Darum gehts
- Schweizer Hotels kämpfen mit Nachfolgeproblemen trotz Rekordübernachtungen im Land
- Experten erwarten anhaltende Schliessungswelle bei Familienhotels
- 1400 Hotels in 20 Jahren geschlossen, Krise verschärft sich
In der Schweizer Hotellerie müsste wegen der rekordhohen Übernachtungszahlen Hochstimmung herrschen. Doch die Rekorde sind nur die halbe Wahrheit. Die unerfreuliche Hälfte: Die Babyboomer in den Familienhotels gehen in Rente. Jahrzehntelang haben sie ihren Betrieb mit viel Herzblut und oft auch unbezahlter Arbeit am Laufen gehalten. Das rächt sich nun. Das Lebenswerk vieler Hoteliers steht vor dem Aus. «Für die Betreiber von Familienhotels ist es extrem schwierig, Nachfolger zu finden», sagt der ehemalige Präsident des Walliser Hoteliervereins, Markus Schmid (70). «Die Schliessungswelle bei Familienhotels wird weitergehen», ergänzt er.
Schmid und seine Frau fanden für ihr Hotel Salina Maris in Mörel-Filet VS Ende des letzten Jahres eine Nachfolgelösung. Das Ehepaar wollte unbedingt, dass der erfolgreiche Betrieb weiterhin als Hotel geführt wird. «Wir haben fünf Jahre gesucht», sagt Schmid.
Investitionsstau schreckt ab – mehr Konkurse
Derzeit werden in der Schweiz für mehrere Hundert Hotels Käufer oder neue Pächter gesucht, wie ein Blick auf verschiedene Immobilienportale zeigt. Das Problem: Viele davon haben nur 10, 20 oder 30 Zimmer. «Bei so kleinen Betrieben müssen die Betreiber sehr viel arbeiten, sonst geht die Rechnung nicht auf», so Schmid.
Viel Arbeit, wenig oder gar kein Ertrag, das ist die Realität in vielen Hotels – egal, ob klein oder gross, wie Auswertungen aus den Kantonen Wallis und Graubünden zeigen. Weil die Betriebe zu wenig abwerfen, fehlt oft das Geld für Investitionen. Künftige Betreiber wären deshalb häufig mit einem Investitionsstau konfrontiert. Das schreckt zusätzlich ab.
Wie herausfordernd das Hotelbusiness ist, zeigen die Konkurszahlen: In den letzten Jahren mussten schweizweit jeweils zwischen 60 und 80 Betriebe Konkurs anmelden. Nach einer Gesetzesänderung 2025 waren es gar 109 Hotels, wie Zahlen des Schweizer Gläubigerverbands Creditreform zeigen.
1400 Betriebe weniger als vor 20 Jahren
Der Strukturwandel ist seit vielen Jahren in vollem Gang. Aktuell zählt die Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik noch gut 4300 Hotels. Vor zwei Jahrzehnten gab es noch 1400 Betriebe mehr. Blick hat mit mehreren Hoteliers gesprochen, die verkaufen möchten. In der Zeitung will jedoch keiner den Namen seines Betriebs lesen. Das könnte dem Geschäft schaden. Bis ein Käufer gefunden ist, muss der Laden schliesslich weiterlaufen.
Auch Hotelier Reto Steiner (62) sucht für sein Hotel Victoria mit 40 Zimmern in Brig VS eine Nachfolgelösung. Eile hat er keine, wie er sagt. «Der Betrieb läuft gut. Dank Lonza-Boom, der florierenden Bauindustrie und dem Inlandstourismus ist das Hotel hervorragend aufgestellt», sagt er. Das Problem. «Die Leute wollen heute nicht mehr unbedingt Verantwortung übernehmen. Das sieht man bei allen KMU», so der Hotelier.
«Verkaufswillige Hoteliers findet man praktisch überall»
Die Blütezeit von kleinen Hotelbetrieben in Familienhand ist vorbei. An ihre Stelle treten Investoren und Hotelketten. Denn die Schweiz ist für Touristen nach wie vor attraktiv, wie die Übernachtungszahlen zeigen.
So hat die Revier Hospitality Group jüngst das Hotel Aves Homebase in Arosa GR übernommen. Der Betrieb zählt 87 Zimmer sowie elf Apartments und eröffnet voraussichtlich ab Dezember als siebtes Revier-Hotel. «Verkaufswillige Hoteliers findet man heute praktisch überall. Für uns sind aber nur Betriebe ab 75 Zimmer interessant, die mit ihrer Infrastruktur zu unserer Gruppe passen», sagt CEO Daniel Renggli (56).
Die bestehenden Familienbetriebe passen selten ins Portfolio grosser Hotelketten. Player wie die Revier-Gruppe setzen deshalb auf Neubauten. Dabei entstehen vermehrt Appartementhäuser. Der Vorteil: Die Inhaber profitieren neben dem Übernachtungsgeschäft häufig in Form von steigenden Immobilienbewertungen. Zudem geht der Trend klar in Richtung 4- und 5-Sterne-Hotels.
«Jüngere Hoteliers sind offener für Zusammenarbeit»
Es gibt noch einen anderen Weg, der von den familiengeführten Hotels in die Zukunft des Tourismus führt: Kooperationen liegen im Trend, sagt Professor Norbert Hörburger (53), Dozent für Hospitality Management an der Fachhochschule Graubünden. «Gerade die jüngeren Hoteliers sind offener für eine Zusammenarbeit. So können die hohen Fixkosten beim Betrieb der Hotels auf mehr Zimmer verteilt werden und somit die Kosten pro Übernachtung gesenkt werden», so Hörburger. Er sieht für kleine Hotels alles andere als schwarz. «Falls sie im Markt klar positioniert sind und keinen Investitionsstau aufweisen, haben Kleinbetriebe absolut eine Zukunft.»
Eine Voraussetzung: Weil Neu-Hoteliers oft die Mittel für einen vollständigen Kauf fehlen, brauche es Flexibilität beim Verkäufer, so Hörburger. «Lösungen sind Pachtkäufe, bei denen der Pachtzins an den Kaufpreis angerechnet wird oder Darlehen des Verkäufers.»
Denn in kleineren Destinationen, die für grosse Investoren zu wenig interessant sind, ist das Überleben der kleinen und mittelgrossen Hotels zentral, sind sich die Hoteliers einig.