Darum gehts
Die russischen Streitkräfte gehen in der Ukraine zum Grossangriff über. Mit pausenlosen, massiven Bombardements versuchen sie gezielt, die ukrainische Flugabwehr mürbezumachen und die Verteidigung auszubluten.
Solche Erfolge in der Ukraine geben dem Kreml Auftrieb für weitere Ziele, die er Ende 2025 formuliert hatte: die Zerstörung der Nato und das Aushebeln der europäischen Sicherheitsordnung. Verschiedene Medien listen bereits Szenarien auf, wie Russland Europa militärisch angreifen könnte. Wir zeigen sieben davon und schätzen ein, wie realistisch sie sind.
Im Verborgenen läuft der Konflikt zwischen Moskau und Europa längst auf Hochtouren. Über gezielte Cyberattacken, Sabotage und Falschinformationskampagnen setzt Russland seit Jahren auf hybride Kriegsführung. Ziel: die Zivilgesellschaften des Westens zu spalten und die Nato von innen heraus zu schwächen.
Doch der Kreml plant offenbar den nächsten Schritt. Die Brisanz der Lage zeigt sich in einer geheimen Mission: CIA-Direktor John Ratcliffe (60) reiste überraschend nach Moskau. Während Washington und der Kreml den Besuch offiziell herunterspielten, sickerte aus Geheimdienstkreisen durch: Ratcliffe übermittelte eine unmissverständliche Warnung der USA. Westliche Erkenntnisse deuten nämlich darauf hin, dass Moskau gezielt provozieren will, um die Entschlossenheit des Nato-Bündnisses auf die Probe zu stellen. Dazu gibt es sieben Szenarien:
U-Boot-Angriff
Szenario: Russische U-Boote kappen Tiefseekabel, sabotieren Gaspipelines oder legen Offshore-Windparks in der Ostsee lahm.
Wahrscheinlichkeit: Hoch. Es ist sehr schwierig, den Schuldigen zu finden. Da Russland die Tat abstreiten kann, löst das noch keinen Bündnisfall der Nato aus, führt aber zu grossem wirtschaftlichen Schaden.
Angriffe unter falscher Flagge
Szenario: Russland nutzt erbeutete ukrainische Drohnen oder westliche Präzisionswaffen, um ein Ziel auf Nato-Gebiet zu treffen. Infrage käme zum Beispiel ein Logistikzentrum in Polen.
Wahrscheinlichkeit: Hoch. Das Ziel besteht darin, Verwirrung zu stiften, die Nato zu spalten und die Zivilbevölkerung gegen Ukraine-Hilfen aufzustacheln. Auch hier kann Russland bestreiten, die Geschosse abgefeuert zu haben.
Krim-Szenario in Estland
Szenario: Wie bei der Annexion der Halbinsel Krim 2014 könnten sich russische Spezialeinheiten verdeckt auch in baltische Staaten infiltrieren. Sie wiegeln die vielen da lebenden Russen auf, bis es zu einer Abstimmung zur Staatszugehörigkeit kommt. Im Fokus steht vor allem die estnische Grenzstadt Narwa.
Wahrscheinlichkeit: Mittel. Es wäre ein Testfall für die Nato: Würde das Bündnis für eine Kleinstadt einen dritten Weltkrieg riskieren?
Blockade der Achillesferse
Szenario: Die schmale Suwalki-Lücke verbindet den Russland-Verbündeten Belarus mit der russischen Exklave Kaliningrad. Die Russen haben das Recht, den Landkorridor an der Grenze zwischen Litauen und Polen zivil zu benützen. Durch eine Besetzung würden die drei baltischen Staaten von den anderen Nato-Staaten abgeschnitten.
Wahrscheinlichkeit: Niedrig. Ein offener Vorstoss auf den Korridor ist ein kriegerischer Akt und würde die Nato auf den Plan rufen. Die Nato hat immer gesagt, dass sie jeden Quadratmeter ihres Gebiets verteidigen würde. Es wäre der Test, ob das nach Donald Trumps (80) Nato-Kritik wirklich immer noch der Fall wäre.
Besetzung von Inseln
Szenario: Auf der unter norwegischer Souveränität stehenden Insel Spitzbergen hat Russland einen diplomatischen Sonderstatus. Der könnte offiziell als Legitimation für eine Invasion dienen, um angebliche Streitigkeiten über Bergbau oder Fischfang zu lösen. Auch die schwedische Insel Gotland und die finnischen Åland-Inseln stehen immer wieder im Fokus.
Wahrscheinlichkeit: Niedrig. Am ehesten wäre das abgelegene Spitzbergen wegen des Wettrennens um die Arktis ein Ziel der Russen. Aber ein offener Angriff auf alle diese Inseln würde eine direkte Konfrontation mit den modernen Armeen Schwedens, Norwegens und Finnlands und somit auch der Nato bedeuten.
Angriff auf Nachbarstaat
Szenario: Die russische Armee dringt in Finnland oder gleichzeitig von Russland, Belarus und Kaliningrad in einen oder mehrere baltische Staaten ein.
Wahrscheinlichkeit: Sehr unwahrscheinlich. Ein breit angelegten Angriff auf Nato-Gebiet würde umgehend den Bündnisfall auslösen und einen grossen Krieg provozieren. Damit würde Putin seine Freundschaft mit China verscherzen. Peking hat überhaupt kein Interesse an einem grossen Konflikt, der den weltweiten Handel massiv eindämmen würde.
Rakete auf westeuropäische Stadt
Szenario: Der Kreml warnte auch schon konkret, dass er mit Raketen wie der Hyperschall-Oreschnik alle europäischen Hauptstädte erreichen könnte.
Wahrscheinlichkeit: Sehr unwahrscheinlich. Ein bewusster Raketenangriff etwa auf Berlin würde umgehend die Nato aktivieren.
Keine Kraft für grossen Krieg
Ob Putin Europa tatsächlich in einen Krieg verwickelt – da gehen die Meinungen auseinander. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic (56) warnte vor kurzem: «Wir stehen am Anfang eines grösseren Kriegs.» Der finnische Präsident Alexander Stubb (58) hingegen mahnt dazu, kühlen Kopf zu bewahren: «Ich sehe dafür einfach weder Belege noch Fakten.»
Für Sicherheitsexperten steht fest: Ausschliessen kann man einen «grösseren Krieg» nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist klein. Christoph Heusgen (71), ehemaliger sicherheitspolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel und Ex-Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, sagt: «Für einen grösseren Krieg im klassischen Sinne ist Russland viel zu schwach. Aber ich glaube, dass Putin ein Interesse daran hat, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen.»
Ein militärischer Angriff auf die Nato bleibt daher vorerst sehr unwahrscheinlich – schlicht weil Russland militärisch in der Ukraine gebunden und materiell ausgezehrt ist. Die wahre Gefahr für Europa liegt woanders: im schleichenden Grauzonen-Krieg.
Solange die Nato-Mitglieder aber geschlossen auftreten und keine Zweifel an ihrer Verteidigungsbereitschaft aufkommen lassen, wird der Kreml die rote Linie zum offenen Bündnisfall kaum überschreiten.