Darum gehts
- Swisscom entlässt vermehrt über 50-Jährige, offiziell wegen interner Reorganisationen
- Von 2022 bis 2025 sank Anteil über 50-Jähriger von 35,9 % auf 31
- In Italien sind 48 % der Swisscom-Mitarbeitenden über 50 Jahre alt
Auf den weiten Fluren des Verwaltungsgebäudes in Worblaufen bei Bern geht ein Witz um: Wenn du über 50 bist und die Einladung für einen Termin mit deinem Chef und der Personalabteilung erhältst, kannst du Badge und Computer gleich mitnehmen. Warum? Weil du sie sowieso nicht mehr brauchen wirst. So erzählt es Ralph Müller, der in Wirklichkeit anders heisst. Traurig nur, dass aus diesem Witz für ihn Wirklichkeit wurde.
Als Kadermann Müller von der Swisscom die Kündigung erhielt, war er 56 Jahre alt. Er meldete sich beim RAV, suchte lange erfolglos nach einem passenden Job, wurde ausgesteuert und machte sich danach selbständig. Jetzt arbeitet er als freier Berater auf Projektbasis – in einer ironischen Fügung gelegentlich auch für die Swisscom. Wirklich Spass mache ihm das nicht, sagt Müller. Er sieht sich als «Corporate Guy», der lieber eine Festanstellung hätte.
Auch Sandra Steiner heisst in Wirklichkeit anders. Auch sie hatte eine Kaderfunktion beim Telekomriesen – und wurde mit 59 Jahren gefeuert. Bei der Verabschiedung wollte ihr damaliger Vorgesetzter eine kurze Rede halten – dann brach seine Stimme, er begann zu weinen. Später sagte er zu Steiner, dass er ihre Entlassung nicht wollte, er aber keine andere Wahl hatte.
«Reorg» als Begründung
Die Entlassungen von Steiner und Müller wurden offiziell mit einer «Reorg» begründet, also einer internen Reorganisation. Solche Neuorganisationen finden in der Swisscom wie in anderen Konzernen ständig statt. Neue Teams entstehen, bisherige werden aufgelöst oder zusammengelegt. Die Umstrukturierungen eignen sich hervorragend, um den Personalbestand abzubauen. Und sie eignen sich hervorragend als Entlassungsgrund.
Ursprünglich hatte Müllers Team 16 Vollzeitstellen. Jedes Jahr bauten ständig wechselnde Chefs ein bis zwei Stellen ab. Als sein Team auf acht Personen geschrumpft war, wurde es mit einem anderen zusammengelegt – was für ihn die Entlassung bedeutete. Der einstige Kadermann vermutet, dass seine Chefs den Auftrag erhielten, die Stellen sukzessive abzubauen – und glaubt, dass er nicht allein wegen seines Alters entlassen wurde, sondern weil er zu «teuer» war. Was allerdings aufs Gleiche hinausläuft.
Die Abbau- und Kostenfixierung habe das Arbeitsklima in der Swisscom vergiftet: «Teure», also meist ältere Mitarbeitende müssten ab 50 höllisch aufpassen, sagt Sandra Steiner. Man lebe in permanenter Angst, den Job zu verlieren, arbeite noch härter und dürfe sich keine Fehler erlauben. Wohin diese Kultur führe, habe sie bei einer Kollegin gesehen, einer Teamchefin, die eigentlich eine «ganz Gute» sei. Sie habe sich im vertraulichen Gespräch über die Lohnkosten eines Schweizer Angestellten ausgelassen – wenn sie den rauswerfe, könne sie zwei Deutsche einstellen.
Schockierende Aussagen wie diese passen eigentlich nicht zu einem Unternehmen wie Swisscom, an dem die Eidgenossenschaft 51 Prozent besitzt. Ähnlich verblüffend dürfte es auf Beobachter wirken, dass die Swisscom Deutsche rekrutiert, um Kaderstellen kostengünstig zu besetzen.
