W.* (39) ist Paris im Moment kein schöner Ort. Doch nicht wegen der Demonstranten. Sie sagt: «Es ist eine Schande für die Demokratie. Angst habe ich nicht vor den Demonstranten, sondern vor der Polizei.» Deshalb will W. auch anonym bleiben. Die Polizei gehe mit äusserster Härte gegen die Demonstranten vor. «Wenn ich vor die Tür gehe, muss ich befürchten, von Beamten angegangen zu werden.»
Zum Schutz würde sie, wie die meisten anderen Pariserinnen und Pariser, deshalb jede Aktion mit dem Handy filmen, sagt Manuela W. «Zum Teil wird bei den friedlichen Demonstranten einfach plötzlich drauflosgeschlagen.»
Demonstranten sind nicht gleich Randalierer
In Paris lebt auch die Schweizer Journalistin und Autorin Linda Solanki (36). Sie betont gegenüber Blick, dass durch die Krawalle ein wichtiger Aspekt in den Hintergrund gerät. «Die Anliegen, für die die jungen Leute demonstrieren, sind absolut legitim», sagt sie.
Es gehe um ein marodes Schulwesen, kaum noch bezahlbare Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheiten. «Die grosse Mehrheit der Demonstrierenden ist friedlich; die Plünderungen und Verwüstungen werden von einer kriminellen Minderheit begangen.»
Das betonen auch alle anderen befragten Schweizerinnen und Schweizer gegenüber Blick. Galeristin Esther Woerdehoff fasst es zusammen: «Das Traurigste an der ganzen Situation ist, dass der jüngste Präsident in Frankreichs Geschichte, Emmanuel Macron, die Jugend des Landes verloren hat.»
Dabei dürfte es wenig helfen, dass die Regierung am Montag eine Ausgangssperre verhängt hat.
* Name geändert