Darum gehts
Postautos werden notdürftig mit Klebeband geflickt. Reparaturen an Motoren, Bremsen oder der Elektronik ziehen sich in die Länge. Das kritisieren in Graubünden 42 Postauto-Mitarbeitende aus der Surselva in einem Brandbrief, wie der «Beobachter» publik machte. Die Postauto-Verantwortlichen gaben offen zu, dass in der Region Fahrzeuge mit Mängeln unterwegs seien. Sie betonten jedoch, dass es sich um nicht sicherheitsrelevante Defekte handle, und versprachen Massnahmen: «Sicherheit ist und bleibt oberste Priorität.»
Weitere Recherchen des «Beobachters» gemeinsam mit dem Onlineportal Linth24 zeigen nun: Die Postauto-Probleme bestehen gemäss Meldungen des Fahrpersonals nicht nur in der Surselva, sondern schweizweit. Besonders betroffen sind die Kantone Tessin, Wallis, Jura und Appenzell Ausserrhoden. Mitarbeitende aus diesen Regionen berichten von teils prekären Zuständen der Fahrzeugflotte und warnen vor Gefahren für Strassenverkehr und Fahrgäste.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Ihre Berichte liegen dem «Beobachter und auch der Gewerkschaft Syndicom vor, wie diese auf Anfrage bestätigt. Die Gewerkschaft, die für die Postauto-Chauffeure zuständig ist, wird noch diese Woche die Postauto-Spitze treffen und über Massnahmen verhandeln.
«Die festgestellten Schwierigkeiten sind konkret und bestehen bereits seit einiger Zeit. Angesichts dieser Situation haben die Gewerkschaftsdelegierten der verschiedenen Regionen beschlossen, diese Fragen in den kommenden Wochen auf nationaler Ebene anzusprechen», erklärt die Gewerkschaft.
Syndicom will von Postauto eine bessere Dienstplanung fordern. Diese soll die Ermüdung der Fahrerinnen und Fahrer verringern. Dazu sollen die Fahrzeugflotte erneuert und klarere Verfahren für deren Überwachung und Wartung ausgearbeitet werden. Die Gewerkschaft erwartet, dass «konkrete Massnahmen» ergriffen werden, um die Arbeitsbedingungen «nachhaltig zu verbessern» und den Anliegen des Personals im ganzen Land Rechnung zu tragen.
Berichte zeigen: Postauto-Probleme gibt es schweizweit
Laut den Berichten der Chauffeure bleiben defekte Fahrzeuge im ganzen Land teils wochenlang im Einsatz. Obwohl das Personal die Fahrzeuge jeweils vor Fahrtantritt kontrolliert und Defekte dem Flottenmanager meldet. Oft würden die Schäden dann aber nicht behoben, sondern das betroffene Fahrzeug einem anderen Chauffeur zugeteilt. Die Sicherheit der Fahrgäste sei damit gefährdet, es herrsche ein «echtes Unfallrisiko», heisst es wörtlich in einem Bericht.
Wer sich beschwert, werde nicht ernst genommen. Teilweise fühle sich das Fahrpersonal gar unter Druck gesetzt, trotz Defekten weiterzufahren. «Früher war der Dienstweg für Fahrzeugreparaturen kurz. Aber seit der internen Reorganisation dauert es oft Wochen, bis ein Fahrzeug repariert wird», sagt ein ehemaliger Postauto-Chauffeur aus der Ostschweiz, der anonym bleiben möchte. «Die Probleme, die aktuell bei Postauto herrschen, stellen eine Gefahr für die Fahrgäste und den öffentlichen Verkehr dar. Das habe ich auch meinen Vorgesetzten gesagt. Doch die wollten nicht hören.»
Mit den Sicherheitsbedenken des Personals konfrontiert, schreibt Postauto: «Die Sicherheit unserer Fahrgäste und Mitarbeitenden hat oberste Priorität. Sicherheitsrelevante Mängel werden nicht toleriert. Wo konkrete Hinweise auf sicherheitsrelevante Mängel bestehen, gehen wir diesen nach. Bestehen Zweifel an der Betriebssicherheit eines Fahrzeugs, darf die Fahrt nicht durchgeführt werden, selbst wenn dies zu einem Kursausfall führt.»
Kritik gibt es gemäss den dem «Beobachter» vorliegenden Schreiben auch am neuen Personalplanungssystem. Anders als früher, als Vorgesetzte die Schichtplanung machten, funktioniert das Tool weitgehend automatisiert. Aber dadurch werde weniger Rücksicht auf ausreichende Erholungszeit genommen, heisst es von Seiten der Chauffeure. Es komme zu «extrem belastenden Schichtabfolgen», etwa direkt auf Spätschichten folgende Frühschichten.
Postauto schreibt dazu: «Wir setzen alles daran, dass wir unseren Mitarbeitenden möglichst gute Dienste anbieten können. Die automatische Personaldisposition (APD) unterstützt dabei. Rechtliche Vorgaben werden von APD konsequent eingehalten.» Man sei aktuell daran, sämtliche Personaldisponentinnen und Personaldisponenten weiterzubilden, damit sie Anpassungen künftig «noch rascher und näher an den Mitarbeitenden und Betriebshöfen» umsetzen könnten.
Erste Alarmsignale: Defekte Fahrzeuge im Fricktal
Die Probleme bei Postauto bestehen allerdings seit längerem, etwa im aargauischen Fricktal. Anfang Jahr berichteten die «Aargauer Zeitung» und die «Neue Fricktaler Zeitung» von Fahrzeugausfällen wegen «systematischer Vernachlässigung». Ein Postauto sei acht Tage lang mit einer defekten Tür unterwegs gewesen, auch Ersatzteile fehlten. Postauto-Sprecher Urs Bloch sagte damals der «Aargauer Zeitung»: «Leider war es so, dass in der gleichen Phase bei weiteren Fahrzeugen Reparaturen vorgenommen werden und wir diese priorisieren mussten.» Die defekte Tür habe zu keinem Zeitpunkt ein Sicherheitsrisiko dargestellt.
Mögliche Gründe für die Probleme bei der Postauto AG liegen in der seit 2025 laufenden Umstrukturierung. Neben der neu automatisch vorgenommenen Personaldisposition sollen auch die Fahrzeugflotte zunehmend elektrifiziert und die Zuständigkeiten zentralisiert werden. Angesichts der Berichte, die dem Beobachter vorliegen, scheint es, als habe die Postauto-Spitze den Unmut der Chauffeure lange unterschätzt. Offen ist derzeit, ob die Verhandlungen der Gewerkschaft Syndicom zu Verbesserungen führen werden.