Miete, Krankenkasse, Schicksal
Drei Millionen Schweizer haben kaum Erspartes!

Fast drei Millionen Steuerpflichtige in der Schweiz haben kein oder kaum Vermögen. Steigende Mieten, Krankenkassenprämien und Schicksalsschläge treiben immer mehr Haushalte in finanzielle Engpässe. Die Zahl der Betreibungen erreicht Rekordwerte.
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Tanja C. kämpft mit einem Schuldenberg von 15'000 Franken.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Haushalte verzeichnen 15,4 Prozent Zahlungsrückstände laut Statistik 2024
  • Über 50 Prozent der unter 40-Jährigen können nicht sparen aufgrund von Fixkosten
  • Zwangsräumungen in Lausanne und Neuenburg stiegen um 50 Prozent seit 2022
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Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

«Ich habe Angst, meinen Briefkasten zu öffnen», erzählt Tanja C.*(36) gegenüber Blick. Die Solothurnerin steckt in der Schuldenfalle. Mit einem Nettoeinkommen von 3560 Franken muss sie einen Kleinkredit von 15'000 Franken zurückzahlen. Das geht mit den Fixkosten kaum auf. Zudem tauchen regelmässig weitere Rechnungen im Briefkasten auf. Zuletzt die Steuern in Höhe von 6000 Franken.

C.* ist lange kein Einzelfall: Die Zahl der Haushalte mit Zahlungsrückständen ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Ein finanzieller Absturz steht vielen näher, als ihnen lieb oder gar bewusst ist. Fast drei Millionen Steuerpflichtige im Land versteuern keinerlei oder nur ein Mini-Vermögen. Das ist mehr als jeder Zweite.

«Wenn das Budget knapp ist und etwas Unvorhergesehenes geschieht, sind die finanziellen Probleme rasch Realität», sagt Philipp Frei (41), Geschäftsführer des Dachverbands Budgetberatung Schweiz. Das weit verbreitete Bild: «Sprechen wir über verschuldete Menschen, ist für viele klar, dass die Situation selbstverschuldet ist. Meist ist die Ursache jedoch ein nicht planbares Ereignis.»

Die Zahlen bestätigen: Zum Teil liegt es an einer schlechten Budgetplanung oder einer Überforderung mit administrativen Arbeiten wie dem Zahlen von Rechnungen. Am häufigsten ist es jedoch ein Schicksalsschlag, der einen Haushalt in die Schuldenfalle treibt. Das zeigt eine Auswertung von Schuldenberatung Schweiz. Hierzu zählen eine langwierige Krankheit, ein Unfall, eine Scheidung oder ein Jobverlust. «Plötzlich hat man 20 bis 30 Prozent weniger zur Verfügung, und das können viele Haushalte finanziell nicht verkraften», so Frei. Besonders betroffen: Alleinerziehende.

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Die Hälfte der Menschen kann nicht sparen

Die finanzielle Lage von Personen spitzt sich oft auch schleichend zu: Hier ist es eine Kombination aus tiefem Einkommen und steigenden Fixkosten. Für Haushalte mit einem Einkommen unter 6000 Franken ist die Belastung durch steigende Mieten und Krankenkassenprämien in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Jüngst kam eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Sotomo zu einem alarmierenden Ergebnis: Demnach gehen bei zwei von fünf Haushalten mehr als 30 Prozent des Einkommens für die Wohnung drauf.

Die hohe finanzielle Belastung erschwert es, Rücklagen zu bilden: In einer Umfrage der Versicherung Baloise und des Marktforschungsinstituts Yougov Schweiz vom vergangenen Herbst gaben die Hälfte der Befragten an, nichts auf die Seite legen zu können. Sparen? Unmöglich. «Die frei verfügbaren Einkommen sind in vielen Haushalten massiv gesunken», sagt Frei.

Eine grosse Rechnung, und es wird eng. Da überrascht es kaum, dass immer mehr Haushalte in Zahlungsrückstand geraten. 2022 waren davon noch 12,1 Prozent betroffen, zwei Jahre später bereits 15,4 Prozent, so der aktuellste Wert des Bundesamts für Statistik vom Februar. Eine Folge: Die Zahl der Betreibungen von Privatpersonen hat in den letzten Jahren massiv zugenommen und vielerorts Rekordwerte erreicht.

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Immer mehr Käufe mit Ratenzahlungen

Fehlt das Geld für Rechnungen, müssen die Haushalte Prioritäten setzen: Wer die Miete nicht zahlt, droht auf der Strasse zu landen. Das erklärt, weshalb die häufigsten Zahlungsrückstände Steuern, Krankenkassenprämien und Kreditkartenrechnungen betreffen. Doch auch die Rückstände bei den Mietzinsen nehmen zu, wie eine Auswertung von Surprise zeigt. Die NGO setzt sich für sozial benachteiligte und von Armut betroffene Menschen in der Schweiz ein. Demnach hat die Zahl der Zwangsräumungen in der Stadt Lausanne und im Kanton Neuenburg innert weniger Jahre um 50 Prozent zugenommen.

Für Haushalte mit knappem Budget sind auch die wachsenden Angebote, auf Pump leben zu können, gefährlich. Zum einen mittels Konsumkrediten. In der jüngsten Vergangenheit verzeichneten aber insbesondere Angebote aus der Kategorie «Jetzt kaufen, später bezahlen» jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich. «Dass wir irrationale Kaufentscheide treffen und uns damit gar verschulden, hat mitunter auch mit Marketing zu tun», schreibt etwa die UBS in einem Ratgeberbeitrag zum Thema Schuldenfalle.

Auch Frei sieht darin ein grosses Problem. «Gerade junge Menschen werden auf Social Media mit Werbung überhäuft.» Auch hier oft mit der Möglichkeit, in Raten zu zahlen. Die Intention dahinter: Kaufen, kaufen, kaufen – auch wenn das nötige Geld fehlt. Was viele nicht auf dem Schirm haben: Geraten sie bei einem Kauf auf Raten oder einem Kredit in Verzug, steigen die Zinsen rapide an.

*Name bekannt 


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