Darum gehts
Das chinesische Neujahr feierten ein Dutzend Roboter des Herstellers Unitree mit einer Kung-Fu-Show. Das Video der rund zehnminütigen Performance ging sofort viral. Wenige Wochen zuvor, kurz nach dem westlichen Neujahr, waren menschenähnliche Roboter die Hauptattraktion an der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Jeder Kick, jeder Salto liess die Telefone bei Beratungsfirmen klingeln.
Was steckt dahinter? Der Begriff, der den Trend umreisst, lautet Physical AI – physische KI. Im Kern bezeichnet er Systeme, bei denen künstliche Intelligenz den Bildschirm verlässt und in Form von autonomen Fahrzeugen, Drohnen und Robotern in die reale Welt tritt. «Physical AI steht an einem Wendepunkt, an dem sich die Technologie von isolierten Piloten hin zu skalierbaren realen Anwendungen entwickelt», sagt Andreas Ess, Partner bei McKinsey in der Schweiz. Er sieht die Entwicklung der Allzweckrobotik etwas langsamer voranschreiten als autonomes Fahren.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
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Ein potenzielles Milliardengeschäft
Das Potenzial ist riesig. Selbst die konservativen Schätzungen der UBS sind ambitioniert: Der Gesamtmarkt für humanoide Roboter und Automatisierung soll bis 2035 die Schwelle von 400 Milliarden Dollar überschreiten, was einer jährlichen Wachstumsrate von 11 Prozent entspricht. Der globale Markt für autonomes Fahren soll im gleichen Zeitraum ein Gesamtvolumen von 88 Milliarden Dollar erreichen.
Dieses Potenzial ruft auch Tech-Milliardäre wie Elon Musk auf den Plan. Dem taumelnden Geschäft der Elektroautos soll der humanoide Tesla-Bot – auch Optimus genannt – weichen. Beim WEF in Davos prognostizierte Musk, dass es bis Ende 2027 jeder und jedem möglich sein werde, einen Optimus zu Hause zu haben. Der Roboter werde alle Aufgaben eines Menschen ausführen können – wenn nicht sogar besser, dank seiner Grösse und Kraft.
Ganz anders sieht das Bild auf einer Dachterrasse in der Nähe des Zürcher Einkaufszentrums Sihlcity aus. Alessandro Morra steht neben seinem zweirädrigen Roboterwachhund, den er um ein paar Köpfe überragt. «Nicht jeder Roboter muss laufen können», sagt der Co-Founder und CEO des Robotik-Start-ups Ascento. Er verweist auf die Automobilindustrie: Auch dort habe sich nicht ein universelles Fahrzeug durchgesetzt, sondern eine Vielfalt von Lösungen je nach Zweck. Alle verfügen sie über einen Motor, Räder und Assistenzsysteme, aber die Form ist jeweils auf die Funktion des Wagens ausgelegt.
Backflip versus Businessmodell
«Ein Roboter, der einen Rückwärtssalto macht, bringt ein paar Klicks, aber ein Problem löst er nicht», sagt Morra. Er spricht aus Erfahrung: Noch während des Studiums baute er mit seinem Team einen Roboter, der springen kann – einfach weil sie die Grenzen der Technik ausloten wollten. Als es darum ging, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, wurde schnell klar: Springen ist kein Verkaufsargument. «Das A und O der Robotik in der echten Welt ist die Zuverlässigkeit», sagt er. Funktioniert ein Roboter zu 99 Prozent der Zeit, gefährde dieses 1 Prozent Ausfall das gesamte Geschäftsmodell.
Aus dem studentischen ETH-Fokusprojekt wurde ein Start-up, das 2023 in einer Finanzierungsrunde 4,3 Millionen Dollar einsammelte. Heute fährt der Ascento Guard auf zwei Rädern und verfügt über eine 360-Grad-Thermalkamera. Sein Zweck: die Sicherung von Aussenanlagen. Der Ascento Guard fährt das Gelände ab, überwacht Zäune, erkennt Deformationen und Löcher, meldet offene Türen und detektiert Wärmequellen. Über einen Fernzugriff sieht man die eigene Anlage in Echtzeit und kann den Roboter an einen bestimmten Ort senden. Die Kunden sind vor allem Betreiber von Industrieanlagen, Flughäfen und Rechenzentren.
