Rohstoff-Nachschub blockiert
So starkt bedroht der Iran-Krieg unsere Wirtschaft

Öl, Gas, Aluminium, Stickstoff: Der Golf ist eine Quelle wichtiger Rohstoffe. Schweizer Grosskonzerne und Familienbetriebe müssen umplanen.
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Ein Kampfflieger der US-Streitkräfte landet auf dem Flugzeugträger USS Gerald R. Ford am 4. März 2026: Der Krieg im Nahen Osten belastet auch Schweizer Unternehmen.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire
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Holger Alich und Stefan Barmettler
Handelszeitung

Der Delikatessenhändler Bianchi beliefert seit 1881 Schweizer Gastro-Betriebe. Im ganzen Land sind die weissen Lieferwagen mit dem roten Hummer-Logo unterwegs, courant normal, scheinbar. Doch der Krieg im Iran wirbelt das Tagesgeschäft des Traditionsunternehmens aus Zufikon AG durcheinander.

Der frische Fisch aus den Philippinen wurde bisher über Dubai eingeflogen, «nun mussten wir alles über Singapur umstellen», sagt Co-Firmenpatron Luca Bianchi – mit entsprechenden Mehrkosten. Auch die steigenden Spritpreise bei 170 Lieferwagen belasten die Erfolgsrechnung. Obendrein fehlen zahlungskräftige Touristen aus den Golfstaaten, die hierzulande gerne erlesene Comestibles verzehren.

Experten schlagen Alarm

Was Bianchi dieser Tage erlebt, kennen grosse wie kleine Betriebe. Der Waffengang Israels und der USA drückt überall aufs Geschäft. Hier wird die Logistik umgestellt, dort auf Lieferanten in Europa umgeschwenkt, Reiseverbote fürs Personal erlassen, Ausbaupläne in der Golfregion sistiert. Bei einem blockierten Tanker im Golf wurden sogar Mechaniker von Bord beordert.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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Setrak Bahceli kennt das umkämpfte Nadelöhr. Über drei Jahrzehnte lang handelte er von Zug aus mit Rohstoffen aller Art: «Durch die Strasse von Hormus laufen rund 25 Prozent des globalen Rohölhandels, 15 Prozent des Diesels und des Kerosins, 10 Prozent des Heizöls, 30 Prozent des LPG, 20 Prozent des LNG und 40 Prozent des Naphthas.» Dazu kommen die steigenden Containerpreise der Frachtschiffe, die zu Lieferausfällen und Mehrkosten führen. Viele Branchen sind direkt oder indirekt betroffen. Offen darüber reden wollen die wenigsten Unternehmen, schon gar nicht die börsenkotierten, denn sie befürchten bei allzu viel Unruhe den Reissaus der Aktionäre.

«Grösste Bedrohung der Geschichte»

Was US-Präsident Donald Trump am 28. Februar lostrat, hat indes die Wucht, die Weltwirtschaft ins Elend zu stürzen. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), spricht von «der grössten Bedrohung für die globale Energieversorgung der Geschichte». Tatsächlich: Als der Irak 1990 den Ölstaat Kuwait überfallen hatte, waren 1,6 Millionen Barrel Rohöl pro Tag betroffen, jetzt sind es 20 Millionen – das 13-Fache.

Allein eine Drohnenattacke auf Katars Gaszentrum Ras Laffan hat die Flüssiggasaufbereitung lahmgelegt. Es wird Jahre dauern, bis sie wieder auf Vollleistung liefert. Bei so viel Volatilität ist an den Aufbau von Lagerbeständen nicht zu denken. «Das wäre mit erheblichen Risiken verbunden», sagt Branchenkenner Setrak Bahceli.

Was die Lage besonders bedrohlich macht: Der Konflikt betrifft nicht nur Energiemärkte, sondern auch viele Halb- und Vorprodukte. Die Golfregion ist ein wichtiger Hub für Rohstoffe für die Landwirtschaft, die Chemie- und Pharmaindustrie, die Plastik- und Verpackungsherstellung sowie für die MEM-Branche.

So stammen 24 Prozent des weltweit gehandelten Aluminiums aus der Golfregion, aber auch 22 Prozent des Harnstoffs – wichtig für die Düngerproduktion –, 45 Prozent des Schwefels für Dünger und für die Farben- und Kunststofffertigung sowie rund ein Drittel des weltweiten Heliumbedarfs für die Halbleiterindustrie. So hat die Krise alle Ingredienzen, um sich je länger, je tiefer durch alle Sektoren durchzufressen – besonders in der vom Import abhängigen Schweiz.

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Aebi Schmidt sorgen die Aluminiumpreise

Der Spezialfahrzeugbauer Aebi Schmidt leidet wie andere Industriefirmen unter den steigenden Preisen des energieintensiven Aluminiums. Die Tonne Alu hat sich innerhalb kurzer Zeit um 300 auf 3000 Franken verteuert. Mit Fixpreisen, die für die kommenden Monate vereinbart wurden, versucht sich Aebi Schmidt gegenüber Lieferanten und Kunden abzusichern. Aber einer muss die Zeche zahlen. Der Hersteller von Schneeräumern auf Flughäfen musste seine Lieferkette umstellen.

