Darum gehts
- Wil-West soll 23,2 Hektar Fruchtfolgeflächen in Thurgau/St. Gallen ersetzen
- Kritiker warnen vor illegalen Umzonungen trotz bestehender 1000 Hektar Arbeitszonen
- Bis zu 3000 neue Jobs geplant, Abstimmung am 8. März 2026
Der Thurgauer Mitte-Kantonsrat Josef Gemperle (65) ist Milchbauer. Sein Betrieb im hügeligen Gelände in Fischingen TG ist von grossen Wiesen umgeben. Hier kommt der Grossteil des Futters für seine Milchkühe her. Das Idyll rund um den Hof des Landwirts täuscht: Genau um solche Kulturlandflächen ist in der Ostschweiz eine hitzige Debatte entbrannt, die weit über die Kantonsgrenzen hinausgeht. Im Zentrum stehen zwei zentrale Fragen: Wie schnell will die Schweiz überhaupt wachsen, und was ist sie bereit, dafür zu opfern?
Die Kantone Thurgau und St. Gallen wollen vor der Stadt Wil den Wachstumsturbo zünden und ein riesiges Industrieareal realisieren. Die Dimensionen des Projekts Wil-West sind gewaltig – und stossen auf erheblichen Widerstand. Gemperle ist einer der grössten Kritiker. Beim Besuch von Blick auf seinem Hof kommt er gleich auf den Punkt: «Die Befürworter wollen 23,2 Hektar Landwirtschaftsfläche zerstören.» Rechnet man die bestehenden Industriezonen dazu, erstreckt sich Wil-West sogar auf 33 Hektar. Das entspricht einer Fläche von fast 50 Fussballfeldern!
«Geplante Umzonungen sind illegal»
Bis zu 3000 Jobs sollen hier auf der grünen Wiese entstehen. Beim Grossteil des Bodens handelt es sich um für die Landwirtschaft wertvolle Fruchtfolgeflächen. Sie sind stark geschützt und dürfen nur unter strengen Auflagen in Industrieflächen verwandelt werden. Es muss ein grosses öffentliches Interesse wie die Schaffung von Arbeitsplätzen bestehen, für das bereits erschlossene Bauzonen nicht infrage kommen.
Gemperle sieht die Bedingungen im Fall von Wil-West keineswegs erfüllt. «In den Kantonen Thurgau und St. Gallen gibt es bereits über 1000 Hektar unbebaute Arbeitszonen, hinzu kommen grosse Industriebrachen. Die geplanten Umzonungen sind illegal.»
Warum die bestehenden Reserven nicht reichen sollen
Raffaele Landi (46) widerspricht. Er leitet beim Kanton Thurgau das Projekt. Wil-West soll der wirtschaftliche Entwicklungsschwerpunkt zwischen den Zentren St. Gallen, Winterthur ZH und Zürich werden, sagt er. «An überregional sehr gut positionierter Lage will man für die Neuansiedlung hochwertiger Arbeitsplätze ein wettbewerbsfähiges, attraktives Flächenangebot bereitstellen.» Hier sollen keine Lagerhallen entstehen, sondern Gewerbe mit einer hohen Wertschöpfung und einem direkten Autobahnanschluss.
Die Behörden sehen eine einmalige Chance: Die bestehenden Flächenreserven wären zu verstreut, und es fehle das Potenzial für so viele Toparbeitsplätze sowie die erwarteten wirtschaftlichen Synergien.
Gemäss Landi belaufen sich die Arbeitszonenreserven in den beiden Kantonen auf gut 600 Hektar. Ein Grossteil seien jedoch Ausbaureserven bestehender Betriebe. «Sie sind für die Neuansiedlung von Betrieben schwer erhältlich», so der Projektleiter.
Bevölkerung hat Wil-West schon einmal abgelehnt
Für den Verlust der Fruchtfolgeflächen sind Ausgleichsmassnahmen wie grossflächige Dachbegrünungen sowie die Schaffung eines Naturbiotops auf einem derzeit landwirtschaftlich genutzten Areal vorgesehen. Zudem sind Kompensationsmassnahmen geplant: Der Humus wird abgetragen und auf qualitativ schlechtere Landwirtschaftsböden verteilt. «Dadurch werden keine neuen landwirtschaftlichen Nutzflächen geschaffen», ärgert sich Gemperle. «Und die Flächen in Wil-West sind dann weg.» Rückzugszonungen sind keine vorgesehen, aber die Gemeinden in der Region haben sich dazu verpflichtet, künftig keine neuen Gewerbeflächen mehr einzuzonen.
Die Projektgegner sprechen von Zwängerei: Die St. Galler haben bereits vor drei Jahren über die Entwicklung von Wil-West abgestimmt – und mit 52,6 Prozent abgelehnt. Das Areal liegt im Kanton Thurgau. Doch ein grosser Teil des Bodens gehört dem Kanton St. Gallen. Nach der Ablehnung starteten die Befürworter direkt mit der Überarbeitung des Projekts. Nun stimmt die St. Galler Bevölkerung am 8. März erneut ab – diesmal jedoch über den Verkauf des Bodens an den Kanton Thurgau, der das Projekt dann umsetzen will. «Das Nein wurde nicht akzeptiert. Man will Wil-West durch die Hintertür doch noch realisieren», so Gemperle.
«Im Ja-Lager herrscht Goldgräberstimmung»
Gemperle hat noch einen weiteren Verdacht: «Im Ja-Lager herrscht Goldgräberstimmung.» Startet Wil-West richtig durch, steigen die Preise und die Mieten. Mehrere Vertreterinnen und Vertreter des Ja-Lagers sind in der Immobilienbranche aktiv. Zudem wird der Kanton Thurgau den Boden an private Investoren verkaufen.
Die Linien zwischen dem Pro-Lager und den Gegnern sind klar gezogen: Mitte, FDP, GLP, EVP und SP hoffen auf den Wirtschaftsboost und gehören zum breiten Ja-Lager. Grüne und SVP sind dagegen. Bei der SVP stimmt man sich bereits auf den Sommer ein. Am 14. Juni kommt ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» vors Volk. Die Bevölkerung in den Kantonen Thurgau und St. Gallen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Ein Projekt wie Wil-West würde die Zuwanderung befeuern.