Davos ist bekannt für Schnee, gute Luft und Flugabwehrkanonen. Zumindest in der WEF-Woche verkommt die höchstgelegene Stadt Europas kurzzeitig zu einer Festung. Mitten in Davos, unweit des bekannten Alpengold-Hotels, ragt der Lauf einer Luftabwehrkanone der Schweizer Armee aus dem Schnee. Weisse Tarnnetze sorgen dafür, dass man sie nicht sofort erkennt.
Die 35 mm Flab Kan 63/90 ist ein Schweizer Eigenbau. In den 50er-Jahren entwickelt und auch heutzutage noch von mehr als 30 Nationen in Gebrauch. Sie ist auch unter dem Namen Oerlikon 35-mm-Zwillingskanone bekannt und kommt als eines der letzten Mittel zum Einsatz, falls ein unautorisiertes Flugzeug dem WEF zu nahe kommt.
Von diesem «Ernstfall» ist am Montag vorerst wenig zu spüren. Neben der Militärbasis in der Nähe des WEF-Helilandeplatzes flanieren Hündeler und Spaziergängerinnen ungeniert vorbei. Als der Blick-Fotograf seine Kamera erhebt und ein Foto der Luftabwehrkanone macht, geht es los. «No Photos!», schreien die Soldaten. «No Photos!»
Einige ergreifen aufgeregt ihre Ferngläser und mustern den Reporter und seinen Fotografen eingehend – und verärgert. «Dieses Jahr haben sie ja nicht mal einen Sichtschutz aufgestellt. So schlecht versteckt waren sie wohl noch nie», sagt ein älterer Spaziergänger und schüttelt lachend den Kopf, während die Soldaten aufgeregt das Handy zücken und die Situation nach oben eskalieren. Der Reporter kann schliesslich beruhigen.
Schweiz ist verantwortlich für Trumps Sicherheit
Kein Wunder sind die Sicherheitskräfte nervös – Davos ist diese Woche die bestgesicherte Kleinstadt der Welt. Die Schweiz muss so viele VIPs schützen wie noch nie und US-Präsident Donald Trump (79) führt die grösste US-Delegation der WEF-Geschichte an.
Der mächtigste Mann der Welt bringt eine kleine Privatarmee mit. Eine Blick-Auswertung zeigt: Allein für Autos und Hotels geben die USA hierzulande rund sieben Millionen Franken aus. Trotzdem ist schlussendlich die Schweiz hauptverantwortlich für die Unversehrtheit von Trump. Die Sicherheit von völkerrechtlich geschützten Personen fällt in die Zuständigkeit des jeweiligen Gaststaats, es ist eine hoheitliche Aufgabe.
Veraltete Luftabwehr
Am Montagnachmittag besucht Verteidigungsminister Martin Pfister (62) an seinem ersten WEF die Truppen in Davos. Auch hier am Militärstützpunkt in Frauenkirch sind kaum Fotos erlaubt. Vermummte Spezialkräfte laufen auf dem Gelände herum, einmal herrscht kurz Aufregung, weil ein Journalist Anstalten macht, einen abgesperrten Bereich zu filmen. In Frauenkirch sind die Luftwaffe und die Bodentruppen stationiert. Wenn es in Davos irgendeinen Sicherheitsvorfall gäbe, würde die Luftwaffe von hier aus operieren.
Angesprochen auf die Jahrzehnte alten Superkanonen aus den 50er-Jahren muss Pfister allerdings selbst lächeln. «Ja, die sind veraltet», sagt er. Sie seien noch nützlich für den Einsatz, der hier im Notfall vorgesehen sei. «Aber hier brauchen wir dringend neue Systeme.»
Das Schweizer Sicherheitsaufgebot für Davos ist enorm. Sicherheitszonen mit Zutrittsbeschränkungen am Boden werden von Armee und Polizei überwacht. In einem Radius von 46 Kilometern ist der Luftraum gesperrt. Kampfjets der Schweizer Armee sind rund um die Uhr im Einsatz. Ähnliche Beschränkungen des Luftraums gelten für die grenznahen Gebiete in Österreich, Liechtenstein und Italien.
Öffentliche Kommunikation eingestellt
Auch öffentlich will die Armee offenbar den Anschein höchster Sicherheitsvorschriften wahren. Bis im vergangenen Jahr hat die Kommunikation mit den WEF-Truppen auf dem Portal «Cuminaivel» öffentlich stattgefunden. Für das WEF wurde nun allerdings der Operationsbefehl angepasst, wie das Verteidigungsdepartement (VBS) auf Anfrage von Blick bestätigt. Künftig werden die Truppen nur noch intern über eine App informiert.
Man habe zwar keine negativen Erfahrungen mit der öffentlichen Plattform gemacht, beteuert das VBS. Allerdings konzentriere sich die Armee seit der Verschärfung der Sicherheitslage in Europa auf die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Im Zuge dessen werde auch die Kommunikation der Armee gerade in Einsätzen immer wieder überprüft.