Darum gehts
- Am 1. Mai fordern Schweizer Arbeitnehmende höhere Löhne und bessere Bedingungen
- Ökonom Binswanger: Teilzeitarbeit ist Wohlstandsphänomen, nicht Ausdruck von Faulheit
- Jobs mit anstrengenden Studiengängen werden von Ausländern ausgeführt
- Schweizer haben es sich beim Staat gemütlich eingerichtet und verwalten den Wohlstand
Büezer, Angestellte und Berufseinsteiger gehen am heutigen 1. Mai für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen auf die Strasse. Am Tag der Arbeit sind in der Schweiz wieder Dutzende Demonstration geplant. Die Gewerkschaften kritisieren die seit vielen Jahren stagnierenden Reallöhne, wo doch den Schweizer Haushalten die steigenden Krankenkassenprämien und Mieten zusetzen.
Bei den Wirtschaftsbossen ist der Tenor ein völlig anderer: Bürgerliche und liberale Politiker, CEOs und Wirtschaftsverbände fordern von der Bevölkerung, sich wieder mehr anzustrengen, damit wir den Wohlstand halten können. Arbeitgeber sprechen gar von «Lifestyle-Teilzeit», die besonders unter den Ü50-Jährigen herrsche. Zeit für ein Gespräch mit einem der renommiertesten Ökonomen im Land: Mathias Binswanger (63). Blick trifft ihn auf dem Campus der Universität St. Gallen.
BLICK: Herr Binswanger, sind Schweizerinnen und Schweizer wirklich faul geworden?
Mathias Binswanger: Es geht in der Ökonomie nicht darum, ein möglichst hohes Einkommen zu erzielen, sondern den eigenen Nutzen zu maximieren. Die Menschen wählen zusätzliche Freizeit, wenn sie davon stärker profitieren als von mehr Lohn. Das ist ein Wohlstandsphänomen. Die Löhne sind gut genug, dass man auch von einem Teilzeitpensum leben kann. Das gilt gerade für Ältere, die mehr Vermögen haben. Rein ökonomisch kann man den Menschen nichts vorwerfen.
Aber aus gesellschaftlicher Sicht? Teil der Kritik ist, wer sein Arbeitspotenzial nicht ausschöpft, schadet der Wirtschaft und bringt den Staat und die Sozialeinrichtungen um Einnahmen.
Das ist eine falsche Sichtweise. Man kann nicht erwarten, dass die Menschen ihr Leben in erster Linie nach den Bedürfnissen der Wirtschaft oder des Staates ausrichten, wenn dazu kein Anreiz besteht. Jeder tut, was für ihn oder sie persönlich am besten ist. Früher war bei vielen noch das Denken verbreitet, dass es den eigenen Kindern mal bessergehen soll als ihnen. Doch das ist kein glaubhaftes Versprechen mehr.
Der einstige Traum vom Auto, Eigenheim und Familie scheint für viele ausgeträumt. Sehen Sie hier kein Problem?
Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, aber die Preise sind an neuralgischen Orten so hoch, dass sich junge Menschen zunehmend keine Eigentumswohnungen, geschweige denn ein Einfamilienhaus leisten können. Das ist nicht überraschend, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass der Boden durch die massive Zuwanderung immer knapper wird. Besonders Gutqualifzierte mit hohen Löhnen treiben die Preise in die Höhe. Die Politik sieht die Lösung im Verdichten, obwohl viele Leute gar nicht auf extrem verdichtetem Raum leben wollen. Wohlstand bedeutet auch, dass wir so wohnen können, wie wir möchten. Viele träumen immer noch vom eigenen Häuschen, doch dieser Traum wird zunehmend zur Fiktion.
Neben dem Bevölkerungswachstum ist ein zentraler Preistreiber in der Immobilienbranche die Asset-Price-Inflation. Das viele Kapital der Vermögenden und von unseren Pensionskassen muss Rendite abwerfen. Der Druck bleibt hoch.
Das ist ein vielschichtiges Problem. Unsere Pensionskassen sind stark von Renditen auf Immobilien abhängig. Das ist eine unglückliche Lösung. Die gesamte Wirtschaft unterliegt jedoch einem Wachstumszwang, denn nur so kann die Mehrheit der Unternehmen auf Dauer Gewinne erzielen. In einem reichen Land wie der Schweiz sind die grundlegenden materiellen Bedürfnisse aber irgendwann erfüllt. Deshalb muss die Wirtschaft immer neue Bedürfnisse wecken, damit das Wachstum weitergehen kann.
