Darum gehts
- Trend auf Social Media ordnet Alltagsgewohnheiten politisch zu
- Kategorien wirken plakativ ohne klare Logik und basieren auf «Vibes»
- Beispiele: Dackel ist rechts, Lastenfahrrad ist links, Oktoberfest ist rechts
Rechts ist, wer zu Hause einen Dackel hat, Mineralwasser mit Kohlensäure trinkt und ins Fitnessstudio geht. Links dagegen, wer gerne auf einem Flohmarkt einkaufen geht, bunte Schals trägt oder Kürbiskerne über sein Essen streut.
So banal bricht ein neuer Trend auf den sozialen Medien das politische Links-Rechts-Spektrum herunter. Die Influencer ordnen dabei fast das gesamte Alltagsleben einer Gesinnung zu. Auch Dinge wie Frisuren, Piercings, Handymarken oder der eigne Musikgeschmack werden in eine politische Schublade gesteckt.
Keine Logik bei Zuteilung
Diese Zuteilung wirkt dabei sehr plakativ. Eine Logik ist nicht wirklich zu erkennen. Das sehen auch die User in den Kommentaren so. Es gehe einfach «um den Vibe» eines Gegenstandes, wie schon der «Kurier» berichtete.
Hier einige weitere Beispiele:
- Rechts ist katholisch zu sein, das Oktoberfest, Sportwetten, Geheimratsecken, ein Feierabendbier, Inlandsflüge, Boxen zu können, Grusskarten zu verschicken und jung zu heiraten.
- Links ist im Park auf dem Boden sitzen, im Dachgeschoss wohnen, Plattenspieler, Velofahren, Katzen, Poetry-Slam, Matcha, Kerzen, Sticker auf dem Laptop und Lastenfahrräder.
Experte hält nichts von Trend
Blick hat Roman Gibel, Soziologe an der Universität Zürich, gefragt, was er vom neusten Tiktok-Trend hält. «Ich trinke gerne Sprudelwasser und mag auch Kürbiskerne und Velofahren. Also nichts», so seine Antwort. Der Experte ist sich sicher: «Dass arbiträre Merkmale wie Kabelkopfhörer oder Sprudelwasser direkte Schlussfolgerungen auf die politische Einstellung zulassen würden, ist völlig übertrieben.»
Es sei allerdings kein neues Phänomen. Bereits in den 1970er Jahren hat es laut Gibel Studien gegeben, die auf klassenspezifische Geschmäcker und Vorlieben hingewiesen haben. «Demnach war damals beispielsweise das Bier die Wahl der Arbeiterschaft, während Wein in der ‹gehobenen› Klasse getrunken wurde.»
Bedürfnis nach Ordnung
In der modernen Welt lassen sich solche Grenzen zum Geschmacks- und Lebensstil nicht mehr so einfach ziehen, erklärt der Experte. «Viel eher zeigt ein solcher Social-Media-Trend, in dem Merkmale einem klaren Links-Rechts-Schema zugeordnet werden, ein Bedürfnis nach Ordnung in einer Welt, die zunehmend als unübersichtlich wahrgenommen wird.»
Der Trend spiegelt also scheinbar ein tieferes Verlangen der User wider. Solange die Videos mit einer humoristischen Note unterstrichen sind, hält Gibel den Trend für harmlos. «Die vorschnelle Schubladisierung via Social Media ist erst dann problematisch, wenn sie ohne Augenzwinkern als absolut gesetzt wird.»