Für Klaus Schwab (88) ist es eine persönliche Sache. Er hat das WEF gegründet und über Jahrzehnte geprägt. Seit er und seine Frau Hilde letztes Jahr vom WEF-Hauptsitz ausgeschlossen wurden, kämpft er hinter den Kulissen um sein Lebenswerk.
Am Digital-Gipfel von digitalswitzerland in Andermatt UR sagte Schwab am Dienstagabend, was aus seiner Sicht mit dem WEF geschieht: «Es sind Bestrebungen im Gang, die Governance-Struktur des Forums umzubauen, hin zu einer businessdominierten Plattform.»
Das stehe im Gegensatz zum WEF, das er geschaffen habe: «ein Forum mit der einzigartigen Funktion als internationale Organisation für Public-Private Cooperation, die alle relevanten Stakeholder auch aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Jugend einbezieht».
Dann sagt es Schwab noch deutlicher: «Ich befürchte, dass es Veränderungen in der Governance gibt, die eine viel stärker geschäftsorientierte Stiftung schaffen. Das würde dem Forum die Seele nehmen.» Er könne nur hoffen, dass sich das Forum nicht von einer «missionsorientierten Organisation zu einer markenorientierten Organisation» entwickle.
Die Sorge: Amerikanisierung des WEF und schleichende Entfernung von der Schweiz.
Schwab hat inzwischen die Eidgenössische Stiftungsaufsicht eingeschaltet. Details wollte er nicht nennen. Klar ist: Aus seiner Sicht muss die Aufsicht handeln und sicherstellen, dass das Forum seinem Stiftungszweck treu bleibt.
Angst vor Amerikanisierung wächst
Kritiker sehen bereits heute ein anderes WEF: Besonders das Jahrestreffen in Davos im Januar löste Debatten aus. Donald Trump beherrschte mit seinen Auftritten die Aufmerksamkeit. Davos wirkte zeitweise eher wie eine Trump-Show als wie ein Ort für globale Debatten.
Schwab sieht sein WEF in Gefahr: «Das Forum hat sich über 55 Jahre hinweg internationale Achtung und Glaubwürdigkeit erworben, weil es den Dienst an der Gesellschaft verkörperte und konsequent für Werte wie Zusammenarbeit, Dialog und langfristige Verantwortung eingestanden ist.»
Zuletzt verfolgte Schwab die Idee, das WEF-Grundstück in Cologny GE der Eidgenossenschaft zu schenken. Es gehört zu den wertvollsten Grundstücken der Schweiz. Ziel: das Forum enger an die Schweiz binden und seine Verankerung im Gastgeberland stärken.
Schwab und seine Wunsch-Nachfolgerin
Entscheidend wird auch die Nachfolgefrage. Seit Jahren fällt immer wieder der Name Christine Lagarde (70). Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank steht für internationale Vernetzung und institutionelle Stabilität. Aus Schwabs Sicht verkörpert sie jene Werte, mit denen das Forum gross geworden ist.
Schwab sagt: «Das Forum braucht an seiner Spitze eine Persönlichkeit, die unabhängig ist, keine Interessenkonflikte hat und durch ihr bisheriges Wirken bewiesen hat, dass sie das Forum im Geist seiner ursprünglichen Mission führen und schützen kann.»
Genf als neue KI-Hauptstadt?
Eigentlich stand beim Gipfel von digitalswitzerland ein anderes Thema im Mittelpunkt: künstliche Intelligenz. Schwab forderte stärkere Leitplanken für die neue Technologie. Etwa besseren Schutz für Kinder und Schulen sowie internationale Standards für vertrauenswürdige KI. Es brauche ein «internationales Vertrauenssiegel für künstliche Intelligenz», sagte Schwab. «Das könnte ein praktischer Weg zu einer globalen KI-Steuerung werden.»
Schwab sieht im geplanten globalen KI-Gipfel in Genf 2027 eine Chance für die Schweiz. Genf könne zum Standort für vertrauenswürdige KI und internationale Zusammenarbeit werden. «Genf soll nicht nur über KI diskutieren, sondern die Regeln dafür mitgestalten.»
Beim WEF wie bei der künstlichen Intelligenz treibt Schwab offenbar dieselbe Frage um: Wer gestaltet die Zukunft – und wer behält die Kontrolle?