Darum gehts
Knapp einen Monat tobt der Iran-Krieg schon. Seither herrscht Chaos im internationalen Luftverkehr: Airlines müssen Flüge streichen oder Routen kurzfristig ändern, Hunderte Flieger bleiben am Boden. Mittlerweile haben einige Fluggesellschaften ihren Betrieb an wichtigen Drehkreuzen im Nahen Osten wieder aufgenommen. Trotzdem: Von Normalverkehr kann keine Rede sein. Besonders hart ist das für die grössten Luftfahrt-Konkurrenten Europas: die Airlines aus den Golfstaaten.
Emirates, Qatar, Etihad – die Golf-Carrier sind seit Kriegsausbruch mit einem Bruchteil ihrer Kapazitäten unterwegs. Ein Index des Flugportals Flightradar24 zeigt eindrücklich, wie sehr ihr Streckennetz eingebrochen ist.
So betreibt Qatar Airways derzeit weniger als einen Fünftel der geplanten Verbindungen. Zum Vergleich: Das ist weniger als zu Beginn der Corona-Zeit. Bei Etihad aus Abu Dhabi sind es um die 40 Prozent. Emirates, der grösste Player aus Nahost, ist zwar mit rund zwei Drittel der Flotte unterwegs. Doch laut Medienberichten sind die Flieger oftmals leer.
Europäer können jetzt Marktanteile gewinnen
Weil der Iran-Krieg die ertragsstarken Golf-Airlines aus dem Verkehr zieht, eröffnen sich für die europäischen Fluggesellschaften neue Chancen. Vor Ausbruch des Iran-Kriegs beförderten die Golf-Carrier zusammen mit Turkish Airlines rund ein Drittel aller Passagiere zwischen Europa und Asien. Mit ihrem Wegfall sank allein in Deutschland das Angebot um etwa 5000 Sitzplätze. Diese Lücke können europäische Fluglinien jetzt mit zusätzlichen Flügen füllen – und so ihre Position im Markt stärken.
Gleichzeitig hoffen Airlines aus Europa auf ein einträgliches Geschäft: «Während das Angebot sinkt, bleibt die Nachfrage weiterhin hoch», sagt der Aviatik-Experte und HSG-Dozent Andreas Wittmer (52) zu Blick. Das treibt die Ticketpreise nach oben. «Europäische Airlines versuchen nun, ihre Kapazitäten dort einzusetzen, wo die Nachfrage erhöht ist», so der Experte.
Die Swiss hat bereits reagiert. Sie hat ihr Angebot in die indische Stadt Delhi auf zwei Flüge pro Tag verdoppelt – weil «zahlreiche Passagiere von anderen Fluggesellschaften ihre ursprünglich über die Golfregion gebuchten Flüge derzeit nicht antreten können», heisst es dazu in einer Swiss-Medienmitteilung. Auf Anfrage ergänzt eine Sprecherin: «Wir verzeichnen eine deutlich erhöhte Nachfrage nach direkten Langstreckenverbindungen von und nach Asien. Nebst Indien betrifft diese zum Beispiel auch die Destinationen Bangkok, Singapur oder Hongkong.» Auch Carsten Spohr (59), CEO der Swiss-Mutter Lufthansa, konnte der Situation zuletzt etwas Positives abgewinnen: «Wir haben 40 zusätzliche Flüge von und nach Asien gemacht, und sie waren alle innerhalb weniger Tage gefüllt», sagte er beim Jahrestreffen des Lobbyverbands Airlines for Europe.
«Die Europäer betreiben nur Schadensbegrenzung»
Doch Luftfahrt-Experte Wittmer ist skeptisch, wie viel Gewinn die europäischen Airlines tatsächlich mitnehmen können. «Es gibt aktuell nur Verlierer in der Luftfahrt», sagt er. «Der Golf verliert klar am stärksten, aber auch die Europäer betreiben meines Erachtens vor allem Schadensbegrenzung.» Mit der Anhebung der Ticketpreise könne man zwar einige Verluste abfedern. Doch die explodierenden Kerosinpreise und gegroundeten Flieger würden auch europäische Airlines unter Druck setzen. «Hinzu kommt, dass es beim Asiengeschäft zwar einen Nachfrageboom gibt. Gleichzeitig bricht aber das Transatlantikgeschäft in Richtung USA ein, weil die Gäste aus dem Nahen Osten fehlen.»
Zwar eröffnen sich auch dort neue Chancen für Europa: Die steigenden Kerosinpreise treffen die US-Fluggesellschaften hart. Im Gegensatz dazu haben sich die Europäer aber Monate im Voraus mit Treibstoff zu noch tieferen Fixpreisen eingedeckt – also sogenanntes Hedging betrieben. Dadurch sind sie besser vor der Preisexplosion geschützt. Während US-Airlines nun als verzweifelte Reaktion teils ihr Streckennetz eindampfen, können europäische Anbieter das Transatlantik-Angebot stabiler aufrechterhalten. Trotzdem betont Wittmer: «Ob für europäische Airlines schlussendlich tatsächlich ein Gewinn aus dieser Situation resultiert, ist alles andere als sicher.»