Darum gehts
In der Schlossgärtnerei Teufen zeigt sich der Frühling mit voller Entschlossenheit: Nüsslisalat und Wurzelspinat treiben dicht an dicht, der Kopfsalat ist riesig und muss nur noch geerntet werden. Vor dem Treibhaus stapeln sich Kisten voller Setzlinge, bereit, im offenen Beet Wurzeln zu schlagen. Auf dem hintersten Feld schiebt eine junge Frau eine knatternde Bodenfräse über den Acker. Unter dem Gerät stieben Erdbrocken davon. Sie arbeitet gerade die Gründüngung in den Boden. Heute werden die Beete vorbereitet, morgen wird gepflanzt.
Meret Heidmann, 35, besucht den Jahreskurs der Tiny Farms Academy, der theoretische Onlinesessions sowie Praxiswochenenden auf dem Acker umfasst. Heute trifft sie zum ersten Mal die anderen Teilnehmer auf dem Feld. Die Sonne brennt auf die langen Beetreihen, als gäbe es keinen Hochsommer. Die Gruppe ist bunt gemischt, vom Elektroniker bis zum Jungbauern ohne Hof ist so ziemlich alles dabei.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Sie alle wollen lernen, wie man Biogemüse effizient und nachhaltig anbauen kann – und wie man als Gemüsegärtnerin etwas Eigenes auf die Beine stellen kann. Die typischen Kennenlernfragen lauten: «Hast du schon ein Projekt?» oder «Hast du schon Land?»
Lust auf mehr Natur
Sie sei zufällig hier gelandet, erzählt Meret Heidmann dem Beobachter, nachdem sie den gelben Gehörschutz abgenommen und die Hände an der Arbeitshose abgewischt hat. Eine Kollegin habe ihr den Link zum Kurs gemailt – das wäre doch etwas für sie. Sie wohnt in der Stadt, hat keinen eigenen Garten, aber Lust auf mehr Natur in ihrem Leben. Die vorangegangenen Onlinesessions seien nicht so ihr Ding gewesen, erzählt sie lachend. Aber den Einachser über das Feld holpern zu lassen, findet sie «mega cool». Heidmann arbeitet als Tierpflegerin im Tierpark Dählhölzli in Bern. Sie weiss noch nicht, wohin sie diese Ausbildung führen wird. «Ich schaue, was sich daraus ergibt», sagt sie. «Vielleicht packt es mich, und ich miete einen Schrebergarten.»
Doch erst mal gilt es, einen klemmenden Hebel zu lösen und die Maschine wieder in Bewegung zu setzen – Adèle Garret, 33, kommt ihr zu Hilfe. Sie ist die treibende Kraft der Tiny Farm, heute schickt sie die Leute mit ihrem charmanten französischen Akzent von einem Posten zum anderen, zeigt, wie man Werkzeuge trägt – Spitzen und scharfe Kanten nach unten –, und ruft zum Mittagessen. Es gibt Laucheintopf, Catalogna, gebratenen Pak Choi, Salat, alles aus dem Garten.
Garrets Interesse für regionale Nahrungsmittel wurde in der Gastronomie geweckt, wo sie lange gearbeitet hat. An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat sie Agrarökologie studiert und danach im Umland von Berlin auf einer Tiny Farm erste Erfahrungen gesammelt. Dort reifte der Entschluss, das Projekt in die Schweiz zu bringen. Im Gemüsegärtner Gabriel Köppel fand sie den richtigen Partner – und dieser brachte auch gleich den idealen Ort mit: die Schlossgärtnerei Teufen.
Gabriel Köppel, 33, ist ebenfalls Quereinsteiger, auch er hat an der ZHAW studiert. Wenn man ihn so in seiner ausgebeulten Arbeitshose und seinen Gartenschuhen sieht, kann man sich schwer vorstellen, dass er in einem früheren Leben Sportartikelverkäufer war. «Ich wünsche mir», sagt er zum Beobachter, «dass mehr Menschen mit der Landwirtschaft in Berührung kommen und dann eben auch wirklich verstehen, welche Welten zwischen einer sonnengereiften regionalen Tomate und der importierten Winterware liegen.»
Pionier des Market Gardens
Dafür sind sogenannte Market Gardens der perfekte Hebel. Die Grundlage für diese Art der Landwirtschaft wurde im Paris des 19. Jahrhunderts gelegt, wo Tausende kleinbäuerliche Gärtner auf winzigen Parzellen am Stadtrand frisches Gemüse für die Bevölkerung produzierten. Die heutige Welle des Market Gardenings wurde massgeblich durch den Kanadier Jean-Martin Fortier ausgelöst: Er trimmte die alten Techniken auf Effizienz und gründete auf etwa 0,6 Hektaren Anbaufläche – rund drei Viertel eines Fussballfelds – eine Mikrofarm.
