Darum gehts
Julie Meyer kennt die grossen Bühnen der Finanz- und Techwelt. Zu Beginn der 2000er-Jahre war die Kalifornierin der Star der Dotcom-Szene in London. An ihren «First Tuesday»-Events trafen sich Monat für Monat Hunderte erfolgshungrige Start-up-Gründer und Investoren auf der Suche nach den vielversprechendsten Anlagemöglichkeiten. Meyer gründete die Investmentfirma Ariadne Capital Ltd. und trat als Geldgeberin in «Dragons’ Den» in der BBC auf, der englischen Version von «Höhle der Löwen», einem Fernsehformat, in dem eine Expertenrunde die besten Start-up-Ideen kürt.
Der Erfolg brachte ihr Ruhm und Ehre ein. Das WEF kürte sie als eine von wenigen Dutzend «Leaders of Tomorrow», und die Modezeitschrift «Harper’s Bazaar» interviewte sie für eine Serie über erfolgreiche Unternehmerinnen. Von der University of Warwick erhielt sie die Ehrendoktorwürde, und das englische Königshaus adelte sie für ihre Verdienste um das Unternehmertum mit dem Titel «Member of the Order of the British Empire» (MBE).
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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London–Malta–Zürich
Heute residiert Julie Meyers Firma Viva Investment Partners AG in einer Villa in Zollikon ZH, doch vom Glamour der Nullerjahre ist nicht mehr viel übrig. Der «Guardian» widmete ihr kürzlich einen ausführlichen Artikel mit dem Titel «Die Jagd nach der Dotcom-Queen: Wie Julie Meyer eine Spur von unbezahlten Rechnungen, fehlenden Guthaben und zerbrochenen Träumen hinterliess». Davon können mittlerweile auch mehrere Schweizer Unternehmen und Privatpersonen berichten.
Die Journalistinnen des «Guardian» zeichneten in ihrer Reportage den Weg der Investorin von London über Malta in die Schweiz nach. In der britischen Hauptstadt war deren Ariadne Capital Ltd. schon 2017 unter Zwangsverwaltung gestellt. Die Administratoren fanden bei der Investmentfirma ein Portfolio im Wert von gerade einmal 2528 Pfund und unzählige unbezahlte Rechnungen.
Da hatte Julie Meyer ihren Wohnsitz jedoch bereits nach Malta verlegt und dort ein weiteres Unternehmen gegründet. Auch auf der Mittelmeerinsel liefen die Geschäfte jedoch nicht gut. Die Firma bezahlte Löhne nicht, was auf Malta als strafrechtliches Delikt gilt. Als die Staatsanwaltschaft ihr Hotelzimmer durchsuchen liess, zog Meyer weiter in die Schweiz. Kurz darauf entzog die maltesische Finanzaufsicht ihrer dortigen Investmentfirma die Lizenz, seither sammelt die frühere «Dotcom-Queen» mit ihrer Firma von Zollikon ZH aus statt Titel und Auszeichnungen vor allem Betreibungen.
Offene Forderungen bei KMU und Steuerämtern
Der aktuelle Betreibungsregisterauszug der Viva Investment Partners AG, bei der Meyer das einzige Mitglied des Verwaltungsrats ist, liegt dem Beobachter vor. Er ist sechs Seiten lang. Unter den Gläubigern: Privatpersonen, Einzelunternehmen, Gastrobetriebe, IT-Firmen und diverse Steuerämter. Die offenen Forderungen belaufen sich auf rund 435’000 Franken.
Dem Zürcher Videografen Pat Gerber schuldet die Firma rund 14’000 Franken. Gerber filmte im letzten Januar den «FTE Winter Summit», den Meyer in ihren Büroräumlichkeiten in Zollikon ausrichtete. FTE steht für «Follow the Entrepreneur» («Folge dem Unternehmer»). Erklärtes Ziel der Veranstaltung war, dass sich Unternehmer, die auf der Suche nach Kapital sind, mit potenziellen Investorinnen und Investoren treffen und ihnen ihre Produkte vorstellen können. Meyer richtet regelmässig solche «Summits» aus, und diese haben ihren Preis: Wer eine Idee «pitchen» will, bezahlt 5000 Franken.
Mit «Entrepreneurs» eingekehrt – und nicht bezahlt
Der Auftrag habe sich gut angehört, sagt Gerber: «Julie Meyer stellte mir in Aussicht, weitere solche Veranstaltungen begleiten zu können. Als freischaffender Videograf wäre das eine attraktive Sache gewesen.» Es haperte jedoch schon vor dem Event: Von einer vereinbarten Vorauszahlung von 10’000 Franken überwies Julie Meyer lediglich 9000 Franken, und dies in drei Tranchen und erst nach mehrmaligen Nachfragen Gerbers.
Dann sollte Gerber plötzlich nur noch die Videos von 9 statt 15 Präsentationen fertig schneiden und bereitstellen. Er reduzierte darauf die Rechnung um den entsprechenden Aufwand. Auf den Restbetrag, den ihm Meyer gemäss seiner Berechnung aus dem Auftrag noch schuldet, wartet er immer noch.
Von einem früheren «Summit» stammt eine offene Rechnung des Gastrounternehmens Plan-B Kitchen in Champfèr GR. Dort liess Meyer sich und ihre «Entrepreneurs» bewirten – und den Wirt auf einer offenen Rechnung über 5100 Franken sitzen. Trotz mehrfacher schriftlicher und mündlicher Mahnung sei der Betrag nie beglichen worden, sagt Verwaltungsratspräsident Roberto Giovanoli. Schliesslich leitete er die Betreibung ein. Der Schlichtungsverhandlung bei einem Zürcher Betreibungsamt blieb Julie Meyer fern.
Beide Ehrentitel entzogen
Eine unerfreuliche Erfahrung machte der Zürcher Unternehmer Hans-Peter Güllich. Er hatte Julie Meyer an einem ihrer «Summits» kennengelernt, und sie hatte ihm ihre Villa «Carpe Diem» auf der griechischen Insel Kea zu einem Sonderpreis vermietet. Vier Tage vor der Abreise kam die Überraschung: «Julie Meyer schickte mir eine Verschwiegenheitserklärung für die ganze Familie. Darin wurde uns untersagt, etwas Negatives über sie zu berichten oder zu posten.»
Als sich Güllich weigerte, diese Erklärung zu unterschreiben, kündigte Meyer den Vertrag: «Sie stellte es aber so dar, dass ich gekündigt hätte, und erklärte, aus diesem Grund sei eine Rückzahlung ausgeschlossen.» Der Unternehmer hatte über Meyer auch noch Ausflüge gebucht und im Voraus bezahlt, unter anderem eine Kajaktour: «Allerdings mussten wir dann feststellen, dass es diese Tour gar nicht gab.» Die Rechnung für die – geplatzte – Buchung wurde von einer Firma namens Kea Valley Holdings Ltd. in Zypern ausgestellt. Das angegebene Bankkonto lautet jedoch auf Meyers Privatadresse.
Julie Meyer schmückt sich immer noch mit dem Ehrendoktor-Titel der University of Warwick und dem Ordenstitel MBE. Beide Ehrungen wurden ihr jedoch mittlerweile entzogen. Die Begründung für den Verlust des königlichen MBE-Ordens: Meyer habe «das Ehrensystem in Verruf gebracht». Julie Meyer reagierte nicht auf Anfragen des Beobachters. Am 20. August publizierte das Konkursamt Riesbach-Zürich eine vorläufige Konkursanzeige über Meyers Firma Viva Investment Partners AG.