Kabelbäume aus Dubai werden nun von einem Anbieter aus der EU geliefert. Pumpenhersteller Sulzer weist schöne Wachstumsraten aus, betreibt mittlerweile sechs Servicecenter in der Region und hat diverse Ausbauprojekte aufgegleist. Im schlimmsten Fall muss er wohl mit Verzögerungen rechnen.

Bosshard-Farben aus Rümlang ZH, ein Produzent von Farben und Lacken, hat Probleme mit einem Lösungsmittel, dessen Ausgangspunkt Naphtha ist: «Zwei von drei Lieferanten sind ausgeschossen, beim dritten war der Preis 74 Prozent höher als bei der letzten Bestellung im Januar», rechnet Firmenchef Philipp Bossard vor. Das andere Problem: Auf Neubauten wird weniger gemalt. Zudem fehlen Grossprojekte, und die steigenden Energiepreise dämpfen das Geschäft zusätzlich. Darunter leiden auch Baufirmen wie Holcim oder Zulieferer wie Sika.

«Es ist immer was los, das uns in Beschlag nimmt», stöhnt ein Industrieller. Seit Corona regiert die Hast. Mal schnell die Lieferkette anpassen, mal die Zolltarife nachjustieren; dass sich die Regulierung verschärft, ist ohnehin ein Dauerärgernis. Den starken Schweizer Franken gibts obendrauf. Normalbetrieb, das war vorgestern.

Schweizer Wachstum bedroht

Zieht sich der Iran-Krieg noch weitere Wochen hin, kostet dies die Schweizer Wirtschaft Milliarden. Wenn der Ölpreis bei 90 Dollar je Fass verharre, sinke das Wachstum um 0,3 Prozent und im kommenden Jahr um 0,2 Punkte, rechnet das KOF Institut vor. «Ende 2027 läge das BIP damit 0,6 Prozent unter jenem des Basisszenarios.» Und dieses ist mit 1 Prozent schon bescheiden genug. Dauerhaft höhere Energiepreise würden Produktion, Lieferketten und Konsum zusätzlich belasten. Dann wäre ein Nullwachstum nicht mehr fern.

Der Schweizer Gasverband hält «aktuell» die Versorgung für gewährleistet. Doch Gashändler MET aus Baar ZG warnt: «Abhängig von der Dauer der Schliessung der Strasse von Hormus und der Unterbrechung der LNG-Produktion in Katar wird der globale Markt mittelfristig unterversorgt sein.»

So sind am Ende der Heizsaison die Gasspeicher in Deutschland nur zu gut 20 Prozent gefüllt. Die Schweiz hat keine eigenen Gasspeicher und ist hier vorab von Deutschland abhängig. «Europa wird auf dem Weltmarkt um LNG-Lieferungen konkurrieren müssen», sagt MET-Chef Huibert Vigeveno. Und das wird teuer.

Bisher zeichnen sich die Auswirkungen auf die Schweizer Chemieindustrie nur in Umrissen ab. Von Lieferunterbrüchen sei man direkt nicht betroffen, lässt sie verlauten, indirekt schon. «Es besteht das Risiko, dass Lieferketten massiv gestört werden, falls Lieferanten ihre Rohstoffe und Produkte aus dem asiatischen Raum beziehen», heisst es bei Scienceindustries, dem Verband der Schweizer Chemie- und Pharmabranche.

Kostendruck bei Generika

Der Spezialitätenchemiker Clariant gibt sich zugeknöpft: Die Folgen für das Geschäft seien von den hauseigenen Fachleuten analysiert worden – was dabei rauskam, verschweigt das Unternehmen mit seiner bedeutenden Produktion in Indonesien und China. Sandoz, die günstige Kopien von Originalmedikamenten herstellt, erwartet zwar derzeit keine Lieferunterbrüche, da aber Vorprodukte aus Asien kommen, dürften diese sich verteuern. Das bedeute zusätzlichen Kostendruck, gerade bei tiefpreisigen Medikamenten, heisst es von Sandoz.

Mit wenig Blessuren fliegt aktuell die Swiss durch die Welt. Sie hat zwar mit Re-Routings zu kämpfen und muss höhere Durchfluggebühren und Kerosinpreise schultern. Sie profitiert allerdings davon, dass die Lufthansa-Gruppe bis 85 Prozent des Flugbenzins durch Hedging abgesichert hat. Das sieht man – nicht ohne Stolz – als Alleinstellung gegenüber «vielen anderen Airlines», die auf Absicherung verzichteten, sagt eine Sprecherin.

Es ist ein kleiner Fingerzeig auf US-Fluggesellschaften wie American Airlines oder Asiaten wie Air India oder Cathay Pacific, die auf der Langstrecke Treibstoffzuschläge bis 120 Franken je Strecke einführten. Darauf verzichtet die Swiss; mithalten aber will man schon und verdoppelte die Kapazitäten von Zürich nach Delhi. Denn die Konkurrenz vom Golf muss meist am Boden bleiben.

Vorgesorgt haben auch die schlauen Agrarier, die schon manche Krise gemeistert haben. Laut der Bauern-Genossenschaft Fenaco kauften die Landwirte bereits im Herbst 2025 ihren Dünger für die kommende Saatsaison ein. Bis zum Herbst, wenn die nächste Welle an Düngerkäufen ansteht, hofft der Agro-Riese auf wieder tiefere Preise. Dieser Hoffnung schliessen sich Schweizer Firmen inklusive Gourmetexperte Bianchi zweifellos an.

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