Darum gehts
- SP-Sozialministerin Baume-Schneider plant Anreize fürs Arbeiten übers Rentenalter hinaus
- Gut 30 Prozent arbeiten nach Pensionierung weiter, Erwerbsquote seit 2000 verdoppelt
- Wertschätzung und Freude am Job überwiegen finanzielle Motive
SP-Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) möchte, dass Schweizerinnen und Schweizer freiwillig länger arbeiten. Die AHV-Reform 2030 soll für Senioren Anreize schaffen, damit diese über das offizielle Rentenalter hinaus berufstätig bleiben und so die AHV entlasten. Genau das liegt bereits voll im Trend: «Viele Beschäftigte arbeiten ab 55 Jahren zwar weniger, dafür oft aber länger», sagt Karl Flubacher (49), Vorsorgeexperte und Geschäftsleiter Nordwest- und Westschweiz beim Vermögenszentrum (VZ), zu Blick.
Den Ü50-Jährigen wehte in den letzten Wochen ein rauer Wind entgegen. Weil viele Ältere weniger arbeiten, provozierte der Arbeitgeberverband mit dem Begriff «Lifestyle-Teilzeitarbeiter». Der Vorwurf, der dabei mitschwingt: Es fehlen zunehmend Fachkräfte, weil Ältere es sich leisten können, weniger zu arbeiten. Ab 50 ist der Hauptgrund für eine Reduktion des Pensums gemäss einer Erhebung des Bundes: «Kein Interesse an Vollzeit».
Weniger Vollzeit und Frühpensionierungen
Der Druck in der Arbeitswelt ist seit der Jahrtausendwende signifikant gestiegen, wie Studien belegen. Gleichzeitig hat aber auch die Erwerbsquote bei den Ü50-Jährigen deutlich zugenommen. Die ältere Generation scheint also durchaus motiviert. «Früher war es mehr verbreitet, Vollzeit zu arbeiten und dann frühzeitig in Pension zu gehen», sagt Flubacher.
Heute hingegen gibt es weniger und spätere Frühpensionierungen. Das tatsächliche durchschnittliche Rentenalter in der Schweiz ist auf 65 Jahre hochgeklettert. «Fast jeder Zweite arbeitet sogar über das Pensionsalter hinaus», führt der Vorsorgeexperte aus. Zu diesem Ergebnis kam das VZ bei der Auswertung der Daten von rund 3200 Kundinnen und Kunden.
Verdopplung der Erwerbsquote übers Rentenalter hinaus
Beim VZ ist der Anteil der arbeitenden Senioren höher als in der Gesamtbevölkerung. Der Grund: In der Kundschaft sind Personen in Bürojobs und im Dienstleistungssektor aus der Mittelschicht und darüber übervertreten. Personen in körperlich anspruchsvollen Jobs arbeiten hingegen viel seltener übers offizielle Rentenalter hinaus.
Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik bestätigt die Entwicklung: Gut 30 Prozent der Bevölkerung sind im Jahr nach dem offiziellen Pensionsalter nach wie vor berufstätig – der Anteil hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Anschliessend sinkt die Beschäftigung bei den Senioren und Seniorinnen Jahr für Jahr leicht, bis sie bei den 69-Jährigen noch bei knapp 17 Prozent liegt.
Finanzielle Gründe stehen nicht im Vordergrund
Die Ü65-Jährigen verlängern ihre Berufskarriere nicht primär aus finanziellen Gründen. «Sie tun es häufig, weil sie Freude an ihrem Beruf haben, wegen der Sozialkontakte bei der Arbeit sowie der Wertschätzung, die sie im Job erfahren. Und auch, weil viele Menschen heute in ihren 60ern fitter sind als früher», sagt Flubacher. Natürlich gibt es auch Senioren, die wegen finanzieller Sorgen weiterarbeiten, wie Umfragen zeigen. Wer übers Referenzalter 65 hinaus arbeitet, tut dies zudem fast immer in Teilzeit.
Der schrittweise Ausstieg aus der Berufswelt wurde mit der letzten AHV-Revision erleichtert, die seit Anfang 2024 in Kraft ist. Seither sind Teilpensionierungen möglich. Man reduziert das Pensum und gleicht den Lohnausfall mit einer Teil-AHV aus.
Höheres Rentenalter ist chancenlos
Die Einführung von zusätzlichen Anreizen für Senioren, weiterhin erwerbstätig zu bleiben, liegt auf der Hand: Ein höheres Rentenalter zur Sicherung der AHV-Finanzen ist an der Urne völlig chancenlos, wie die letzte Initiative der Jungfreisinnigen gezeigt hat. Die Vorlage wurde im März 2024 vom Stimmvolk abgeschmettert.
Baume-Schneiders Plan sieht deshalb vor, dass der Rentenbezug länger als fünf Jahre aufgeschoben werden kann, also über das 70. Lebensjahr hinaus.