Morra demonstriert, was den Roboter so beliebt macht: Er kann aus jeder Position wieder aufstehen. Um das zu beweisen, kippt Morra den Roboter seitlich um. Dank maschinellem Lernen kennt der Robo-Wachhund verschiedene Wege, sich wieder aufzurichten. In einem ersten Schritt streckt er die Räder von sich, bringt seinen Körper in die Mitte und setzt dann die Räder links und rechts ab. Zuletzt schwenkt er vor und zurück und versetzt sich dann in die Standardposition. Seine LED-Augen blinken kurz. «Es sieht mühseliger aus, als es für ihn ist», sagt Morra. Der Roboter fährt kurz vor und zurück und entscheidet sich dann, zu seiner Ladestation zu fahren.
Zweckgebundene Robotik findet industriellen Anklang
Ein Blick in die Schweizer Unternehmenslandschaft zeigt eine stille, aber flächendeckende Ausbreitung von sogenannten Purpose-built-Systemen. Roboter, die für einen bestimmten Zweck entwickelt wurden und diesen zuverlässig ausführen – tagein, tagaus. Diese Maschinen stehen nicht in Showrooms, sondern direkt in den Produktionshallen. So auch bei der F&F SA/AG, einem der grössten Eiervermarkter der Schweiz. Geschäftsführer Mario Hodel hat sich bisherige Automatisierungslösungen angesehen. Aufgrund der Vielfalt an Endabnehmern, die er beliefert, sei aber für seinen Betrieb keine flexibel genug gewesen. Die F&F sortiert und verpackt pro Jahr rund 160 Millionen Eier für den Gross- und Einzelhandel.
Auf einer Sortieranlage laufen auf verschiedenen Linien pro Stunde bis zu 120'000 Eier durch, in Kartongrössen von vier bis hin zu dreissig Eiern. Da dies nicht immer einheitlich und regelmässig abläuft, mussten am Ende die Menschen die Kartons in die Logistikkörbe packen. «Die Arbeit ist körperlich belastend. Es wird immer schwieriger, für diese Stellen Personal zu finden», sagt Hodel.
Seit einer Woche testet er den Roboterarm Omelette des Zürcher ETH-Start-ups Witty Machines. Ihn überzeugte die Kombination aus Kompaktheit, Agilität und iterativem Entwicklungsansatz. Die erste Betriebswoche verlief nicht ohne Anlaufschwierigkeiten. Weil die Trainingskartons des Roboters keine Etiketten trugen, sortierte Omelette die ersten echten Kartons zunächst aus. Auch die unterschiedlichen Deckelformen der Kunden musste er nachträglich einstudieren. Hodel bewertet das als normalen Anlauf. Wichtiger war ihm eine Bedingung, die er vor der Installation gestellt hatte: Der Betrieb muss jederzeit ohne den Roboter weiterlaufen können. «Das Huhn wird nicht aufhören, Eier zu legen, wenn die Maschine flachliegt», sagt er.
Die Schweiz zieht Talent an, kann es aber nicht halten
Noch eine Woche zuvor stand Omelette im Labor von Witty Machines. Die Handelszeitung besuchte das Start-up, das sich in einem ehemaligen Polizeigebäude mitten im Zürcher Kreis 4 eingerichtet hat. Im Raum herrschte gespannte Stimmung, das Team verpasste dem Roboter den letzten Schliff, bevor er bei der F&F einziehen sollte. Das Büro gleicht einer gut organisierten Tüftlergarage. Quer durch den Raum verlaufen Kabel, überall liegen Schrauben, Werkzeuge und Bauteile verteilt. Co-Gründer und CEO Kenneth Blomqvist sagt: «In der Schweiz gibt es fünf grosse Eierlieferanten, mit dreien arbeiten wir bereits zusammen.»
Witty Machines schloss 2024 eine Finanzierungsrunde mit über 2 Millionen Franken ab. Das Geld floss in die Weiterentwicklung der Arme. Die Roboter verfügen über Computervision sowie KI-gestützte Planungs- und Steuerungsalgorithmen. Das System lernt aus Erfahrung und den Daten, die es im Betrieb sammelt, und trifft daraus bis zu dreissig Entscheidungen pro Sekunde. Wie der Ascento Guard ist Omelette auf einen Zweck ausgerichtet und beherrscht diesen so gut, dass er bereits in der echten Welt im Einsatz ist. Sind sie Vertreter einer neuen Schweizer Robotikindustrie? Nur bedingt. «Das Talent ist hier, aber das Mindset und das Kapital hinken dem hinterher, was an anderen Orten verfügbar wäre», sagt Blomqvist.
