Darum gehts
Die Schweizer Bevölkerung bekommt zu wenig Kinder. Im letzten Jahr sank die Geburtenrate auf einen historischen Tiefstand von 1,28 Kindern pro Frau. In den wichtigsten Zuwanderungsländern der Schweiz sieht es beim Nachwuchs ähnlich düster aus. Heisst: Sobald die hohe Zuwanderung versiegt, treten zu wenig frische Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt ein. «Dies kann das Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen und stellt unser Altersvorsorgesystem vor grosse Herausforderungen», sagt Nadia Myohl (34), Leiterin Research Vorsorge bei Swiss Life.
Die Ökonomin ist im Rahmen einer Studie den Ursachen, Folgen und Trends zur rückläufigen Geburtenentwicklung in der Schweiz nachgegangen. Teil davon ist eine repräsentative Umfrage, die zeigt: Von den 18- bis 45-Jährigen ohne Nachwuchs haben 46 Prozent einen Kinderwunsch. Was Myohl überrascht: «Obwohl die Gesellschaft erwartet, dass Frauen öfter Kinder wollen als Männer, ist der Kinderwunsch bei den Männern ganz leicht grösser.»
Immer mehr wollen keine Kinder
Knapp jede vierte kinderlose Person weiss noch nicht, ob er oder sie Kinder will. 27 Prozent beantworten die Kinderfrage mit Nein. Dieser Anteil ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, wie Zahlen vom Bundesamt für Statistik zeigen.
Doch nicht nur der bewusste Entscheid gegen Kinder nimmt zu. Auch das Ideal von zwei Kindern verliert an Bedeutung. Zudem haben deutlich weniger über 50-Jährige zwei Kinder, als es der Wunsch bei den Jüngeren erwarten liesse. Bei der Familienplanung kann einiges anders kommen als geplant. Oder aber, der einstige Wunsch kann sich ändern.
Der Lebensversicherer Swiss Life wollte deshalb von den 18- bis 45-Jährigen wissen, was gegen ein erstes Kind oder weiteren Nachwuchs spricht. Der häufigste Grund: Gut die Hälfte spürt überhaupt keinen Wunsch dazu. Am zweit- und dritthäufigsten nennen sie, dass die Familienplanung abgeschlossen ist oder die finanzielle Belastung zu gross ist. Rund ein Viertel führt die zu hohen Betreuungskosten an. Eltern geben zudem das eigene Alter und den fehlenden Wohnraum an.
Karriere, Freizeit, Wohnen
In der Forschung gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze für die stark sinkenden Geburtenraten in vielen Ländern: In den letzten Jahren haben gleich mehrere Studien die stark steigenden Wohnkosten als Kinderbremse ausgemacht. Zudem zeigt sich, dass Länder mit einer extrem ausgeprägten Leistungskultur wie Taiwan, Südkorea und Singapur bei der Geburtenrate zu den Schlusslichtern gehören. Beruf und Familie sind hier schwierig unter einen Hut zu bringen.
Eine weit verbreitete Ansicht unter Experten ist, dass gerade Opportunitätskosten ein zentraler Grund für die Babyflaute sind. «Abschliessend ist die Frage nicht geklärt, aber es deutet einiges darauf hin, dass unter anderem der potenzielle Verzicht auf Karrierechancen und den bisherigen Lifestyle eine Rolle spielen könnte», so Myohl.
Was zu diesen Opportunitätskosten gehört: Viele junge Menschen definieren ihre Identität verstärkt über die persönliche Entfaltung, grosse Reisen – oder eben die Karriere. Der berufliche Erfolg ist für viele deutlich wichtiger geworden. Und gerade bei den Frauen ist das Bildungsniveau enorm gestiegen.
Frauen wollen seltener ein weiteres Kind
In der Schweiz schliessen mittlerweile deutlich mehr junge Frauen als Männer eine Hochschule ab. Trotzdem reduzieren Mütter ihr Pensum im Schnitt deutlich stärker als Männer und sie stemmen viel mehr unbezahlte Betreuungsarbeit. Väter hingegen ändern ihr Berufspensum kaum. «Frauen sagen in der Umfrage häufiger, dass sich mit Kindern die Berufsaussichten verschlechtern», so Myohl. «Dabei wirken tief verwurzelte Rollenbilder bis in die Gegenwart und können sich negativ auf das Kinderhaben auswirken.»
In diesem Kontext könnte man auch folgendes Ergebnis der Swiss-Life-Umfrage sehen: So geben nur 29 Prozent der Mütter an, sich ein weiteres Kind zu wünschen. Bei den Vätern liegt der Anteil bei 37 Prozent.
Eltern und Kinderlose sind ähnlich glücklich
Weil der Kinderwunsch von derart vielen Faktoren beeinflusst wird, ist es für die Politik extrem schwierig, die Geburtenrate mit einzelnen Massnahmen zu erhöhen. Die Forschung zeigt, dass günstige, grossflächige Kitaangebote oder eine geteilte Elternzeit positive Effekte haben. Diese können jedoch durch andere Faktoren überlagert werden. Es liegt deshalb nahe, dass vor allem ein Zusammenspiel von Massnahmen eine grössere Wirkung entfalten kann.
Was die Swiss-Life-Umfrage ebenfalls zeigt: Eltern sind im Schnitt ähnlich zufrieden wie Kinderlose. Die finanzielle Situation ist mit Kindern zwar etwas schwieriger. Dafür ist die Zufriedenheit in anderen Bereichen wie der jetzigen Lebenssituation höher.