Branche in ewiger Not
Wer soll die Schweizer Milch-Misere stoppen?

2026 beginnt für die Schweizer Milchbauern chaotisch: Die Molkereien werden fast überschwemmt. Von links und rechts folgen nun Rufe nach Importstopps. Der Bund will die Schweizer Landwirtschaft jedoch weiter liberalisieren.
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Die Milchindustrie hat Rekord-Monate hinter sich. Grund war unter anderem das gute Wetter letztes Jahr.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Milchproduktion erreicht Rekordhöhe, Überproduktion sorgt für Diskussionen
  • Bund und Bauern setzen auf Liberalisierung statt Regulierung
  • 2023 erstmals mehr Käse importiert als exportiert, Importe steigen rapide
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Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Wohin mit all der Milch? Die Schweizer Molkereien werden zu Jahresbeginn regelrecht überschwemmt. Die hiesigen Kühe bescherten den Produzenten einen noch nie dagewesenen Rekordertrag.

Das schöne Wetter im letzten Jahr sorgte für gutes Futter. Es sei also ein einmaliger Effekt und kein strukturelles Problem, so der Branchenverband. Nur: Die Schweizer Milch-Misere hat eine lange Tradition.

Politik nimmt wieder Fahrt auf

Wie so oft mischt dabei auch aktuell die nationale Politik mit. Im Januar forderte etwa SVP-Präsident und Nationalrat Marcel Dettling (45) zusammen mit seinen Parlamentskollegen Martin Haab (63) und Sylvain Freymond (41) in einem offenen Brief an Landwirtschaftsminister Guy Parmelin (66) einen Importstopp.

Parmelin gab erst dieser Tage seine Antwort – zumindest implizit. Die Situation sei sehr verzwickt, sagte Parmelin an einer Medienkonferenz zur Agrarpolitik ab 2030. «Man kann seiner besten Kuh nicht sagen: Du nimmst jetzt eine Woche Ferien und hörst auf, Milch zu produzieren.» Statt zu regulieren will der Bund aber weiter liberalisieren – die Branche wünsche sich das, so Parmelin. Frei nach dem Motto: Irgendwie wird es dann schon gut gehen.

Schokoladenindustrie importiert immer mehr

Damit nicht genug: Ausgerechnet in dieser Krisenzeit hat sich der Import von Vollmilchpulver massiv erhöht. Besonders der sogenannte «Veredelungsverkehr» für die Schokoladenindustrie hat Hochkonjunktur.

Doch wer denn nun ausländische Milch in seine Süssigkeiten packt, will laut der «NZZ» keine Firma preisgeben. Dettling, seine Parteikollegen und die Branche sind nicht die einzigen Empörten. Auch die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider (33) will sich deshalb mit einem Vorstoss an den Bundesrat wenden.

Nur: Die Tücken des freien Marktes sollten für die Landwirte eigentlich kein Neuland sein. Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts hadern die Milchbauern immer wieder damit. Damals setzten zwei Weltkriege und der plötzliche freie Aussenhandel den Milchpreisen zu.

Der Bund war lange zur Stelle

Ging es der Branche schlecht (also meistens), war der Bund zur Stelle: Einfuhrzölle, Absatzförderung, Grundpreisregelung – zeitweise wurde den Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten gar ein Krisenrappen abgeknüpft.

Die Milchschwemme blieb jedoch unaufhaltsam. Die fortlaufende Technologisierung und damit auch die gestiegene Effizienz in den Betrieben mündeten letztlich in der Kontingentierung. Ab 1977 bestimmte nicht die Produktivität, sondern der Bund, wie viel Schweizer Milch tatsächlich fliessen darf.

Die staatliche Regulierung verhinderte zwar die Milchberge – international kam der Schweizer Protektionismus aber unter Druck. Ab 2005 hob der Bundesrat die Massnahme schrittweise wieder auf. Die Devise: Der Markt solle sich wieder selbst regulieren. Die damals gegründete Branchenorganisation Milch (BOM) definiert fortan die Richtpreise. Damit ging es langsam wieder zurück zu den Milchbergen.

Freier Käsehandel wird zum Verhängnis

Zugleich macht der Bundesrat ab dem 1. Juni 2007 die freie Fahrt für Schweizer Käse in der EU möglich. Im Gegenzug dürfen europäische Erzeugnisse auch unsere Grenze zollfrei überqueren. Die Branche hoffte mit dem EU-Landwirtschaftsabkommen auf das grosse Geschäft mit den Edelsorten. Zwar steigen die Exporte von Gruyère, Sbrinz und Co. seither fortlaufend. Im Billig-Sektor nehmen die Milchprodukte jedoch den umgekehrten Weg.

Das Resultat: Die Importe wuchsen deutlich rascher als die Exporte. 2023 wurde erstmals mehr Käse zugekauft, als ins Ausland verschickt wurde. «Die Liberalisierung des Milchmarktes war für Schweizer Milchbauern stark nachteilig», sagt nun selbst SVP-Präsident Dettling in einem Interview mit der «NZZ».

Soll also der Staat wieder eingreifen? Jein. Zwar brauche es «ein Stopfen der Löcher beim Grenzschutz», so Dettling. Die Milchmengensteuerung soll aber bei den Produzenten bleiben. Ein selektiver Liberalismus also – nicht zum ersten Mal in der Schweizer Landwirtschaft.

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