Darum gehts
Mittagspause: Alle stehen auf, und niemand fragt, ob man mitkommen will. Informationen, die man nicht erhält, Gerüchte, die kursieren. Unterschwellige Bemerkungen und Sprüche. Mobbing beginnt leise und endet oft dramatisch. Wie Betroffene richtig reagieren, erklärt Karin Rosatzin gegenüber dem Beobachter.
Karin Rosatzin, oft denken Betroffene: «Warum ich? Was habe ich falsch gemacht?»
Das ist leider so. Betroffene suchen den Fehler häufig bei sich. Dabei ist Mobbing meist das Ergebnis von mehreren ungünstigen Faktoren, die zusammenkommen. Einer inkompetenten Führung zum Beispiel, unklaren Zuständigkeiten, hohem Zeitdruck oder einer Unternehmenskultur, in der abwertende Kommentare nicht gestoppt und Konflikte totgeschwiegen werden.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Dann gibt es das typische «Mobbingopfer» also gar nicht?
Nein. Allerdings steigt das Risiko, wenn jemand auf irgendeine Art und Weise anders ist oder sich anders verhält als der Rest des Teams. Das muss aber nichts Negatives sein. Auch wer beispielsweise besonders engagiert oder leistungsorientiert ist in einem Team, das immer nur das Minimum macht, kann zur Zielscheibe werden. Aber leider auch Arbeitnehmende in einer besonderen Schwächephase, etwa nach einer Krankheit oder in einer schwierigen privaten Situation. Wichtig ist: Das Opfer ist nicht schuld. Die Verantwortung liegt allein bei den Tätern.
Was für Folgen kann Mobbing haben?
Der Körper reagiert meist zuerst: Kopfschmerzen, Magenprobleme oder Schlafstörungen. Psychisch folgen tiefe Verunsicherung und Depressionen bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung. Auch das Privatleben leidet massiv unter dem Gedankenkarussell. Mobbing muss man also immer ernst nehmen – Betroffene wie Arbeitgeberinnen. Sonst können lange Krankschreibungen folgen.
Was raten Sie jemandem, der betroffen ist?
Frühzeitig reagieren! Sobald man eine Situation als seltsam erlebt oder das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt: den Täter oder die Täterin direkt ansprechen. Wer nicht reagiert, lässt möglicherweise unangebrachtes Verhalten zur Normalität werden. Es wird dann meist immer schlimmer.
Karin Rosatzin ist Geschäftsführerin der Fachstelle Konflikt am Arbeitsplatz. Nach über 30 Jahren in verschiedenen HR-Positionen berät und unterstützt sie heute Arbeitgeber und Privatpersonen bei allen Arten von Konflikten.
Karin Rosatzin ist Geschäftsführerin der Fachstelle Konflikt am Arbeitsplatz. Nach über 30 Jahren in verschiedenen HR-Positionen berät und unterstützt sie heute Arbeitgeber und Privatpersonen bei allen Arten von Konflikten.
Was, wenn das Gespräch nichts bringt?
Dann sollten die Vorgesetzten informiert und um Unterstützung gebeten werden. Wenn die Führungskraft selbst Teil des Problems ist, geht man eine Stufe höher oder zur Personalabteilung. Nützt auch das nichts, sollte man sich externe Hilfe holen. Parallel dazu ist ein Mobbingtagebuch empfehlenswert.
Warum ist diese Dokumentation so wichtig?
Es dient nicht nur als Beweismittel für rechtliche Schritte. Es hilft vor allem, Sicherheit im eigenen Erleben zu gewinnen und die Situation mit Abstand einzuordnen: Was ist wann passiert? Wer war dabei? Gab es Zeugen? Oft hilft auch der Blick von aussen durch Freunde oder Familie, um die eigene Wahrnehmung zu prüfen.
Wie hoch ist die Chance, dass man als Mobbingopfer gehört wird?
Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn die Gespräche zu keiner Verbesserung der Situation führen, kann man eine offizielle Mobbingbeschwerde beim Arbeitgeber einreichen und ihn an seine Fürsorgepflicht erinnern. Leider bringt dieser rechtliche Weg oft nicht das, was sich Betroffene wünschen, nämlich eine Art von Gerechtigkeit. Mittelfristig ist eine Kündigung dann oft der sinnvollste Weg. Man sollte das nicht als Scheitern sehen, sondern als Akt der Selbstverantwortung und Selbstfürsorge, um die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen und wieder Freude bei der Arbeit erleben zu dürfen.