Darum gehts
- Italiens Strände stehen vor Umbruch: EU-Reform fordert bis 2027 Neuausschreibungen
- In Ostia werden private Lidos geschlossen, mehr öffentliche Strände geplant
- Nur 1,2 von 11,3 km Strand in Ostia sind aktuell gratis zugänglich
Auch dieses Jahr verbringen zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer ihre Sommerferien bei unserem südlichen Nachbarn. Trotz kilometerlangen Staus vor dem Gotthard: Die Strände in Sizilien, Apulien oder Ligurien sind die Warterei offensichtlich wert.
An der italienischen Küste scheint dabei alles wie immer: bunte Sonnenschirme, dicht an dicht stehende Liegen, Familienbetriebe, die ihre Lidos seit Generationen führen. Doch der Schein trügt. Eine Reform der EU sorgt bei den Lido-Betreibern für Unmut. Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in Ostia, dem Küstenvorort der Hauptstadt Rom. Die italienischen Behörden haben dort gleich drei private Strandbetriebe geschlossen, wie mehrere Medien übereinstimmend berichten.
So wird das Strandbad Shilling wegen Bauvergehen und weiterer Vorwürfe gegen die Betreiber abgerissen. Dem benachbarten Strandbad Sporting Beach geht es genauso. Auch die Konzession des beliebten Beachclubs Village sackte die Stadt wegen möglicher Verstrickungen mit der Mafia ein. Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri (60) will die bisher privaten Strandabschnitte nun für die Öffentlichkeit zugänglich machen – und damit sogenannte Spiaggia Libera schaffen.
Rom steht sinnbildlich für das ganze Land
In Ostia sind aktuell nur 1,2 der insgesamt 11,3 Küstenkilometer gratis zugänglich. In Zukunft sollen es 6,5 Kilometer sein – die Zahl der privaten Anbieter soll auf 35 halbiert werden. Die Lidos vor Rom stehen dabei sinnbildlich für die Entwicklung der Strände in Italien.
Denn die Kritik gegen die privat verpachteten Abschnitte wird immer lauter. Liegen kosten jedes Jahr mehr, hohe Zäune beschränken den Zugang für die Öffentlichkeit. Manche davon wurden gar ohne eine Bewilligung aufgebaut. Insgesamt müssen Touristen an rund 42 Prozent der italienischen Sandstrände zahlen. Und das, obwohl die italienische Küste rechtlich dem Staat gehört. Der Zugang zum Meer muss per Gesetz grundsätzlich kostenlos sein. Darum diskutieren auch Behörden in anderen Provinzen wie Ligurien und Apulien über die Schliessung privater Strandbetriebe.
Was bringen Neuausschreibungen?
Hintergrund ist eine Reform der EU, die unsere Badeferien in Italien grundlegend verändern könnte. Spätestens bis Juni 2027 muss Italien sämtliche Strandkonzessionen neu ausschreiben. Grundlage ist die sogenannte EU‑Bolkestein‑Direktive aus dem Jahr 2006. In Italien betrifft das rund 30'000 Lido‑Betreiber – und damit Familienbetriebe, die seit Jahrzehnten die Bezahlstrände führen.
Mit der Reform will die EU den Wettbewerb im Binnenmarkt ankurbeln. Einheimische Betreiber fürchten, durch eine Neuausschreibung von internationalen Anbietern verdrängt zu werden. Entsprechend heftig wehren sie sich gegen das Vorhaben der Behörden: Die Lido-Inhaber sprechen von «Ausverkauf» und «Enteignung». Jahrzehntelang hätten sie in ihre Strandanlagen investiert. Zudem warnen sie vor Preissteigerungen, weil Konzessionsgebühren auf die Gäste abgewälzt werden könnten. Auf der anderen Seite könnten die italienischen Behörden den Touristen auch einen Gefallen tun. Nämlich, wenn sie mehr Strandflächen öffentlich – und damit kostenlos – zugänglich machen.