Sein Buch «The Market Gardener» avancierte 2012 zum internationalen Bestseller und zeigte einer jungen Generation: Gemüseanbau kann profitabel, cool und ökologisch sein, ohne dass man einen Traktor oder viel Land braucht. Auch die Tiny Farms sind von seinen Ideen beeinflusst. Gabriel Köppel liest mitten auf dem Feld sogar einen Absatz aus Fortiers Buch vor. Der Pionier beschreibt darin, wie er realisiert hat, dass der Einsatz von schweren Bodenbearbeitungsmaschinen nur auf kurze Sicht praktisch ist, weil sie langfristig den Boden verdichten und den Bodenlebewesen schaden.
Aus diesem Grund arbeitet man im Market Garden lieber mit leichtem Gerät wie der Grelinette. Alex Lamprecht, 56, steht gerade auf einer und treibt mit seinem Gewicht deren Zinken in den Boden, dann steigt er vom Gerät und drückt beide Stiele nach unten, wodurch sich die Erde ohne grossen Krafteinsatz anheben und lockern lässt. «Mit einem Pflug oder Spaten würde man den Boden wenden», erklärt er den Unterschied zur konventionellen Bearbeitung. «Das ist, als würde man die Wohnung der Bodenlebewesen auf den Kopf stellen.»
Hauptsache, der Boden lebt
Ein bisschen skeptisch ist er trotzdem noch. Bricht man den Boden auseinander, sieht man zwar ein paar Regenwürmer, Käfer und Asseln – aber der Boden ist schwer und lehmig und krümelt kaum, wenn man ihn zwischen den Händen reibt. Ob er locker genug für Karotten sei, will er von Gabriel Köppel wissen. «Dass der Boden locker sein muss, ist ein Mythos», erklärt Köppel. «Wichtiger ist die Verfügbarkeit von Sauerstoff und Wasser – beides ist in einem belebten Boden vorhanden.» Lamprecht ist Betriebsingenieur und möchte künftig Biogemüse für sich selbst anbauen. Diese Saison will er auf einer kleinen Fläche testen, was gut gedeiht.
Ein paar Beete weiter harkt Pia Kyburz, 62, das Unkraut zwischen den Beeten, eine ziemlich schweisstreibende Arbeit. Im Gegensatz zu anderen ist die Biobäuerin harte Feldarbeit gewohnt, eigentlich wäre sie bei diesem Wetter in ihrem Kräutergarten in Diesbach GL unabkömmlich. Sie habe ihren Hof kürzlich an den Sohn übergeben, erzählt sie dem Beobachter, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Der Hof sei zu klein, um davon leben zu können. «Deshalb bauen wir jetzt ein Solawi-Projekt auf», sagt sie. «In der solidarischen Landwirtschaft finanziert eine Gruppe von Konsumentinnen die jährlichen Betriebskosten des Hofs im Voraus – die Bäuerin ist angestellt.» Weil auf dem Hof kein Fleisch mehr produziert wird, soll nun der Kräuter- und Gemüseanbau ausgebaut werden. Pia Kyburz ist hier, um zu lernen, wie das am besten geht.
Dass es für optimalen Ertrag eine gute Planung braucht, ist klar: Auf jedem Beet können drei bis vier Kulturen nacheinander wachsen. Die Beete sind im Market Garden exakt 80 Zentimeter breit – ideal zum Arbeiten. Gepflanzt wird dicht, gewässert möglichst selten und tief, damit die Pflanzen selbst Wasser suchen. Zugekaufter Biodünger und Bodenfolien sind kein Tabu – es gehe immer darum, zu schauen, wie man mit vernünftigem Einsatz möglichst viel herausholen könne, sagt Gabriel Köppel. «Mulchen mit organischem Material wäre für uns zu aufwendig.» Nicht zuletzt wird auf der Tiny Farm auch vermittelt, wie man ein eigenes Projekt startet und welche Organisationsformen dafür geeignet sind.
Visionen und Ideen
Was Pia Kyburz, Alex Lamprecht und eigentlich auch die Tierpflegerin Meret Heidmann antreibt, passt schon ziemlich gut zu den Visionen, die die Initianten der Tiny Farm haben. Adèle Garret wünscht sich, dass künftig wieder mehr Menschen in Kontakt mit der Natur kommen, dabei persönliche Erfüllung finden und gleichzeitig etwas tun, was gesellschaftlich relevant ist. Sie will Menschen befähigen, ihrem Leben einen neuen Dreh zu geben. «Warum sollte man nicht von Montag bis Mittwoch als Softwareentwickler arbeiten und Donnerstag und Freitag im Market Garden?»
Gabriel Köppel motiviert die Idee, dass in Zukunft jede Gemeinde ihren eigenen Market Garden hat. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass diese nicht alles benötigte Gemüse produzieren könnten. «Aber sie würden unser Ernährungssystem stabiler machen, indem sie den niedrigen Selbstversorgungsgrad der Schweiz steigern.»
Adèle Garret sieht im Market Garden ebenfalls kein Allheilmittel für alle ökologischen und sozialen Probleme in der heutigen Landwirtschaft. «Wir kommen nicht darum herum, an verschiedenen Schrauben zu drehen», sagt sie, während sie die Werkzeuge einsammelt und zum Schuppen bringt. «Es braucht eine Vielfalt an Lösungen – wir bieten eine an.»