Diese Woche hat die Schweiz zwei neue Schuldige ausgemacht: Rentner mit Einfamilienhaus und über 50-Jährige im Teilzeitjob. Die einen nehmen zu viel Platz ein, die anderen arbeiten zu wenig. Willkommen in der neuen Sündenbock-Debatte.
Der Auslöser: Das Bundesamt für Wohnungswesen stellt infrage, ob Rentner mit Eigenheim zu viel Wohnraum beanspruchen. Und eine Studie des Arbeitgeberverbands stellt der Generation 50+ ein schlechtes Zeugnis aus: zu viel Teilzeit, zu wenig Einsatz. Das inländische Potenzial bleibe ungenutzt.
Die Alten sollen sich bewegen: auf dem Wohnungsmarkt und im Arbeitsleben.
Ein Haus ist kein Luxusgut
Wer das Einfamilienhaus zum Problem erklärt, hat wenig von der Wirklichkeit verstanden. Für die meisten ist das Haus kein Statussymbol. Es ist ihr Lebenswerk. Dort haben sie Kinder grossgezogen, Wände gestrichen, Böden verlegt und die alte Küche behalten, weil eine neue zu teuer war.
Ein Kollege, kurz vor der Pensionierung, schildert sein Dilemma: ein altes Haus auf dem Land, geschätzt 1,4 Millionen Franken wert. Klingt nach Reichtum, ist aber ein goldener Käfig. Die Hypothek läuft noch. Eine Einliegerwohnung einbauen? Keine Bank spielt mit in seinem Alter. In eine kleinere Wohnung ziehen? Teurer. Und dazu fehlt der Platz für ein halbes Leben, das sich angesammelt hat. Wer hier mit «Anreizen» kommt, redet an der Realität vorbei.
Während die Alten über ihren Wohnraum verhandeln, schauen die Jungen von aussen zu. Eigentum gibt es nur noch als Erbschaft oder als Wunschtraum. Was für die einen Besitz ist, bleibt für die anderen unerreichbar. Sparen reicht nicht mehr, weil die Preise davoneilen.
Arbeitgeber messen mit zweierlei Mass
Ähnlich widersprüchlich der Blick auf den Arbeitsmarkt. Der Arbeitgeberverband hat ausgerechnet: 86'000 Vollzeitstellen blieben ungenutzt, weil über 50-Jährige lieber Teilzeit arbeiten. Er nennt das «Lifestyle-Teilzeit» – und meint es nicht als Kompliment.
Nur: Warum soll sich jemand für einen Arbeitgeber abrackern, der ihn beim nächsten Stellenabbau als Erstes vor die Tür setzt? Wer mit 52 den Job verliert, weiss, wie schnell Erfahrung zum Makel wird. Zu teuer, zu wenig formbar.
Das Gerede vom «inländischen Potenzial» klingt hohl aus dem Mund jener, die dieses Potenzial selbst aussortieren, sobald Lohn und Alter nicht mehr passen.
Wer mehr Einsatz fordert, muss auch Chancen bieten. Beides zusammen wäre ein Angebot. Nur das eine ist eine Zumutung.
Weniger Zuwanderung hat einen Preis
So wächst der Frust, und er entlädt sich politisch. Der Blick richtet sich nach aussen – auf die Zuwanderung. Mehr Menschen, mehr Nachfrage, mehr Druck. Also weniger Ausländer?
Japan zeigt, wie das aussehen kann – und was es kostet. Dort arbeitet jeder Zweite zwischen 65 und 69 weiter. Das ist dort normal. Die Grundrente ist bescheiden. Wer mehr will, arbeitet länger. Zuwanderung gibt es kaum. Dafür schätzt man Ältere und ihre Erfahrung. Der 68-jährige Taxifahrer ist dort kein Kuriosum, sondern Alltag.
Ein Paradies ist Japan deshalb nicht. Die Wirtschaft stagniert. Aber das System funktioniert, ohne auf Zuwanderung zu setzen.
Statt den Ärger auf die Älteren zu lenken, braucht die Schweiz mehr Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, was Wohnraum heute kostet und wer ihn sich überhaupt noch leisten kann. Ehrlichkeit darüber, was es heisst, Ältere aus dem Arbeitsmarkt zu drängen und zugleich mehr Leistung von ihnen zu fordern. Und Ehrlichkeit bei der eigentlichen Entscheidung: Entweder setzt die Schweiz weiter auf Wachstum durch Zuwanderung und lässt die Alten in Ruhe. Oder sie wird ein Stück weit japanischer: weniger abhängig von Zuwanderung, dafür längere Lebensarbeitszeit.
Beides ist möglich. Beides hat seinen Preis.