Serben-Präsident Vucic sieht Europa schon im Gefecht – Experten ordnen ein
So nah ist ein grosser Krieg mit Russland wirklich

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic malt für Europa ein düsteres Bild. Auch US-Geheimdienste warnen. Gegenüber Blick sagen Sicherheitsexperten, was hinter dem Horrorszenario steckt und womit Europa jetzt rechnen muss.
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Seit über vier Jahren greifen die Russen die Ukraine an.
Foto: IMAGO/SNA

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Guido FelderAusland-Redaktor

Aleksandar Vucic (56) schockiert in einem Interview Europa. Gegenüber dem Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner (63) sagte er: «Wir stehen am Anfang eines grösseren Krieges.» Der serbische Präsident glaubt weder an einen Kompromiss mit dem russischen Herrscher Wladimir Putin (73) noch an einen Sieg gegen die russische Atommacht. Das Gefährliche am Ukraine-Krieg: Es gebe keinen Ausweg, bei dem beide Seiten das Gesicht wahren könnten.

Nicht nur Vucic malt ein Schreckensszenario. Auch die US-Geheimdienste warnen vor russischen Angriffen auf weitere Länder. Die bange Frage lautet: Was kommt auf Europa zu?

Bereits jetzt finden hybride Angriffe auf verschiedenen Ebenen statt. Zwei Beispiele: In Polen und Deutschland sind jüngst Drohnen mit Sprengstoff aufgetaucht. Zudem haben die europäischen Armeen alle Hände voll damit zu tun, Spionageschiffe und hybride Attacken aufzudecken und abzuwehren.

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Der serbische Präsident Aleksandar Vucic warnt vor einem «grösseren Krieg».
Foto: imago/ZUMA Press

Die amerikanischen Geheimdienste sprachen am Wochenende sogar von Angriffen auf Nato-Gebiet. Besonders gefährdet seien Polen und die baltischen Staaten. Die möglichen Szenarien reichen von Cyberattacken bis zu einem Eindringen auf Bündnisgebiet.

Nichts ist ausgeschlossen

Für Sicherheitsexperten steht fest: Ausschliessen kann man einen «grösseren Krieg» nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist klein. Christoph Heusgen (71), ehemaliger sicherheitspolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel und Ex-Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, sagt: «Für einen grösseren Krieg im klassischen Sinne ist Russland viel zu schwach. Aber ich glaube, dass Putin ein Interesse daran hat, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen.»

Liviu Horovitz, Nuklearexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, hält die russische Armee trotz Atomwaffen nicht für unbesiegbar. «Russlands Atomwaffen machen zwar eine existenzielle Niederlage oder eine Besetzung des Landes äusserst riskant. Sie verhindern aber nicht, dass Russland einen Krieg konventionell verlieren kann.» Das würden die russischen, nur sehr begrenzten Geländegewinne im Angriffskrieg in der Ukraine deutlich zeigen.

Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Krieg zurzeit nahe an der nuklearen Schwelle liege. «Der Kreml weiss, dass ein solcher Einsatz enorme politische, wirtschaftliche und militärische Kosten hätte und eine unkontrollierbare Eskalation auslösen könnte», sagt Horovitz.

Auch für einen unmittelbar bevorstehenden konventionellen Krieg zwischen Russland und der Nato gebe es zurzeit keine hinreichenden Anzeichen. Horovitz sagt über Vucics Schreckensszenario: «Er macht aus einem gewissen Risiko eine beinahe sichere Prognose.»

Russlands Vorteil ist die Masse

Einig sind sich die Experten auch, dass dieses Jahr ein Waffenstillstand unwahrscheinlich sei und Russland die hybride Kriegsführung intensivieren werde. Marcel Berni (38), Strategieexperte an der ETH-Militärakademie: «Die entscheidende Frage ist, ob solche hybriden Angriffe die Vorbereitung auf eine spätere Eskalation sind, oder ob sie den konventionellen Krieg ersetzen, weil Russland durch das Stocken in der Ukraine dazu derzeit nicht fähig ist.»

Auch er redet von «schwachen Leistungen» der Russen. Berni: «Ihr Vorteil ist nicht militärischer Natur, sondern die enorme Verlusttoleranz, die Mobilisierung von Ressourcen sowie die Hoffnung auf Masse und Durchhaltefähigkeit.»

Vucic verneigt sich auf alle Seiten

Dass Russlandfreund Vucic am Wochenende überraschenderweise den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (48) empfangen hat, führt Berni auf den Wahlkampf für die angekündigten Neuwahlen zurück. «Vucic lädt Selenski zu sich ein, weil er europäische Legitimität sucht.» Serbien ist seit 2012 EU-Beitrittskandidat. Die Aufnahme wird aber durch Defizite bei der Demokratie, den ungelösten Konflikt mit dem Kosovo und die enge Bindung zum Kreml gehemmt.

Auf der einen Seite russische Kriegspropaganda betreiben, auf der anderen Seite Selenski den roten Teppich ausrollen: Vucic handelt so, weil er alle Optionen offenhalten will. Heusgen, der Vucic persönlich kennengelernt hat, fasst das Doppelspiel zusammen: «Vucic ist ein Meister des Jonglierens. Er wandelt zwischen den Welten und ist damit recht gut gefahren.»

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