Bergbauer Alfred L. steigt wegen der Milchkrise aus
«Ich muss alle meine 22 Kühe verkaufen – ich sehe keinen anderen Weg mehr»

Alfred L. trennt sich nur widerwillig von seinen Milchkühen. Doch wegen der Milchkrise sieht sich der Bergbauer dazu gezwungen. Blick hat ihn auf seinem Hof im Berner Jura besucht.
Kommentieren
1/17
Bergbauer Alfred L. ist gezwungen, seine 22 Milchkühe zu verkaufen.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bergbauer Alfred L. aus Sornetan muss 22 Milchkühe verkaufen
  • Milchpreis von 46 Rappen pro Liter macht wirtschaftliches Überleben unmöglich
  • 2025 verschwanden 372 Milchbetriebe in der Schweiz, also über ein Betrieb täglich
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Nur ein kurviger, schmaler Kiesweg führt zum Bauernhof von Alfred L.* (55) in Sornetan im Berner Jura. Die Sonne scheint, doch eine heftige Bise sorgt für Gänsehaut auf 900 Meter Höhe. Der Bergbauer begrüsst das Blick-Team mit einem warmen Lächeln, obwohl er kaum Grund dazu hat. Denn als Bergbauer trifft L. die aktuelle Milchkrise besonders hart.

Aktuell gibt es auf dem Schweizer Markt eine Milchschwemme. Bauern werden ihr Produkt kaum los und erhalten nur wenig Geld dafür. Als Grund für die Überproduktion in den letzten Monaten wird eine bessere Futterqualität genannt.

«Ich muss alle meine 22 Milchkühe verkaufen – ich sehe keinen anderen Weg mehr», sagt L. beim Besuch von Blick. Mit einem durchschnittlichen Preis von 46 Rappen pro Liter Wiesenmilch kommt der Bauer auf keinen grünen Zweig mehr.

Überlebt nur dank Erspartem

«Im Normalfall sollte man mit 10’000 Liter Milch im Monat leben können», erklärt er. «Mit diesen 4600 Franken komme ich aber nicht weit.» Mit dem wenigen Geld muss der Bauer nicht nur das Futter und den Unterhalt seiner Kühe bezahlen, es muss auch für die Maschinen sowie die Zinsen bei der Bank reichen. Schlussendlich braucht der Jurassier noch Geld zum Leben. 

«Aktuell lebe ich von meinem Ersparten, anders geht es gar nicht», bedauert der Bergbauer. Dabei hat er noch eine Aushilfe, die ihm am Vormittag jeweils unter die Arme greift. Ansonsten schmeisst L. den Hof, den er von seinen Eltern übernommen hat, komplett allein. Auf der Spendenplattform Happypot sammelt er deshalb Geld zur Unterstützung. 

L. betreibt seinen Bauernhof ganz allein.
Foto: Raphaël Dupain

Seit fast 40 Jahren chrampft L. tagtäglich auf dem Bauernhof. Alle zwei Tage fährt er mit seinem Milchtanker zur nächsten Sammelstelle im Dorf und liefert rund 1000 Liter Milch ab. Die grossen Bauernbetriebe im Flachland haben es da einfacher: Der Milchverarbeiter holt die Milch gleich selber ab. «Meine 500 Liter Milch am Tag interessieren die nicht», so der Bauer. Wenn er die Milch nicht produziere, tue es ein anderer. 

Seine Eltern haben noch mehr als einen Franken pro Liter Milch verdient. Doch 2009 wurde die Milchkontingentierung abgeschafft: Bis dahin wussten die Bauern genau, wie viel Milch sie produzieren durften. Seither herrscht freie Marktwirtschaft. «Jetzt spüren wir die Folgen davon», kritisiert der Jurassier. 

Immer schlechtere Preise

Heute gibt es drei verschiedene Richtpreise für Milch. Für A-Milch, die hierzulande unter anderem für Käse gebraucht wird, bekommt L. deutlich mehr als für C-Milch, die auf den Weltmarkt exportiert wird. B-Milch wird je nach Bedarf im Inland verwendet oder wird exportiert. Die grosse Herausforderung: Die Bauern wissen im Vorhinein nicht, wie viel ihrer Milch sie als A-, B- oder C-Milch verkaufen können. «Das bestimmt der Milchkäufer, ich muss einfach damit leben», sagt der Bauer. Deshalb schwankt auch sein Einkommen von Monat zu Monat. 

Im Februar ist der Richtpreis für A-Milch um 4 Rappen auf 78 Rappen gefallen. Doch von 78 Rappen pro Liter kann L. nur träumen. «Der Richtpreis ist kein Produzentenpreis», erklärt Swissmilk, die Branchenorganisation der Schweizer Milchproduzenten. Die Milchverarbeiter kaufen die Milch zu deutlich tieferen Preisen und verkaufen sie teurer weiter. 

Wegen der Überproduktion braucht es aktuell weniger A-Milch – die Bauern bekommen also weniger Geld. Das bestätigt auch Swissmilk. «Mit den ganz tiefen Preisen ist die Milchproduktion in der Schweiz nicht mehr kostendeckend», so die Branchenorganisation. 

Swissmilk warnt gar, dass es in der Schweiz in Zukunft zu wenig Milch geben werde. Denn die Anzahl der Milchbetriebe sinkt seit Jahren. Allein im letzten Jahr sind 372 Betriebe verschwunden – mehr als einer pro Tag. Die aktuellen Tiefpreise setzen die Bauern weiter unter Druck. 

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

«Ich bräuchte im Minimum einen Franken pro Liter Milch, damit am Schluss etwas herausspringt», erklärt der Milchbauer. Davon ist er jedoch weit entfernt. Er sieht deshalb keinen anderen Weg mehr, als sich von seinen Milchkühen zu trennen. 

Rinderzucht statt Milchkühe

Für seine 22 Kühe hat er einen Viehhändler gefunden. Dieser kümmert sich dann um den Weiterverkauf der jüngeren Nutztiere. Ältere Kühe, die zehn bis zwölf Jahre alt sind, landen dann wohl auf der Schlachtbank. 

«Wenn gesunde Kühe wegen Marktdruck früher geschlachtet werden, ist das ein Alarmsignal», teilt der Tierschutz Schweiz auf Anfrage mit. «Das heutige System belohnt hohe Leistung und kurze Nutzungsdauer stärker als robuste, langlebige Tiere. Eine tiergerechte Landwirtschaft müsste genau umgekehrt funktionieren.» Der Tierschutz fordert deshalb Planbarkeit und faire Anreize.

L. blickt auf seine Zukunft: die Aufzucht von Rindern für andere Bauern.
Foto: Raphaël Dupain

In Zukunft verdient L. sein Geld mit Rinderzucht. Er hat bereits erste Rinder bei sich. «Die Tiere gehören aber leider nicht mehr mir, wie das bei meinen Milchkühen der Fall war», bedauert der Bauer. Heisst: Er zieht die Tiere für andere Bauern auf. Ein Teil dieser Rinder wächst zu Milchkühen heran.

Trotz der harten Situation wirkt L. gefasst. Für Emotionen hat er keine Zeit, die Milchkrise fordert seine gesamte Aufmerksamkeit. Doch der Bauer weiss: «Die Emotionen holen mich dann in ein paar Tagen oder Wochen ein. Aber es tut immer weh, wenn man ein Tier weggeben muss.»

*Name der Redaktion bekannt 

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen