Darum hadern Junge mit dem Kinderkriegen
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«Sehr schwierig im Moment»:Darum hadern Junge mit dem Kinderkriegen

Ist uns der Nachwuchs zu teuer?
So viel kostet ein Kind bis zur Volljährigkeit

Die Geburtenrate in der Schweiz ist extrem tief: Nur 1,29 Kinder pro Frau. Ein Demografie-Forscher schlägt im Blick-Interview Alarm. Ein Kind kostet in der reichen Schweiz bis zur Volljährigkeit viel Geld.
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Demografie-Forscher Hendrik Budliger warnt, dass die Schweiz bei der aktuellen Geburtenrate ausstirbt.
Foto: Zvg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Geburtenrate bei 1,29 Kindern pro Frau, Bevölkerung schrumpft ohne Zuwanderung
  • Kinder kosten bis zum 18. Lebensjahr bis zu 500'000 Franken
  • Fremdbetreuung zählt laut OECD zu den teuersten weltweit
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Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

Die Schweizer Bevölkerung bekommt zu wenig Kinder. Die Geburtenrate pro Frau liegt gemäss aktuellsten Zahlen gerade mal noch bei 1,29 Kindern. «Wir brauchen wieder mehr Geburten, sonst sterben wir aus! Langfristig geht es um das Überleben unserer Gesellschaft», wählt Demografie-Forscher Hendrik Budliger (51) im Interview mit Blick drastische Worte. 

Die Babyflaute betrifft lange nicht nur die Schweiz: Mittlerweile liegen weltweit zwei Drittel der Länder unter der Reproduktionsrate: 2,1 Kinder pro Frau sind nötig, damit ein Land seine Einwohnerzahl halten kann. Taiwan hat neuerdings mit 0,69 die tiefste Geburtenrate der Welt. Bei einer solchen Rate würde sich die Bevölkerungszahl in den nächsten 50 Jahren ohne Zuwanderung auf unter 13 Millionen etwa halbieren.

Kinder als Altersvorsorge oder zu teuer

Am anderen Ende der Skala sind Länder wie Somalia mit 6,1 Kindern pro Frau. Bleiben die Somalierinnen und Somalier so produktiv, verdreifacht sich die Bevölkerung des afrikanischen Landes bis 2076 auf über 60 Millionen. Die Ursache: In den geburtenreichsten Ländern fehlt eine staatliche Rente. Die Kinder sind also für die Altersvorsorge zentral. Zudem werden Frauen in diesen Ländern meist stark unterdrückt, und es fehlt am Zugang zu Verhütungsmitteln. 

Die geburtenärmsten Länder wie Taiwan oder Südkorea hingegen sind wirtschaftlich hochinnovativ, das Leben dort jedoch extrem kompetitiv. In der ausgeprägten Arbeitskultur sind Kinder oft ein beruflicher Nachteil. Zudem können sich viele Paare schlicht keinen Nachwuchs leisten. Denn: Die Mieten sind horrend und die Kosten im Schulsystem enorm.

Die Schweiz liegt zwischen den Extremen. Und würde bei der aktuellen Geburtenrate ohne Zuwanderung innerhalb von 50 Jahren auf gut 7 Millionen Einwohner schrumpfen – eine Abnahme um rund 2 Millionen. Denn auch hierzulande haben die Kosten für Kinder eine abschreckende Wirkung. Nachwuchs müsse man sich aus finanziellen Gründen gut überlegen, ist in einer Strassenumfrage von Blick mehrfach zu hören. 

1400 bis 1900 Franken pro Monat

In der Schweiz kursiert die Faustregel, dass ein Kind bis zum Erwachsenenalter rund 1 Million Franken kostet. Mehrere Berechnungen zeigen, dass das in etwa hinkommt.

Zum einen sind da die direkten Kosten, die der Nachwuchs verursacht: Ein Kind muss essen, braucht Kleider, eine Krankenkasse, muss zum Arzt, hat Hobbys und benötigt Platz. Das alles macht bei Kleinkindern im Schnitt gut 1400 Franken pro Monat aus – und steigt dann – Stichwort Zahnspange – bis ins Teenageralter auf monatlich etwa 1900 Franken, wie Zahlen aus dem Kanton Zürich zeigen. Summiert man all diese Ausgaben bis zum 18. Lebensjahr auf, ergibt dies einen Betrag von über 350'000 Franken – wobei diese Rechnung noch keine allfällig teuren Hobbys enthält. 

Schweiz schneidet bei Betreuungskosten mies ab

Ein weiterer Kostenpunkt belastet das Portemonnaie von Schweizer Familien besonders stark. Gemäss einer OECD-Studie zählt die Fremdbetreuung in der Schweiz zu den teuersten der Welt.

Rechnet man die Betreuungskosten von bis zu 120'000 Franken pro Kind dazu, kostet ein Kind fast eine halbe Million Franken. Ein Kitaplatz schlägt pro Tag und Kind etwa mit 130 Franken zu Buche. Die Betreuungskosten variieren je nach Einkommen und Wohnort. Bei zwei Betreuungstagen pro Woche müssen Eltern mit 1000 bis 1400 Franken rechnen. 

Die indirekten Kosten sind immens

Damit fehlt noch ein ganzes Stück bis zur Million. Was Eltern aber nicht ausser Acht lassen dürfen: die indirekten Kosten. Die Eltern reduzieren meist ihr Arbeitspensum, damit sie sich um ihren Nachwuchs kümmern können. Sprich: Einerseits sinkt das Einkommen, andererseits auch die Sozial- und Rentenbeiträge. Da die Mütter ihr Pensum in der Regel deutlich stärker reduzieren als die Väter, gehen ihnen zudem häufig Karriere- und Aufstiegschancen durch die Lappen. Das schlägt sich ebenfalls im Einkommen nieder.

All diese indirekten Kosten werden grob auf eine halbe Million Franken geschätzt. Insgesamt kostet ein Kind die Eltern in der Schweiz also gegen 1 Million Franken, wie die Baloise-Versicherung Anfang 2025 berechnet hat. 

Wer Kinder will, muss in der Schweiz folglich häufig die eigene Karriere hinten anstellen oder auf mehr Wohlstand verzichten. 

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