Darum gehts
Als Israel am 13. Juni 2025 den Iran angriff, gab es Profiteure. Jemand hatte Geld auf dieses Ereignis gesetzt, schien also im Vorfeld davon gewusst zu haben. Wie der «Guardian» enthüllte, wurden auf der Prognoseplattform Polymarket 24 Stunden vor dem Angriff Zehntausende Dollar auf die Frage gewettet, ob Israel bis am Freitag (13. Juni) militärische Aktionen gegen den Iran starten würde. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit auf der Plattform dafür bei nur etwa 10 Prozent lag. Nach dem Angriff bekam der Nutzer 128'000 Dollar für seinen Einsatz ausbezahlt. Dieses Ereignis rückte Polymarket wegen des Verdachts auf Insiderhandel in den Fokus.
Was sind Prognosemärkte?
Prognosemärkte sind virtuelle Plattformen, auf denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Kontrakte, die auf den Ergebnissen zukünftiger und ungewisser Ereignisse basieren, ähnlich wie Aktien handeln. Die Kontraktpreise widerspiegeln den kollektiven Konsens des Marktes hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Ereignisse. Die Themen sind unbegrenzt: Wettervorhersagen, Sportereignisse, Wahlausgänge, Wirtschaftsdaten wie Unternehmensabschlüsse oder Kryptothemen. Gewettet wird immer auf eine Frage, zum Beispiel darauf: «Wird das Regime im Iran vor Oktober fallen?» Die Teilnehmenden kaufen oder verkaufen nach ihrer eigenen Einschätzung Anteile, wie an der Börse. Neue Informationen zu einem Thema verändern Angebot und Nachfrage und führen so zu Preisanpassungen.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
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Es gibt unterschiedliche Plattformen, zum Beispiel Kalshi, Polymarket, Predictit oder Myriad Genetics. Prognosemärkte wachsen stark: 2025 stieg das weltweite Volumen aller Plattformen auf etwa 63,5 Milliarden Dollar. Polymarket gehört zu den grössten Anbietern: Für 2025 werden seine gesamten Handelsvolumina auf rund 22 Milliarden Dollar geschätzt.
Was läuft auf Polymarket?
«Welchen Preis wird Bitcoin im März erreichen?», «Wer gewinnt die Präsidentschaftswahlen 2028: J. D. Vance oder Gavin Newsom?» Auf diese und andere Fragen wird auf Polymarket, dem weltweit grössten Prognosemarkt, gewettet. Die Plattform mit Hauptsitz in den USA basiert auf einer Blockchain, die Benutzerkonten sind mit Krypto-Wallets verknüpft. Der 27-jährige Shayne Coplan gründete Polymarket im Jahr 2020 und ist damit zum Milliardär geworden: Im Oktober 2025 verkündet die Intercontinental Exchange, Mutterkonzern der New York Stock Exchange, bis zu 2 Milliarden Dollar in Polymarket zu investieren. Dadurch schoss dessen Bewertung auf knapp 9 Milliarden.
Die Popularität der Plattform wächst: Ende Februar 2026 wurde an einem Tag ein Rekordvolumen von 425 Millionen Dollar verzeichnet. Und erst kürzlich gab Polymarket die Zusammenarbeit mit den US-Firmen Palantir und TWG AI bekannt. Ziel soll ein Überwachungssystem sein, mit dem verdächtige Handelsaktivitäten und Manipulationen auf Sportwettemärkten aufgedeckt werden sollen.
Wie wettet man auf Polymarket?
Prognosemärkte sind im Wesentlichen Instrumente zur Monetarisierung von Informationen: Preis ist gleich Wahrscheinlichkeit. Anteile können für 0 bis 1 Dollar gekauft werden. Gewinnt man mit seinem Einsatz, erhält man pro Anteil 1 Dollar zurück. Davon gehen allerdings noch Gebühren ab. Ein Beispiel: Momentan kann auf folgendes Ereignis gewettet werden: «Ist der Verkehr in der Strasse von Hormus bis Ende April wieder normal?» Die Chance, dass dies zutrifft, lag am 23. März bei 35 Prozent. Wer mit Ja einsteigen will, zahlt pro Anteil also 0,35 Dollar.