Dabei sinkt Geburtenrate kontinuierlich. Jetzt der Ruf nach noch mehr Arbeit. Schaffen wir uns selbst ab?
Ja klar. Es ist auch eine komische Vorstellung, dass sich Menschen künstlich das Leben schwer machen. Wir schaffen Strukturen, die am Schluss nicht zu einem Alltag führen, der eigentlich glücklich macht. Das Ideal einer Doppelverdiener-Familie, in der beide im Optimalfall 100 Prozent arbeiten, führt häufig zu einem gestressten Leben. Männer und Frauen reagieren darauf, indem sie häufiger auf Kinder und Familie verzichten. Wie Erfahrungen aus verschiedenen Ländern zeigen, steigen die Geburtenraten auch nicht wieder an, wenn man Kitas subventioniert. Vielen jüngeren Menschen dämmert es langsam: Beruflicher Erfolg, Kinder, faszinierender Alltag und Entspanntheit lassen sich nur schwer kombinieren.
Wir lösen unseren Arbeitskräftemangel durch die Zuwanderung, die mit der 10-Millionen-Initiative schwer unter Druck gerät.
Wir haben uns in der Schweiz so eingerichtet, dass wir gewisse Jobs nicht mehr selbst machen wollen und dafür Leute aus dem Ausland holen. Das geht relativ einfach. Sei es die Arbeit in der Gastronomie oder Pflege, aber auch Ingenieure und Ärzte. Das sind zwei relativ anstrengende Studiengänge. Als Ingenieur verdient man nicht mal speziell viel. Da denkt sich mancher: Ich studiere lieber Betriebsökonomie, arbeite als Manager, verdiene besser und stehe auch mehr im Mittelpunkt. Zudem erleben wir in der Schweiz etwas, das ich als Luxemburgisierung bezeichne.
Mathias Binswanger (63) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Binswangers Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Der gebürtige St. Galler gilt seit Jahren als einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.
Mathias Binswanger (63) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Binswangers Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Der gebürtige St. Galler gilt seit Jahren als einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.
Was meinen Sie mit Luxemburgisierung?
In Luxemburg arbeitet die einheimische Bevölkerung vor allem beim Staat und verwaltet in gut bezahlten Jobs den Wohlstand. Diesen selbst lässt man aber vornehmlich von Ausländern erwirtschaften. Das sehen wir zunehmend auch in der Schweiz. So kommen mittlerweile 30 bis 40 Prozent der Ingenieure oder Ärzte aus dem Ausland. Beim Staat hingegen arbeiten nach wie vor über 90 Prozent Schweizerinnen und Schweizer. Zusätzlich schaffen wir künstlich mit immer neuen Regulierungen viele gut bezahlte Jobs in der Bürokratie gleich selbst. Wir bauen beim Datenschutz aus, plötzlich braucht es überall Datenschutzbeauftragte. Es sind immer mehr Zertifizierungen nötig, also braucht es Zertifizierungsauditoren.
Was schlagen Sie also vor?
Wir müssen die Berufslehre aufwerten und als gleichwertig zu einem Studium betrachten. Die Chancen beispielsweise im Handwerk sind ja eigentlich rosig. Viele kleine Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Nachfolgern. Und auch bei den Älteren müssten wir ansetzen. Es gibt viele Ü65-Jährige, die gerne in Teilzeit arbeiten würden. Hier hätten wir ein grosses Potenzial, doch unter den gegebenen Bedingungen besteht weder für Arbeitgeber noch für Arbeitnehmer ein Anreiz dazu.
Ältere Menschen haben bei der Jobsuche oft schlechte Karten, während ein höheres Rentenalter eine politische Dauerforderung ist. Wie passt das zusammen?
Das ist eine völlige Diskrepanz und liegt an den Anreizen. Die Arbeitgeber haben dank der Personenfreizügigkeit die Wahl, aus einem grossen Pool an Arbeitskräften eine junge Person aus der EU einzustellen. Die Jungen gelten als formbar. Denen kann man noch etwas sagen. Die älteren Leute werden als weniger flexibel angeschaut und ihre Erfahrung und ihr Wissen zählen heute nicht viel.