SonntagsBlick kennt einen Fall, bei dem es um die Besetzung einer Cheffunktion mit Umsatzverantwortung geht. Es handelt sich um einen typischen Schleudersitzjob, zu dem auch Auftritte in der Öffentlichkeit gehören. Ursprünglich war eine interne Lösung vorgesehen. Doch der erfahrene Mann mit ausgezeichnetem Leistungsausweis war schon mehr als 50 Jahre alt.
Er hatte zwar grosse Lust auf den offenen Job, doch in den Verhandlungen stellte sich heraus, dass das Unternehmen nicht bereit war, für die neue, riskantere Rolle auch mehr zu bezahlen. Der angebotene Lohn von rund 11’500 Franken brutto entsprach exakt dem alten. Darauf wollte sich der Mitarbeiter nicht einlassen. Er wurde in eine andere Abteilung versetzt und kurz darauf entlassen. Die Stelle ist inzwischen mit einem jüngeren Deutschen besetzt, der bereit war, für diese Summe zu arbeiten.
Systematische Benachteiligung?
Schon vor einem Jahr gab es Medienberichte, dass ältere Mitarbeiter aus dem IT-Bereich der Swisscom um ihre Stellen bangen. Die Probleme scheinen sich jedoch nicht auf den Maschinenraum des Grosskonzerns zu beschränken. Wie die hier angeführten Beispiele zeigen, sind auch Angestellte betroffen, die in zentralen Bereichen wie Marketing oder Produktentwicklung arbeiten und von einer systematischen Benachteiligung älterer Angestellter sprechen.
Konfrontiert mit den Recherchen sagt eine Sprecherin: «Swisscom weist diesen Vorwurf zurück. Diskriminierung – auch aufgrund des Alters – wird bei uns nicht toleriert.» Die Personalpolitik sei darauf ausgerichtet, die «Beschäftigungsfähigkeit» aller Mitarbeitenden unabhängig von ihrem Alter langfristig zu sichern. Der technologische Wandel verändere aktuell viele Rollenprofile; das betreffe Mitarbeitende aller Altersgruppen. «Einzelne kritische Stimmen nehmen wir ernst», sagt sie. Sie würden jedoch keine Rückschlüsse auf eine «systematische Entwicklung» erlauben. Interne Daten zeigten, dass der Abbau über «alle Alterssegmente proportional zur Altersstruktur» in den betroffenen Bereichen stattfinde. «Konkrete Zahlen dazu nennen wir keine.»
Allerdings lassen öffentlich verfügbare Angaben zur Altersstruktur des Unternehmens keinen Zweifel: Von 2022 bis 2025 sank der Anteil der 50-Jährigen, wie den Nachhaltigkeitsberichten zu entnehmen ist, von 35,9 auf 31 Prozent. Dieses Bild steht im krassen Gegensatz zu dem der Belegschaft in Italien, wo Swisscom Fastweb und Vodafone übernommen hat. Dort beträgt der Anteil der über 50-Jährigen 48 Prozent. Laut Angaben der Swisscom-Konzernsprecherin können diese Zahlen nicht verglichen werden – aufgrund «gesellschaftlicher Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt» und in der Demografie.
Bund erwartet sozialverträglichen Abbau
Der Eigner der Swisscom hat das Thema auf dem Radar. Zuständig ist das Departement von Bundesrat Albert Rösti (58). «Der Stellenabbau bei der Swisscom ist regelmässig Gegenstand der Eignergespräche, letztmals im August 2025», sagt Uvek-Kommunikationschefin Franziska Ingold. Der Bund erwarte, dass der Abbau sozialverträglich erfolge. Die Swisscom habe dargelegt, dass der Stellenabbau nicht nur ältere Mitarbeitende betreffe: «Rund die Hälfte der 2024 und im ersten Halbjahr 2025 betroffenen Personen war jünger als 50 Jahre.»
Das bedeutet aber auch, dass die andere Hälfte aus über 50-Jährigen besteht. Diese Altersgruppe wird somit überproportional belastet.