Darum gehts
- Peter Magyar gewinnt Wahl am 12. April mit 53 Prozent
- Orbans Freunde transferieren Milliarden von Forint ins Ausland per Privatjet
- Viele Stellen werden noch von Orban-Anhängern besetzt
Nach dem klaren Wahlsieg von Peter Magyar (45) über Viktor Orban (62) herrscht in Ungarn Hektik. Orbans Freunde bringen ihre Forint-Milliarden laut «The Guardian» per Privatjet ins Ausland in Sicherheit, hochrangige Orban-Freunde bemühen sich um ein US-Visum und einen Job im MAGA-Umfeld. Zudem soll Aussenminister Peter Szijjarto (47) in aller Eile vertrauliche Dokumente vernichtet haben.
Doch nicht überall herrscht nach dem Machtwechsel dieses Tempo. Der designierte Ministerpräsident Peter Magyar, der die Korruption bekämpfen und ein loyaler Partner der EU werden will, stösst auf grossen Widerstand. Bis er den Staat neu ausrichten kann, dürfte es noch Jahre gehen. Wir zeigen, wo überall nach 16 Jahren Amtszeit noch Orban drinsteckt.
Verwaltung und Justiz – der lange Arm des alten Systems
Im Staatsapparat zeigt sich besonders deutlich, wie schwer ein schneller Wandel ist. In den Ministerien und Behörden sitzen weiterhin zahlreiche Spitzenbeamte, die während der Orban-Jahre eingesetzt wurden. Selbst neue politische Vorgaben werden häufig über bestehende Verwaltungsroutinen gefiltert, verzögert oder technisch angepasst. Ein schneller Durchgriff ist dadurch kaum möglich.
In den USA hatte Donald Trump (79) im Vorfeld seiner Rückkehr gezielt Tausende loyaler Verwaltungsmitarbeiter aufgebaut, um unmittelbar handlungsfähig zu sein. Der designierte Ministerpräsident Peter Magyar hingegen übernimmt einen Apparat, der nicht neu ausgerichtet wurde, sondern in seiner Funktionslogik bestehen bleibt.
Wirtschaft – das Netzwerk der Nähe
Parallel dazu besteht ein wirtschaftliches Geflecht, das eng mit der früheren Regierung verbunden ist. Rund um Orbans Machtzentrum hat sich über Jahre eine Unternehmerstruktur entwickelt, deren Aufstieg häufig an staatliche Aufträge und politische Nähe gebunden war.
Diese Netzwerke funktionieren unabhängig vom Regierungswechsel weiter. Verträge laufen langfristig, Eigentumsstrukturen bleiben bestehen, und wirtschaftlicher Einfluss lässt sich nicht kurzfristig neu verteilen. Selbst wenn politische Prioritäten sich ändern, bleibt die ökonomische Basis eines solchen Systems zunächst stabil.
Medien – Sprachrohr der Fidesz
Schätzungen zufolge standen rund 80 Prozent der ungarischen Medien – Zeitungen, TV- und Radiosender – in unterschiedlichem Ausmass unter dem Einfluss von Orbans Regierungspartei Fidesz.
Magyar hat angekündigt, die staatlich dominierte Medienstruktur grundlegend zu reformieren und die «Lügenfabrik» umgehend zu beenden. In der Praxis jedoch bleiben viele Strukturen zunächst bestehen: Redaktionen arbeiten weiter, nur unter veränderten politischen Vorgaben, während Reichweite, Eigentum und Infrastruktur weitgehend unverändert bleiben. Bisher wurde kein Sender geschlossen.
Europa – Klima des Misstrauens
Auch auf europäischer Ebene bleibt der Einfluss der Orban-Ära spürbar. Die Zurückhaltung von EU-Mitteln und die jahrelangen Auseinandersetzungen haben ein Klima des institutionellen Misstrauens geschaffen. Hinzu kommt der ideologische Nachhall: Teile der europäischen Rechten haben zentrale Argumente Orbans übernommen – insbesondere seine Kritik an Brüssel, seine Migrationspolitik und seine Betonung nationaler Souveränität.
Damit wirkt sein politisches Modell auch ausserhalb Ungarns weiter, selbst wenn seine direkte Machtbasis im eigenen Land geschwächt ist.
Flucht ins Ausland
Magyar soll am Samstag in der konstituierenden Sitzung zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Er wird alles daran setzen, Orbans Schatten ganz auszulöschen. Seine Gegner wissen, dass er es ernst meint. Aus Angst vor der Beschlagnahmung und Verstaatlichung ihrer Vermögen haben schon mehrere Orban-Freunde ihr Geld ins Ausland gebracht. Magyar selber hatte von reichen Ungarn berichtet, die «Dutzende Milliarden Forint in die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA, nach Uruguay und in andere weit entfernte Länder» transferiert hätten. Er forderte die Justizbehörden auf, «die Kriminellen festzunehmen und ihre Flucht» in Länder, in denen eine Auslieferung unwahrscheinlich sei, zu verhindern.
Peter Magyars Partei Tisza hatte die Wahlen am 12. April mit einem Stimmenanteil von 53 Prozent gewonnen. Orbans Fidesz kassierte mit 39 Prozent eine herbe Schlappe.
Die Wahlen sind der Startschuss für ein neues Zeitalter. In gewissen Bereichen verwischen Orbans Freunde ihre Spuren blitzschnell. In anderen Bereichen werden seine Gefolgsleute Magyars Vorwärtspolitik aber noch Jahre hemmen.