Angenommen, jemand kauft 100 Anteile, dann zahlt er dafür 35 Dollar. Trifft das Ereignis ein, ist jeder Anteil 1 Dollar wert, und die Person bekommt 100 Dollar ausgezahlt – macht einen Gewinn von 65 Dollar (abzüglich Gebühren etwas weniger). Trifft das Ereignis nicht ein, ist der Einsatz verloren. Ist das Ergebnis eines Ereignisses objektiv klar, kann das System problemlos abrechnen. Ist die Definition des Ergebnisses unklar, entscheidet ein dezentrales «Orakel» namens UMA. Die Besitzer dieser Token stimmen dann ab, ob das Ereignis eingetreten ist oder nicht.
Wie einflussreich sind Prognosemärkte?
Unterschiedliche Studien kommen zum Ergebnis, dass Prognosemärkte zuverlässigere Voraussagen treffen als Experten, Expertinnen und Meinungsumfragen. Besonders in Bereichen wie Wahlen, makroökonomische Indikatoren, Sportveranstaltungen oder Unternehmensereignisse haben sich Prognosemärkte als genauer erwiesen. Zum Beispiel prognostizierte Polymarket während der US-Wahl 2024 Donald Trumps Sieg genauer als die meisten Umfragen.
Die Genauigkeit wird durch verschiedene Faktoren bestimmt: Zum einen aggregieren die Märkte die Informationen vieler unterschiedlicher Nutzerinnen und Nutzer mit Spezialwissen und möglichen Insider-Informationen. Zum andern führt der wirtschaftliche Anreiz, Geld zu verdienen, dazu, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer der Plattformen intensiver mit einem Thema befassen. Immerhin steht ihr Einsatz auf dem Spiel. Prognosemarktpreise reagieren ausserdem sofort auf neue Informationen, während Expertenprognosen und Umfragen meist nur punktuell aktualisiert werden.
Wieso ist Polymarket umstritten?
Auf Krieg und Tod zu wetten und damit Geld zu verdienen, ist ein makabres Geschäftsmodell und nicht nur in den USA umstritten. Die Wetten auf den Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, auf den Tod des iranischen Führers Ajatollah Chamenei oder auf den Beginn des Iran-Kriegs lösten aber vor allem deshalb Empörung aus, weil sich einzelne Personen unter dem Verdacht des Insiderhandels daran bereicherten. Die Amerikanerinnen und Amerikaner dürfen Polymarket seit 2022 nicht mehr nutzen: Die Commodity Futures Trading Commission, die die Future- und Optionsmärkte in den USA reguliert, hat die Plattform für das Anbieten eines Derivatehandels nicht zugelassen.
In der Schweiz ist die Plattform seit November 2024 verboten und steht auf der schwarzen Liste der Interkantonalen Geldspielaufsicht Gespa. Gemäss der Eidgenössischen Spielbankenkommission machen sich Schweizer Spielende, die in nicht konzessionierten Onlinecasinos spielen, nach dem Geldspielgesetz zwar nicht strafbar. Sie spielen jedoch auf eigene Gefahr.
Fazit
Prognosemärkte sind hochspekulativ und stark von kurzfristigen News getrieben. Wer mitwetten will, sollte sich also in dem von ihm gewählten Markt gut auskennen und die Entwicklungen in diesem Bereich im Auge behalten. Und die Prognosemärkte sind nicht ganz unumstritten: Ereignisse wie Krieg und Tod werden gamifiziert, und die Identifizierung der Nutzerinnen und Nutzer ist kaum möglich. Konten können zwar öffentlich nachverfolgt werden, es ist jedoch schwer, sie einer bestimmten Person zuzuordnen. Anders als bei klassischen Onlinewettbüros muss zum Beispiel kein Ausweis eingescannt werden. Das erschwert die Verfolgung von Insiderhandel.
Aber in Bereichen mit hoher Unsicherheit oder mit stark subjektivem Urteilsspielraum bieten Prognosemärkte Vorteile und können politische und wirtschaftliche Ereignisse teilweise besser vorhersagen als Umfragen.