Darum gehts
- Studie zeigt: Ü50 arbeiten öfter Teilzeit als Gen Z
- 13 Prozent der Ü60 verzichten bewusst auf Vollzeitpensum zugunsten von Freizeit
- Lifestyle-Teilzeit kostet jährlich bis zu 3 Milliarden Franken an Steuereinnahmen
Auf dem Arbeitsmarkt drescht man gern auf die junge Generation ein. Sie habe zu hohe Ansprüche, sei nicht belastbar und arbeitsfaul. Ein Spitexdienst im Kanton Zürich schliesst in einem Jobinserat explizit Bewerber der Gen Z aus – also Personen der Jahrgänge von 1995 bis 2010. Umso mehr überrascht eine Untersuchung des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV), die Blick exklusiv vorliegt.
Deren Resultat zeigt: Nicht die Vertreter der Gen Z arbeiten am häufigsten freiwillig nur Teilzeit. «Das grösste ungenutzte Arbeitskräftepotenzial durch Lifestyle-Teilzeit liegt bei den über 50-Jährigen. Sie arbeiten am häufigsten in einem reduzierten Pensum, weil sie keine Lust auf Vollzeit haben», sagt SAV-Chefökonom Patrick Chuard-Keller (39) im Gespräch. Seine Analyse beruht auf Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung.
Ältere bis zu dreimal häufiger in Lifestyle-Teilzeit
Die Zahlen zeigen: Bei den 50- bis 54-Jährigen haben 7 Prozent aller Erwerbstätigen kein Interesse daran, Vollzeit zu arbeiten. Bei den 55- bis 59-Jährigen sind es bereits über 10 Prozent und ab 60 dann gar 13 Prozent. Ältere Arbeitskräfte reduzieren ihr Pensum bis zu dreimal häufiger zugunsten von mehr Freizeit als Vertreter der Gen Z.
Chuard-Keller hat ein Potenzial von 86'000 Vollzeitstellen berechnet – wenn alle, die die Füsse hochlegen, die Lust auf Vollzeit packen würde. «Wir leisten uns den Luxus einer inländischen Arbeitskraftreserve», streicht der Ökonom heraus. Dabei geht es «um gut integrierte Arbeitskräfte, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen», wie er in der Studie schreibt.
Akademiker und Schweizer sind übervertreten
Der Grund ist simpel. Sie müssen schlicht nicht mehr arbeiten. «Man muss sich ein Teilzeitpensum leisten können. Und das trifft auf die Gruppe der über 50-Jährigen öfter zu. Sie verdienen im Schnitt mehr und haben ein grösseres Vermögen.» Je höher der Stundenlohn von Beschäftigten ist, umso öfter bevorzugen sie zusätzliche Freizeit gegenüber einem höheren Pensum. Weil ältere Hochschulabsolventen im Schnitt die höchsten Löhne haben, sind sie die Teilzeit-Könige der Schweiz.
Was zudem auffällt: Lifestyle-Teilzeit ist besonders bei Älteren mit Schweizer Pass zu finden. Interessanterweise zeigen ausländische Arbeitskräfte keinen ausgeprägten Hang zur freiwilligen Teilzeit.
Geht um Lohnvolumen von 8 Milliarden Franken
«Es geht nicht darum, mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen in Lifestyle-Teilzeit zu zeigen», betont Chuard-Keller. Wenn jemand lange Zeit Vollzeit gearbeitet habe, sei es aus liberaler Sicht eine legitime persönliche Entscheidung, auf etwas Einkommen und Vorsorgekapital zu verzichten und mehr Freizeit zu geniessen. Der Ökonom sieht jedoch ein grosses Aber: «Schlussendlich bleibt diese Entscheidung nicht privat. Über Steuern, Abgaben und damit verbundene Umverteilungseffekte hat diese Entscheidung Einfluss auf alle», führt er aus.
Chuard-Keller hat die Rechnung gemacht: Würden die Lifestyle-Teilzeitler alle Vollzeit arbeiten, käme ein jährliches Bruttolohnvolumen von rund 8 Milliarden Franken pro Jahr zusammen. «Das entspricht knapp einem Prozent des Bruttoinlandprodukts». Der grösste Teil davon käme von der Ü50-Gruppe.
«Daraus ergibt sich eine jährliche Grössenordnung von rund 2 bis 3 Milliarden Franken an entgangenen Einnahmen für öffentliche Haushalte und Sozialversicherungen. Hier geht es ein Stück weit auch um Fairness, wenn Menschen bewusst weniger leisten, als sie könnten.»
Anreize dürften nur bedingt helfen
Der Chefökonom des Arbeitgeberverbands sieht Handlungsbedarf: Aktuell gehen grosse Jahrgänge in Rente. Der Fachkräftemangel wird die Unternehmen in den nächsten Jahren weiterhin beschäftigen. «Das Potenzial von Teilzeitbeschäftigten, die bereits mitten im Arbeitsmarkt stehen, ist vergleichsweise leicht zu mobilisieren.»
Er spricht sich deshalb für Anreize aus: tiefere Grenzabgaben etwa mit Blick auf die Steuerprogression, aber auch die Behebung von Fehlanreizen. «In einigen Fällen lohnt sich die Mehrarbeit nicht, weil dann Vergünstigungen bei den Krankenkassen oder beim Wohnen wegfallen.»
Doch auch bei zusätzlichen Anreizen warnt Chuard-Keller vor allzu hohen Erwartungen. «Es wird nicht möglich sein, dieses Potenzial vollständig zu mobilisieren. Umso klarer ist, dass die Schweiz auch künftig ergänzend auf Zuwanderung in den Arbeitsmarkt angewiesen sein wird.»