Darum gehts
- CIA-Chef John Ratcliffe reiste am 25. August nach Moskau
- Höchster US-Besuch in Russland seit Kriegsbeginn, Gespräche mit Geheimdienstchef Narischkin
- USA vermuten russische Mobilmachung, Ratcliffe warnte möglicherweise vor Eskalation
Als der damalige CIA-Chef William Burns (70) 2021 Russland besuchte, traf er sich mit Kreml-Chef Wladimir Putin (73). Burns sollte damals im Auftrag von US-Präsident Joe Biden (83) einen russischen Angriff auf die Ukraine verhindern. Nach viereinhalb Jahren russischen Angriffskriegs wissen wir, wie erfolgreich der Geheimdienstchef dabei war.
Als am Dienstag ein US-Militärflugzeug überraschend in Moskau landete, war zunächst nicht klar, dass erneut der CIA-Chef nach Russland gereist war. Über das Warum wollten weder der Kreml noch Washington Auskunft geben. Inzwischen gibt es erste, allerdings vage Stellungnahmen. Viele Fragen bleiben offen.
Was ist über Ratcliffes Moskau-Reise bekannt?
Ein Transportflugzeug der US Air Force vom Typ Boeing C‑17 Globemaster III flog von der Joint Base Andrews bei Washington über Riga zum Moskauer Flughafen Wnukowo und landete dort am Morgen des 25. August. Laut CBS News und der Plattform Axios reiste CIA-Direktor John Ratcliffe (60) zu Gesprächen nach Moskau. Die Reise blieb unangekündigt, und zunächst bestätigten weder CIA noch Kreml seine Anwesenheit. Erst später räumte Kremlsprecher Dmitri Peskow (58) ein, Ratcliffe sei zu «Kontakten zwischen den Geheimdiensten» in der russischen Hauptstadt gewesen. Bekannt ist auch, dass die Trump-Regierung Kiew bereits letzte Woche gebeten hat, Moskau, St. Petersburg und die nördlichen Regionen Russlands am Montag, Dienstag und Mittwoch nicht mit Langstreckenraketen und Drohnen anzugreifen.
Mit wem sprach Ratcliffe?
Peskow betonte laut internationalen Medien, ein Treffen mit Präsident Wladimir Putin sei «nicht geplant» gewesen. Auf russischer Seite ist Sergej Narischkin (71), Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR, Ratcliffes offizieller Gesprächspartner. Die «Bild»-Zeitung erinnert daran, dass beide bereits im März 2025 erstmals miteinander telefonierten. Seit dem Besuch von 2021 ist dies der ranghöchste Besuch eines US-Regierungsvertreters in Russland seit Beginn des Ukraine-Kriegs. Damit reaktivierten beide Seiten den klassischen «Draht» zwischen den Geheimdiensten auf höchster Ebene.
Könnte Ratcliffe Putin gewarnt haben?
Laut «Wall Street Journal» liegen dem US-Geheimdienst Hinweise vor, dass Russland eine weitere militärische Mobilmachung in der Ukraine vorbereitet und einen begrenzten Vorstoss erwägt, um die Entschlossenheit der Nato zu testen. Die Zeitung deutet den Besuch als mögliche Botschaft an Moskau, diese Pläne zu überdenken. Die frühere stellvertretende US-Geheimdienstdirektorin Beth Sanner sagt gegenüber «Bild», es könne darum gegangen sein, Putin sinngemäss zu vermitteln: «Wir wissen, worüber ihr nachdenkt, und ihr solltet es besser nicht tun.» Diese Deutung passt zum Muster solcher Geheimdienstkontakte, bei denen Warnungen und rote Linien eher persönlich als öffentlich überbracht werden.
Welche Rolle spielt der Iran-Krieg?
Der Rundfunk RFE/RL berichtet, dass Ratcliffes Reise in eine Phase fällt, in der die US-Bemühungen zur Beendigung von Russlands Krieg gegen die Ukraine stocken und sich zugleich Spannungen über Moskaus enge Beziehungen zum Iran verschärfen. Laut «Bild» hält Beth Sanner es für möglich, dass bei den Gesprächen auch die Waffenruhe im Krieg gegen das iranische Regime eine Rolle spielte und die USA den Kreml stärker in diese Verhandlungen einbinden wollen.
Parallel verschärft Washington den Sanktionsdruck auf Teheran. Ratcliffe könnte nach Sanners Einschätzung die russische Unterstützung für Iran angesprochen haben, um deren Umfang und Richtung zu begrenzen. Diese Kopplung von Ukraine- und Iran-Konflikt würde erklären, warum ein CIA-Chef persönlich nach Moskau reist.
Warum setzt man jetzt auf Geheimdienstkanäle?
Der Besuch eines CIA-Direktors in Moskau ist extrem selten und erfolgt sonst nur in Phasen aussergewöhnlicher Spannung oder vor wichtigen Kurswechseln. Geheimdienstkanäle erlauben beiden Seiten, Lagebilder zum Ukraine-Krieg abzugleichen, Missverständnisse über militärische Aktivitäten zu vermeiden und Eskalationsrisiken – auch nukleare Fehlinterpretationen – vertraulich zu besprechen.
Was bedeutet der Europa-Besuch von Elbridge Colby?
Wie «Bild» berichtet, reiste Elbridge Colby (46), Staatssekretär für Verteidigungspolitik im Pentagon und einer der wichtigsten US-Strategen für Europa, zeitgleich zu Konsultationen nach Europa, mit geplanten Treffen bei den zuständigen US-Kommandos und der Nato in Brüssel. Während Ratcliffe den direkten Geheimdienstkontakt mit Moskau sucht, wird damit parallel die militärische Verteidigungsplanung für Europa abgestimmt. Es entsteht ein Doppelstrang: diskrete Kommunikation mit Russland auf der einen und offene Abstimmung mit den Verbündeten auf der anderen Seite.
Zusammengenommen deutet dies darauf hin, dass Washington nicht nur Informationen austauscht. Die USA versuchen offenbar zugleich, die nächsten Schritte Russlands im Ukraine- und Iran-Konflikt einzugrenzen und ihre eigene Abschreckung in Europa anzupassen.