Darum gehts
550 Raketen, Kampfdrohnen und Täuschdrohnen in 28 Stunden: Die Russen haben am Freitag und Samstag gegen die Ukraine von verschiedenen Standorten aus volle Breitseite gegeben. Besonders heftig war der Einschlag auf ein Munitionslager am westlichen Stadtrand von Kiew. Beim Angriff, der Nachdetonationen auslöste, starben 38 Personen.
Hinter dem Dauerbombardement steckt eine neue Taktik des Kremls. Sie zeigt, dass Präsident Wladimir Putin (73) jetzt den richtigen Zeitpunkt vorbereiten will, um die Ukraine in die Knie zu zwingen.
Es ist neu, dass die Russen die Ukraine über einen Tag lang unter Beschuss nehmen und die Angriffe auch nach Tagesanbruch fortsetzen. Das Institute for the Study of War (ISW) geht davon aus, dass die intensive Flutung des ukrainischen Luftraums drei Ziele verfolgt.
Verteidigung ausbluten: Die ukrainische Luftabwehr ist wegen fehlenden Nachschubs von Abwehrsystemen heute schon stark eingeschränkt. Die extrem lange Angriffsdauer von 28 Stunden und der massive Einsatz von billigen Täuschdrohnen dienen dazu, die Abwehrsysteme zu überlasten und das Personal zu ermüden. Laut den ukrainischen Luftstreitkräften konnten im Juli nur noch rund 15 Prozent der ballistischen Raketen abgewehrt werden. Die Tendenz dürfte sinkend sein.
Wirtschaft lahmlegen: Die Ausweitung der Angriffe auf die Tageszeit setzt nicht nur die ukrainische Bevölkerung unter Dauerstress, sie legt auch die Wirtschaft in Ballungsräumen wie Kiew, Odessa und Dnipro praktisch lahm. Ziel ist die Zermürbung des ukrainischen Volkes.
Vorbereitung auf Präzisionsschläge: Mit dem grossflächigen Dauerbeschuss erkennen die Angreifer, wo die Ukrainer ihre Abwehrstellungen positioniert haben. Diese Information sowie die Zerstörung möglichst vieler dieser Anlagen dienen der Vorbereitung von weiteren Angriffen. In den russischen Munitionsdepots stehen Raketen bereit, die gezielt auf Schlüsselstellen wie Munitionsdepots, Kraftwerke und andere heikle Einrichtungen abgefeuert werden können. Ohne funktionierende ukrainische Luftabwehr haben sie freie Bahn.
Mit KI an die Front
Trotz des langen Krieges verfügen die Russen offenbar über ein erhebliches Arsenal an Waffen, das während der Kriegswirtschaft laufend erneuert wird. Unterstützung bekommen sie dabei von Nordkorea und möglicherweise immer noch vom Iran.
Der ukrainische Geheimdienst geht davon aus, dass sich der einsatzbereite Bestand ballistischer Raketen zurzeit auf rund 2000 Stück beläuft. Monatlich sollen die Russen rund 200 Raketen und Marschflugkörper herstellen. Von den Tausenden Drohnen ganz zu schweigen: Hier kommen immer mehr düsengetriebene Flugkörper zum Einsatz.
Vor kurzem machten die Ukrainer eine beunruhigende Beobachtung: Offenbar setzen die Russen neu auch Drohnen ein, die mit künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Etwa bei einem Angriff auf eine Tankstelle in Saporischschja am 3. August, bei dem drei Personen getötet wurden. Die Merkmale für KI in der Drohne: Videokamera und KI-Chip, keine Funksteuerung und in einem Schwarm unterwegs. Die Ukrainer gehen davon aus, dass die Drohne auf ihr Ziel trainiert worden war und selber entschied, wann sie wo zuschlagen sollte.
Ukraine braucht Hilfe
Die Ukrainer haben sich bisher mit ihrer Vorwärtsstrategie tapfer gewehrt. Um die Russen zu stoppen, haben sie Waffenlager und Energiezentralen in Russland angegriffen – und das mit Erfolg!
Doch wie lange ihnen das bei der neuen Offensive der Russen noch gelingt, hängt – einmal mehr – von der Unterstützung durch die westlichen Verbündeten ab. Weil die westlichen Waffenbestände ebenfalls abnehmen, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend auf den Transfer von Bauplänen und Lizenzen. Bis aber hochkomplexe Systeme wie Patriot-Raketen oder europäische Marschflugkörper aus ukrainischen Fertigungshallen rollen, vergehen wertvolle Monate.
Die extrem hohe Angriffskadenz, der gezielte Einsatz neuer Technologien sowie eine von westlichen Geheimdiensten erwartete Mobilisierungswelle nach den Wahlen vom 18. bis 20. September zeigen ein deutliches Bild: Moskau bereitet wohl die entscheidende Grossoffensive vor. Für den Kreml könnte der Zeitpunkt nicht günstiger sein: Der Winter rückt näher, während der Ukraine die Munition ausgeht.