Darum gehts
Mit 55 den Job verlieren: Dieses Schicksal teilt Heinz Vollenweider (73) mit vielen in diesem Land. Trotz Fachkräftemangel sortieren immer wieder Firmen loyale, erfahrene Arbeitskräfte aus. Weil sie zu alt sind, zu wenig flexibel, zu teuer und was es der Ausflüchte mehr gibt.
Jeder Jobverlust ist ein Einschnitt, doch ab 55 besteht die Chance, dass der Rückweg in den Arbeitsmarkt deutlich länger ist als bei jüngeren Betroffenen. Deshalb gilt es in diesem Alter, einige Dinge besonders zu beachten. Blick erklärt zusammen mit Heidi Joos (71), Geschäftsführerin des Verbands Avenir50plus Schweiz, worauf es bei einem Jobverlust ab 55 wirklich ankommt.
Nicht selber den Job kündigen
Auch wer spürt, dass es ihn bei der nächsten Abbauwelle treffen könnte, oder wer sich gemobbt fühlt: Auf keinen Fall selber kündigen oder (vorschnell) eine Aufhebungsvereinbarung unterschreiben. Wer selber kündigt, riskiert Einstelltage in der Arbeitslosenversicherung (ALV). Das heisst, die Auszahlung der Taggelder beginnt später. Zudem ist der Schutz bei einer schweren Erkrankung oder einem Unfall nach einer Eigenkündigung deutlich schlechter.
Ansprüche gegenüber Arbeitgeber
Nicht die Faust im Sack machen, sondern seine Rechte einfordern: Dazu gehört, die Rechtmässigkeit der Kündigung zu überprüfen. Sollte jemand während der Kündigungsfrist erkranken und einen Unfall haben, kann sich diese Frist verlängern. Nicht vergessen: offene Ferien, Überstunden, Bonusansprüche etc. und ein Arbeitszeugnis einfordern.
Bei Arbeitslosenversicherung anmelden
Es ist ein unangenehmer Gang, aber man sollte sich noch während der Kündigungsfrist beim RAV anmelden, mit der Stellensuche beginnen und Bewerbungsbemühungen dokumentieren. Wer sich nicht bemüht, dem drohen Einstelltage in der ALV. Zudem gilt es, die Höhe und die Anzahl der Taggelder abzuklären.
«Wichtig ist, die Zeit nach einer möglichen Aussteuerung von Anfang an mitzudenken», sagt Heidi Joos. Welche finanzielle Absicherung kommt danach infrage – Überbrückungsleistungen oder Sozialhilfe? Das gilt es abzuklären.
Kündigungsschock verarbeiten
«Eine Kündigung kann psychisch stark belasten – besonders nach vielen Jahren im selben Unternehmen», warnt Joos. Der Grund: Langjährige Mitarbeitende fallen nach einer Kündigung oft in ein Loch, stehen plötzlich ohne Aufgabe, Wertschätzung und Zugehörigkeit da. Das kann das Selbstwertgefühl erschüttern. Der Rat von Joos: «Den Kündigungsschock ernst nehmen und sich frühzeitig Unterstützung holen – wenn nötig auch professionelle.»
An Altersvorsorge denken
Das Geld aus der Pensionskasse muss bei Austritt aus der Firma auf ein Freizügigkeitskonto übertragen werden. «Vorschnell das Kapital zu beziehen oder eine Frühpensionierung anzustreben, ist keine gute Idee», erklärt Joos. Denn das kann gravierende finanzielle Folgen nach der Pensionierung haben. Der Bezug von Altersleistungen kann zu einer Kürzung der ALV führen.
Gut zu wissen: Wer nach 58 den Job verliert, kann freiwillig bei der alten Pensionskasse versichert bleiben. Wer sich die Altersleistung später als Kapital auszahlen lassen möchte, muss diesen Entscheid innerhalb von zwei Jahren treffen. Bleibt man länger als zwei Jahre in der Pensionskasse weiterversichert, ist danach grundsätzlich nur noch der Bezug als Rente möglich.
Joos sagt: «Man darf die PK nicht isoliert betrachten. Es braucht bei älteren Arbeitslosen eine Gesamtbetrachtung aller möglichen Einnahmequellen vor und nach der Pensionierung.»
Sozialversicherungen checken
In der AHV dürfen keine Beitragslücken entstehen. Während des Bezugs der ALV werden AHV-Beiträge entrichtet und man ist bei der Suva unfallversichert. Nach der Aussteuerung braucht es einen neuen Versicherungsschutz.
Jobsuche gut vorbereiten
Langjährige Mitarbeitende, die den Job verlieren, haben eine Erfahrung sicher nicht: bewerben. Das will also wieder gelernt sein! Es beginnt mit dem Zusammensuchen und der Aktualisierung der Bewerbungsunterlagen. Heute reicht ein ausführlicher Lebenslauf mit allen beruflichen Stationen nicht mehr. «Es gilt vielmehr, seine individuellen Kompetenzen herauszuarbeiten», erklärt Joos. Und zwar sowohl aus dem Berufs- wie auch aus dem Privatleben. Ein Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr oder die Präsidentin eines Sportvereins verfügen über Kompetenzen, die bei der Suche nach einer neuen Stelle entscheidend sein können.
Auch wichtig: offen sein für eine berufliche Neuorientierung und nicht warten, bis eine Stelle ausgeschrieben wird. Sich selber bei einer Firma melden, kann Türen öffnen. Denn passt es, spart sich das Unternehmen unter Umständen viel Aufwand. Es muss nicht zwingend immer eine Vollzeitstelle sein. Joos: «Teilzeitstellen, befristete Anstellungen und Zwischenverdienste können den Wiedereinstieg erleichtern.»