Darum gehts
- Sturzflut zerstört Dörfer im Grenzgebiet Nepal-Tibet, über 100 Vermisste gemeldet
- Erdbeben löste Lawine aus, die Flutwelle im Bhote-Koshi verursachte
- Bereits 2025 starben 28 Menschen in ähnlicher Katastrophe in derselben Region
Im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet hat eine plötzliche Sturzflut den Bhote-Koshi-Fluss in einen reissenden Strom verwandelt, Dörfer zerstört, Brücken und Wasserkraftwerke weggerissen und Dutzende in den Tod gerissen. Hunderte werden weiterhin vermisst. Die Flut kam aus Tibet, schoss am Mittwochmorgen zwischen 8.40 und 9 Uhr bei Syapru Besi und Timure ins Tal und hinterliess auf beiden Seiten der Grenze massive Schäden.
Nach ersten Erkenntnissen ging der plötzliche Wasserschub nicht auf lokalen Starkregen in Rasuwa zurück, sondern auf ein Ereignis im Hochgebirge auf tibetischer Seite. Experten zeichnen ein Szenario nach, bei dem eine Lawine aus Eis und Fels einen Nebenfluss – den Fluss Lhende – kurzzeitig blockiert, einen Aufstausee bildet und dessen plötzlicher Bruch schliesslich die Flutwelle in den Bhote-Koshi schickt.
So entstehen Sturzfluten
Eine Sturzflut ist kein langsam wachsendes Hochwasser, sondern ein abruptes, hochdynamisches Ereignis: Innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden steigt der Pegel eines Flusses extrem an, und eine Welle aus Wasser, Schlamm, Geröll und Holz frisst sich talwärts. Das heisst: In sehr kurzer Zeit entsteht viel mehr Wasser, als Boden, Hänge und Flussbett aufnehmen oder geordnet abführen können.
Typische Auslöser sind extrem intensiver Starkregen – etwa bei Wolkenbrüchen im Monsun –, der Bruch eines instabilen Gletschersees oder der plötzliche Kollaps eines natürlichen Damms aus Eis, Fels und Moränenmaterial. Im Hochgebirge werden solche Dämme häufig durch Lawinen oder Erdrutsche gebildet.
Warum die Region so gefährdet ist
Gerade im Himalaya sind die Voraussetzungen dafür besonders ausgeprägt: Steile Hänge beschleunigen den Abfluss, enge Täler bündeln die Wassermassen, und die junge, bröckelige Gebirgsstruktur begünstigt Lawinen und Rutschungen. Durch die Klimaerwärmung ziehen sich Gletscher zurück, hinterlassen instabile Seen mit Moränendämmen und liefern zugleich mehr Schmelzwasser – die Zahl potenziell gefährlicher Gletscherseen nimmt zu, während gleichzeitig Extremniederschläge zunehmen.
Das Bhote-Koshi-System bei Rasuwa liegt genau in diesem Spannungsfeld: hochalpine Einzugsgebiete mit Gletschern und Permafrost, instabile Moränen, enge Täler – und zugleich Siedlungen, Grenzstationen und grosse Wasserkraftprojekte direkt im Flusskorridor. Bereits im Juli 2025 wurde das Gebiet von einer ähnlichen Flut heimgesucht. 28 Menschen starben bei dem Unglück. Seitdem gilt die Region als Gefahren-Hotspot. Experten betonen, dass dieselben Dörfer und Infrastrukturen, die im Vorjahr beschädigt wurden, nun erneut schwer getroffen sind.
Welche Rolle das Erdbeben gespielt haben könnte
Am frühen Mittwochmorgen, gegen 4.52 Uhr, wurde in den chinesischen Bergen nahe des Achttausenders Shishapangma ein Erdbeben der Magnitude 4,4 registriert – nur wenige Stunden bevor die Flut gegen 8.40–9 Uhr Nepal erreichte. Fachleute halten es für plausibel, dass dieses Beben als Auslöser einer Eis- oder Felslawine gewirkt hat, die den Lhende-Fluss blockierte und damit den beschriebenen Kaskadeneffekt in Gang setzte.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht wäre das Erdbeben damit nicht die Quelle der Wassermassen, sondern der «Trigger»: Es erschüttert ohnehin instabile Gletscherhänge, löst eine Lawine aus, diese bildet einen provisorischen Damm, dahinter staut sich Wasser, und beim Bruch dieses Damms entsteht die Sturzflut. Endgültig bestätigt werden kann das Szenario aber erst, wenn Satellitendaten und Geländemessungen ausgewertet sind.
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