«Es ist schwer genug, einen Ort für Kinder zu finden»
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Empörung wegen Kinderverbot:«Es ist schwer genug, einen Ort für Kinder zu finden»

Kinder zunehmend unerwünscht, Geburtenrate sinkt – ausser bei Migranten
Schaffen wir Schweizer uns selber ab?

Ruhe bitte! Sind wir ein kinderfeindliches Land geworden? Jedenfalls ein widersprüchliches. In der Beiz, auf dem Campingplatz - Kinder sind zunehmend unerwünscht. Zudem sinkt die Geburtenrate, Zuwanderung wollen wir auch nicht. Das geht nicht auf. Der Wochenkommentar.
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Immer weniger und immer weniger erwünscht: Kinder in der Schweiz; hier an 1. Augustfeier in Urnäsch AR.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Café in Aarau verbietet Kindern unter 14 Jahren den Zutritt
  • Campingplatz in Unterseen BE untersagt ebenfalls Kinder, trotz Tradition
  • Geburtenrate in der Schweiz 2024 bei 1,28 Kindern pro Frau
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Ein Café an der Bahnhofstrasse in Aarau macht ernst: Familien mit Kindern unter 14 sind nicht mehr willkommen. An der Tür hängt ein handgemachtes Schild – durchgestrichenes Kind, durchgestrichener Kinderwagen. Darunter eine höfliche Bitte um Verständnis.

Natürlich darf die Betreiberin das. Hausrecht bleibt Hausrecht. Doch stellen wir uns vor, auf dem Schild stünde: «Keine Ausländer», «Keine Alten» oder «Keine Non-Binären». Der Aufschrei wäre gewaltig – zu Recht. Und ein juristisches Nachspiel garantiert. Nur Kinder darf man offiziell ausschliessen.

Auch auf einem Campingplatz in Unterseen BE sind Kinder seit kurzem unerwünscht. Ausgerechnet auf dem Campingplatz! Dort, wo Kinder am besten hinpassen.

Kinder gelten als Störfaktor

Ich selber verbrachte als Kind fast jeden Sommer auf einem Zeltplatz zwischen Atlantik und Mittelmeer. Kaum waren Wohnwagen und Zelt installiert, tauchten mein Bruder und ich ab – ins Abenteuer Campingplatz. Neue Freunde, neue Welten. Die Eltern? Hatten endlich Pause. Ein Kinderverbot? Undenkbar.

Heute gelten Kinder als Störfaktor – für Stimmung, Nerven, Umwelt. Als wäre das öffentliche Leben ein Ruheraum für Erwachsene. Wirft ein Kleinkind ein Stück Brot auf den Boden, wird gleich der Erziehungsnotstand ausgerufen. Gleichzeitig schirmen wir Kinder ab – vor jeder potenziellen Gefahr. Früher kletterte man die Kletterstange ohne Auffangmatte hoch. Heute gleichen Spielplätze gepolsterten Sicherheitszonen mit Gütesiegel.

Uns schrumpft die Zukunft weg

Im Ausland lieben wir Kinder. In den Ferien in Italien schwärmen wir davon, wie schön es ist, wenn Kinder noch um zehn Uhr abends zwischen den Tischen herumtollen. Laut, lebendig, selbstverständlich. Bei Tageslicht zurück in der Schweiz stören sie. Da sollen sie verschwinden – aus dem Café, dem Zug, dem Alltag.

Gleichzeitig schrumpft uns die Zukunft weg. 2024 lag die Geburtenrate bei 1,28 Kindern pro Frau. Für eine stabile Bevölkerungszahl bräuchte es 2,1. Das natürliche Wachstum reicht schon lange nicht mehr. Der Zuwachs kommt mittlerweile zu 90 Prozent über Migration. Und immer öfter lagert die Schweiz das Kinderkriegen unbewusst aus – an die migrantische Bevölkerung.

Viele blicken skeptisch auf Zuwanderung. Verständlich: Es wird dichter, lauter, unübersichtlicher. Der Dichtestress ist real. Die Sehnsucht nach Ruhe wächst – weil sie schwindet.

Doch müssen ausgerechnet Kinder dafür weichen?

Politisch tun wir wenig, um Familien zu entlasten. Kita-Plätze bleiben teuer. Familienfreundliche Jobs rar. Die Schweiz will weniger Migration, bekommt aber kaum noch Kinder.

Wir wollen alles: keine Migration, keine Kinder – aber eine sichere AHV. Das geht nicht auf.

Keine Kinder, keine Zukunft

Das Schild in Aarau ist kein Skandal. Es ist ehrlich. Es sagt, was viele denken – und auch in den Kommentarspalten schreiben: Kinder? Zu laut. Zu wild. Unpassend.

Zugegeben: Der Gedankensprung vom Café-Ausschluss zur demografischen Schieflage ist etwas gross. Aber der Zustand der Gesellschaft zeigt sich nicht nur in Grundsatzpapieren – sondern besser auf dem Schild eines Café-Eingangs.

Wenn dort steht: «Keine Kinder», steht da auch: «Keine Zukunft». Die zugespitzte Frage sei erlaubt: Schaffen wir Schweizer uns gerade ab? Ruhig. Gewissenhaft. Ohne störende Kinder.

Die Zukunft? Sie wartet draussen. Bitte nicht klopfen.

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