Jeff Bezos krallt sich Zürcher Start-up
Das Paradebeispiel liefert das ETH-Spin-off Rivr. Das Team um CEO Marko Bjelonic entwickelte einen Purpose-built-Laufroboter. Auf vier Rädern unterstützt er Kurierdienste auf der letzten Meile. Vergangene Woche bestätigte Bjelonic die Übernahme von Rivr durch Bezos Expeditions, dem Venture-Capital-Arm von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Bereits 2022 beteiligte sich Bezos an einer Finanzierungsrunde, die Rivr mit 110 Millionen Dollar bewertete.
In den letzten Monaten führte Rivr Feldversuche mit Just Eat, der Schweizerischen Post und Migros Online durch. Für die Post war nach dem Test der Einsatz bei Zustellungen noch kein Thema: «Die Erkenntnisse zeigen, dass eine Zusammenarbeit von Mensch und Maschine Potenzial hat», sagt ein Sprecher der Post. «Für den Dauereinsatz fehlen aber noch ein paar technologische Entwicklungen und Anpassungen im Zustellprozess.» Die Migros schreibt, man teste mehrere Industrieroboter mit KI-Integrationen, gehe aber davon aus, dass der Einsatz von Physical AI in der Massenproduktion noch ein bis zwei Jahre dauern werde.
«Die Schweiz ist nicht so schnell darin, neue Technologien anzunehmen», sagt Ascento-Chef Morra. Auch er verkauft seinen Robo-Watchdog zunehmend im Ausland – in Deutschland und den Niederlanden beispielsweise. «Der am schnellsten wachsende Markt bei uns sind aber klar die USA», meint er. Die ETH liefert Ingenieurinnen und Ingenieure von Weltklasse, aber das Risikokapital-Ökosystem reicht nicht annähernd an das der USA. Und bei der Fertigungskapazität vergrössert China gefühlt monatlich den Vorsprung.
Kung-Fu-kämpfende Roboter wären in der Schweiz kaum umsetzbar. Allein die Kosten für Rohstoffe und Löhne wären zu hoch. Nicht zuletzt fehlt es an verbindlichen Normen, insbesondere für humanoide Roboter. Die Schweizer Maschinenrichtlinien sind mit jenen der EU harmonisiert. Die ISO-Norm 25785-1, die diesen Robotikbereich regeln soll, befindet sich noch im Entwurfsstadium und wird frühestens nächstes Jahr publiziert. Und selbst dann müssen die EU-Kommission und US-Regulatoren sie erst anerkennen, bevor Hersteller sie zur Sicherheitsbegründung heranziehen können. Ein Prozess, der teilweise Jahre dauert.
Neura Robotics baut einen «Physical AI Hub» in Zürich
Und doch zieht die Schweiz auch internationale Koryphäen wie Neura Robotics an. Das Robotikunternehmen aus Metzingen betreibt mitten in Zürich einen der ersten Standorte ausserhalb von Deutschland. «Unser Fokus liegt auf Skalierung», sagt Marcellinus Meyer, der als Managing Director für den Standort Schweiz verantwortlich ist. Das Ziel sind Räumlichkeiten von insgesamt 1800 Quadratmetern für Forschung und Training. «Wir wollen hier ein europäisches Zentrum für humanoide Robotik und Physical AI etablieren», so Meyer.
Bei Neura bauen alle Produkte aufeinander auf: Was der autonome Roboterarm Maira lernt, lernt auch der Humanoide 4NE1. «Unser Plan ist, bis 2030 mehrere Millionen humanoide Roboter im Einsatz zu haben», sagt Meyer. Ein ambitionierter Plan, doch verglichen mit den Prognosen der US-Bank Morgan Stanley durchaus realistisch. Die Bank prognostiziert bis 2050 den Einsatz von 930 Millionen Humanoiden in Industrie und Logistik. Bis dahin hat der Roboterarm Omelette im luzernischen Schötz still und leise rund 14 Milliarden Eier sortiert.