Darum gehts
- Geburtenrate in der Schweiz sinkt auf 1,29 Kinder pro Frau
- Hohe Wohnkosten Hauptgrund für Geburtenrückgang laut Studien aus USA
- Auch andere Studien belegen negative Auswirkungen von steigende Wohnkosten auf Geburten
- Immobilienpreise in der Schweiz seit 2010 um fast 80 Prozent gestiegen
Früher träumten Paare in der Schweiz von Kinderzimmern. Heute sind sie froh, wenn sie eine Wohnung für zwei Personen finden. Die Lust auf Nachwuchs ist dahin, wie die rekordtiefe Geburtenrate zeigt: Sie liegt bei nur noch 1,29 Kindern pro Frau. Zum Vergleich: Bis vor vier Jahren lag sie immerhin noch bei 1,5.
Die deutsche Landesbank Baden-Württemberg LBBW hat den Zusammenhang zwischen Immobilienpreisen und Geburtenraten für 14 Länder untersucht – auch für die Schweiz. In Norwegen und Schweden haben sich die Hauspreise von 2000 bis 2010 verdoppelt. Anschliessend sank die Geburtenrate bis 2023 um mehr als 0,5 Kinder pro Frau. In der Schweiz folgte auf einen Preisanstieg von 30 Prozent ein Rückgang von 0,2 Kindern pro Frau. In Deutschland blieben die Preise über diese zehn Jahre stabil – und die Geburtenrate blieb im Anschluss unverändert.
Wohnkosten verursacht gut die Hälfte des Rückgangs
Die LBBW hat nicht untersucht, ob die Preisanstiege auch wirklich die Ursache für den Geburtenrückgang sind. In einer Forschungsarbeit an der Universität Toronto (Kanada) von Anfang November wurde dieser kausale Zusammenhang jedoch belegt. Sie zeigt: Steigende Wohnkosten sind in den USA der Haupttreiber und für 51 Prozent des Geburtenrückgangs von 2000 bis 2020 verantwortlich.
Wer unbedingt Nachwuchs will, weicht in weniger attraktive und dadurch günstigere Ortschaften aus. Viele Erwachsene entscheiden sich bei steigenden Wohnkosten aber für weniger Kinder. Kleinfamilien benötigen weniger Wohnfläche. Zudem haben die Eltern dann mehr in der Tasche, damit sie ihr Einzelkind wie gewünscht fördern können. Andere wiederum verzichten wegen der höheren Wohnkosten ganz auf Nachwuchs, weil dieser verstärkt in Konkurrenz zu finanzieller Sicherheit und materiellen Bedürfnissen gerät.
Immo-Effekt vergleichbar mit verbesserter Frauenbildung
Die negativen Auswirkungen steigender Wohnkosten auf die Geburtenzahl ist breit dokumentiert: Eine Forschung aus den Niederlanden, die jüngst in einem Wissenschaftsjournal veröffentlicht wurde, kommt zu ähnlichen Schlüssen. In einem teuren Mietwohnungsmarkt sinken die Geburten, da die hohen Wohnenkosten das Budget für Kinder einschränkt.
In einer globalen Studie der Universität Tongji in China wurde gar ein Zeitraum von über 140 Jahren untersucht. Das Ergebnis: Die Auswirkungen des realen Anstiegs der Hauspreise sind vergleichbar mit den Effekten einer verbesserten Bildung von Frauen in diesem Zeitraum auf die Geburtenrate.
Löhne können mit Angebotsmieten nicht mithalten
Bei jungen Menschen sind dabei besonders die Angebotsmieten zentral, also die Mietzinsen der inserierten Wohnungen: Sind diese verhältnismässig teuer, wohnen junge Erwachsene länger bei den Eltern und haben entsprechend nach einem Auszug weniger Zeit für die Familienplanung. Liebäugelt ein Paar mit Nachwuchs, müssen grössere Wohnungen im bezahlbaren Rahmen verfügbar sein – und auch hier sind die Angebotsmieten häufig entscheidend. Günstigere langjährige Mietverträge helfen da wenig. Zu gross ist die Lotterie, ob man eine solche Wohnung unter der Hand kriegt.
Gemäss Zahlen der Immobilienberatungsfirma Iazi, die Blick exklusiv vorliegen, haben die Angebotsmieten im Mieterland Schweiz seit 2010 um gut 27 Prozent zugelegt. Die Nominallöhne kletterten hingegen nur um 12 Prozent. Sprich: Wer umzieht, kann sich weniger Wohnfläche leisten. Ein Upgrade hin zu einer grösseren Wohnung wird immer schwieriger.
Wohneigentum kann Geburtenrate erhöhen
Die Angebotsmieten in der Schweiz werden auch 2026 zulegen. Die Raiffeisen rechnet mit einer Erhöhung von 2 bis 3 Prozent, wobei es an begehrten Lagen deutlich mehr sein kann.
Steigende Immobilienpreise können in einer bestimmten Situation aber auch zu mehr Nachwuchs führen, so die niederländische Studie. Besitzt ein junges Paar ein Haus, das über mehrere Jahre im Wert steigt, wächst das Gefühl von finanzieller Sicherheit. Und das führt zu mehr Nachwuchs.
Das Problem dabei: Die rasant steigenden Preise versperren jungen Menschen den Zugang zu einem Eigenheim. In der Schweiz sind die Immobilienpreise seit 2010 um knapp 80 Prozent gestiegen. Für Junge ist das Betongold ohne hohe finanzielle Zuwendungen der Eltern nur selten realistisch. Schweizer Eigentümer sind im Schnitt über 60 Jahre alt. Von dieser Gruppe ist kein Nachwuchs mehr zu erwarten.