Knapp 4000 Kilometer Reichweite
Könnten iranische Raketen Europa treffen – und damit auch die Schweiz?

Der Angriff des Iran auf die weit entfernte Basis Diego Garcia hat gezeigt, dass iranische Raketen weiter fliegen können als gedacht – fast 4000 Kilometer. Und damit bis nach Bern oder in andere europäischen Hauptstädte. Aber will Teheran das überhaupt?
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Stellen die iranischen Raketen eine grössere Bedrohung für Europa dar als gedacht?
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Irans Raketen könnten Ziele in Europa, inklusive der Schweiz, erreichen
  • Angriff auf Diego Garcia zeigte 4000 Kilometer Reichweite statt 2000 Kilometer
  • Schweiz rüstet mit Patriot-Systemen und F-35-Kampfjets für Verteidigung auf
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Daniel MacherRedaktor News

Klar ist: Der gemeinsam geführte Krieg der USA und Israels gegen den Iran betrifft nicht nur den Nahen Osten, sondern auch Europa – und damit auch die Schweiz. Das wurde spätestens spürbar, als die Preise für Benzin und Diesel stark anstiegen. Auch die Drohungen von US-Präsident Donald Trump (79), angesichts vermeintlich mangelnder Unterstützung aus der Nato auszusteigen, hätten direkte Folgen für den alten Kontinent haben können. Doch lange Zeit war Europa überzeugt: Raketen, Bomben, Krieg – all das ist weit entfernt.

Der Angriff auf Diego Garcia im Indischen Ozean hat nun jedoch gezeigt: Irans Raketen können offenbar weiter fliegen, als bislang angenommen. Rein technisch sind damit auch Ziele in Europa, einschliesslich der Schweiz, in Reichweite.

Können ja – aber wollen?

Bis vor kurzem versicherten iranische Verantwortliche, die eigene Raketenreichweite sei bei rund 2000 Kilometern gedeckelt. Der Angriff auf die britisch-amerikanische Basis Diego Garcia im Indischen Ozean – knapp 4000 Kilometer vom Iran entfernt – zeigt, dass zumindest einzelne Systeme viel weiter reichen können.

Militäranalysen sprechen deshalb von Raketen, die technisch in eine neue Kategorie rutschen: weg von klassischen Mittelstreckenraketen, hin zu Systemen, die grosse Teile Europas abdecken. Doch: Die Fähigkeit, ein Ziel zu treffen, ist nicht das Gleiche wie der Wille, es wirklich anzugreifen.

Liegt die Schweiz in Schlagdistanz?

Zwischen Teheran und Bern liegen – je nach Route – rund 4000 bis 4500 Kilometer. Das ist in etwa die Distanz, die Iran mit den Raketen auf Diego Garcia anvisiert hat. Rein physikalisch wäre damit ein Schlag gegen Ziele in Mitteleuropa – Berlin, Wien, auch Bern – keine Science-Fiction mehr.

Geopolitik-Experte Klemens Fischer (62) schätzt im Interview mit «Focus», eine Rakete aus dem Iran würde etwa 20 Minuten bis Berlin brauchen – und hält eine Reichweite von 4000 Kilometern für technisch plausibel. Gleichzeitig betont er, ein koordiniert geführter Angriff auf Europa könne Teheran «vergessen»: Es fehle Geld, Technik – und das Interesse, den Kontinent direkt in den Krieg hineinzuziehen.

Wenn es nach der Reichweite geht, könnten iranische Raketen offenbar knapp bis London fliegen.
Foto: Blick Grafik

Was spricht gegen einen Angriff auf Europa?

Iran zielt bisher vor allem auf klar definierte Gegner: US- und britische Basen, israelische Ziele und regionale Rivalen wie Saudi-Arabien. Europa ist für Teheran hingegen eine wichtige wirtschaftliche und diplomatische Brücke – ein direkter Raketenangriff auf Bern, Berlin oder Paris würde diesen letzten Spielraum mit einem Schlag zerstören.

Hinzu kommt: Im Gegensatz zu anderen Ländern begründe der Iran seine Angriffe regelmässig völkerrechtlich, wie Fischer argumentiert – als Reaktion auf Militärstandorte, nicht auf neutrale Staaten. Die Schweiz mit ihrer Neutralität und ohne grosse US-Kampfbasen taucht in dieser Logik nicht als Prioritätsziel auf.

Wie gut ist Europa geschützt?

Der aktuelle Krieg legt allerdings schonungslos offen, wie dünn die Luft- und Raketenabwehr in Europa ist. Systeme wie Patriot, SAMP/T oder IRIS-T schützen vor allem besonders kritische Knotenpunkte – grosse Ballungsräume bleiben nicht flächendeckend geschützt, schon gar nicht gegen massive Salven aus Drohnen und Raketen.

Die Schweiz rüstet hier nach: Sie beschafft Patriot-Systeme und beteiligt sich seit 2024 an der europaweiten European Sky Shield Inititive (ESSI), um Lücken im bodengestützten Luftschutz schneller zu schliessen. Gleichzeitig wird die Zahl der F-35-Kampfjets nach oben korrigiert, um Luftraumüberwachung und Abwehr zu stärken.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Die Schweiz steht weder auf Irans Feindesliste noch ist sie logistisch so wichtig wie US-Drehkreuze im Nahen Osten oder in Deutschland. Realistischer als ein direkter Raketenangriff ist deshalb ein anderes Risiko: dass der Konflikt schleichend nach Europa überschwappt – mit Cyberangriffen, Sabotage und Terrorplanungen gegen US- oder israelische Einrichtungen, auch auf Schweizer Boden.

Unterm Strich gilt: Ja, Iran besitzt Raketen, die die Schweiz erreichen könnten. Die grössere Gefahr entsteht derzeit aber weniger durch eine einzelne Rakete am Himmel, sondern durch einen Konflikt, der immer weniger Grenzen kennt – und der Politik, Armee und Sicherheitsbehörden auch hierzulande zu schnellerem Handeln zwingt.

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